Studienanalyse Kalziumpräparate erhöhen Risiko für Herzinfarkt

Millionen von Menschen schlucken Kalziumpillen, schließlich soll das gut für die Knochen sein. Doch eine Studie erweckt jetzt Zweifel: Kalziumpräparate erhöhen offenbar das Risiko eines Herzinfarktes. Die Forscher fordern nun ein drastisches Umdenken - vor allem bei der Behandlung von Osteoporose.

Kapseln gegen Osteoporose: Kalziumpräparate sind mit Risiken verbunden.
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Kapseln gegen Osteoporose: Kalziumpräparate sind mit Risiken verbunden.

Von Cinthia Briseño


Vor brüchigen Knochen im Alter fürchten sich viele Frauen. Unberechtigt ist die Sorge nicht, denn etwa 30 Prozent aller Frauen entwickeln nach den Wechseljahren eine Osteoporose, die behandelt werden muss. Wie gut, dass man dagegen vorbeugen kann: Immer wieder propagieren Ärzte, Ernährungsexperten und Gesundheitsblättchen, dass Vitamin D und Kalzium dabei helfen - weil sie die Knochen stark machen. Und so gehen gesundheitsbewusste und vor allem ältere Frauen gerne zur Apotheke oder in den Drogeriemarkt, um sich mit Kalziumpräparaten gegen die Knochenschwäche zu wappnen.

Seit einiger Zeit hegen Forscher allerdings Zweifel an den vermeintlich gesunden Vitaminen und Mineralien: Immer wieder brachten Studien zutage, dass Kalziumpräparate zwar die Knochendichte erhöhen können - im Gegenzug aber auch das Risiko von Herzinfarkten deutlich steigern. Jetzt haben sich Wissenschaftler um Ian Reid von der neuseeländischen University of Auckland daran gemacht, den zahlreichen Hinweisen nachzugehen.

In einer Übersichtsstudie, die im "British Medical Journal" nachzulesen ist, analysierten die Forscher elf klinische Untersuchungen mit insgesamt 12.000 Patienten. Die Hälfte aller Probanden hatte Präparate mit Kalzium geschluckt, die andere Hälfte bekam Placebos. Das Ergebnis ist alarmierend: Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass Kalziumpräparate mit einem Anstieg des Herzinfarktrisikos um 30 Prozent in Verbindung stehen - und zwar unabhängig von Geschlecht, Alter und der Art des Präparats.

14 Herzinfarkte pro 1000 Personen

"Wenn 1000 Menschen fünf Jahre lang Kalzium schlucken", sagt Reid, "kann man mit etwa 14 Herzinfarkten mehr rechnen, als bei Personen, die kein Kalzium einnehmen." In der gleichen Gruppe lassen sich durch die Kalziumgabe statistisch 26 Knochenbrüche verhindern - angesichts des gestiegenen Infarktrisikos also ein teuer erkauftes Ergebnis.

Noch ist unklar, auf welche Weise Kalzium zu einer Erhöhung der Knochendichte führt, aber offenbar können höhere Kalziumwerte im Blut gefährlich fürs Herz sein. Ebenso wissen die Forscher nicht, wieso Kalzium einen solchen Effekt hat. "Nach der Einnahme eines Präparates steigen innerhalb der nächsten sechs Stunden die Kalziumwerte im Blut auf das Höchstniveau des Normalbereichs an", erklärt Reid. "Das passiert nicht, wenn man Kalzium durch die Nahrung aufnimmt, weil es dann nur langsam absorbiert wird."

Höhere Kalziumwerte im Blut, so die Vermutung der Forscher, könnten dazu führen, dass sich gefährliche Kalkablagerungen, sogenannte Plaques, in den Blutgefäßen bilden - nicht nur Herzattacken, auch Schlaganfälle und andere Herz-Kreislauferkrankungen könnten die Folge sein. Tatsächlich beobachteten die Wissenschaftler eine erhöhte Anzahl von Schlaganfällen und Todesfällen bei den Probanden, die Kalziumpräparate eingenommen hatten, allerdings war dieser Zusammenhang statistisch nicht aussagekräftig.

Experten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) halten die Schlussfolgerung der Analyse, dass Kalzium-Präparate das Herzinfarktrisiko um 30 Prozent erhöhen, noch nicht für vollkommen gesichert. So steigt zum Beispiel das Risiko erst bei einer Gabe von mehr als 805 Milligramm Kalzium pro Tag, bei mehr als 1000 Milligramm sinkt es jedoch wieder. Deshalb werden weitere Studien erforderlich sein, um die Aussagen zu präzisieren.

Angesichts der Faktenlage fordert John Cleland von der University of Hull in England in einem Begleitartikel des "British Medical Journals" dennoch drastische Maßnahmen: Solange nicht gesichert sei, ob das Kalzium das Herzinfarktrisiko tatsächlich erhöhe, sollten Patienten mit Osteoporose kein Kalzium, weder allein noch in Kombination mit Vitamin D, mehr bekommen.

Demnach sollte die Rolle von Kalzium, vor allem bei der Osteoporose-Behandlung, aber generell auch bei gesunden Personen neu bewertet werden, fordern die Wissenschaftler. "Viele Menschen glauben, dass Kalziumpräparate etwas ganz natürliches seien. Das sind sie aber überhaupt nicht", sagte Reid. Ohnehin ist der Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln, darunter auch viele Vitaminpräparate umstritten - weil viele von ihnen ebenfalls gefährliche Nebenwirkungen haben, wie zahlreiche Studien beweisen.

Mit Material von AFP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 16 Beiträge
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efka 30.07.2010
1. Ach das ist aber NEU!
Sie schreiben, dass sogenannte Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel, die immer mit dem netten Satz: "Bei Fragen wenden Sie sich bitte an Ihren Arzt oder Ihren Apotheker", Schäden verursachen können. Das ist ja eine superneue Tatsache! Wie kann mann denn so was sagen - Die Mehrheit der Pharmakonzerne können doch nicht irren - und schon gar nicht unsere Vertreter der Krankenkassen und unsere wohlmeinenden Politiker!!! Nur rein aus Interesse mal da http://www.dr-schnitzer.de/emailnachrichten.html#20.%20Juli%202010 oder http://www.selfgrowth.com/video/astonishing-health-disaster reinschauen! FK
pm22 30.07.2010
2. ...
Man muss sich oftmals fragen wie dämlich Forscher und Ärzte sind!? Es gibt Studien die einen höheren Magnesiumgehalt im Trinkwasser mit geringeren Herzinfarktraten in Verbindung bringen. Und natürlich kann ein Wirkstoff oder auch Nährstoff in hoher Dosierung auf der einen Seite Vorteile (z.B. Knochendichte) und auf der anderen Seite negative Auswirkungen haben. Zu Kalzium gehört auch immer das richtige Verhältnis von Magnesium in der Nahrung und auch in Nahrungsergänzungsmitteln. Zumal ist eine sehr hohe Kalziumempfehlung von 800-1200MG für Erwachsene sehr umstritten. Einige Experten sehen die Kalziumbedarf eher bei 400-600MG pro Tag. Ein hoher Kalziumlevel drückt den Magnesiumlevel in den Keller! Starker Magnesiummangel kann zu leichter Knorpeldegeneration führen (Arthrose). Wäre in der Studie eine entsprechende Menge an Magnesium zum Kalzium zugeführt worden, wären die negativen Konsequenzen für das Herz und Aterien ggf. nicht passiert! Auch für den Knochenbau ist Magnesium sehr wichtig. Zudem kommte es bei einer guten Magnesiumversorgung weniger zu Paradontose und Zahnlockerung im Alter. Es gibt eine Studie die hohe Kalziumzufuhr per Nahrungsergänzungsmittel mit erhöhter Demenzgefahr in Verbindung bringt. Ganz wichtig und stark unterschätzt ist auch das VitaminK2 zur Verhinderung von Plaque in Aterien!!! Auch Boron spielt eine wichtige Rolle in der Kalziumregulierung. Es kann also gut sein dass Dt. Ärzte mit jahrelanger Propaganda für Kalzium im Alter (ohne Magnesium) letztlich mehr Schaden als Nutzen angerichtet haben.
brain_in_a_tank, 30.07.2010
3. Vitamin D?
In dem Artikel wird deutlich hervorgehoben, dass nur Arbeiten beruecksichtigt wurden, in denen kein Vitamin D neben dem Calcium verabreicht wurde. ---Zitat von Bolland et al.--- "Our study has some limitations. We excluded studies that compared coadministered calcium and vitamin D supplements with placebo. The results therefore may not apply to coadministered calcium and vitamin D supplements." ---Zitatende--- Daher ziehen die Autoren auch nur ihren Schluss auf eine Calcium Gabe, aber nicht zusammen mit Vitamin D: ---Zitat von Bolland et al.--- "In summary, randomised studies suggest that calcium supplements without coadministered vitamin D are associated with an increased incidence of myocardial infarction. The vascular effects of calcium supplements, especially without vitamin D, should be studied further." ---Zitatende--- Sie diskutieren diese Limitierung sogar noch eingehender in Zusammenhang mit einer anderen Studie: ---Zitat von Bolland et al.--- "Recently, the Women’s Health Initiative reported that calcium and vitamin D had no effect on the risk of coronary heart disease or strokeout vitamin D, should be studied further." ---Zitatende--- Dieser Aspekt wird im SPON Artikel leider uebergangen. Dabei spielt Vitamin D eine wichtige Rolle bei der Regulation des Calcium-Spiegels und dem Einbau in den Knochen. Eine reine Calcium Gabe ohne Vitamin D Supplement erscheint mir auch wenig geschickt zu sein. Der positive Aspekt von Vitamin D wird auch in diesem focus Artikel (http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/gesundessen/tid-17499/vitamin-d-der-unterschaetzte-schutzschild_aid_488130.html) besprochen. Aber wie bei vielen Vitaminen kommt es auf die richtige Dosierung an. Bei zu viel kann es schnell zu schaedigungen kommen. Daher sollten hohe Supplementierungen eigentlich Verbunden sein mit regelmaessigen Blutbilduntersuchungen, damit die Werte nicht atypisch hoch werden. Naja, der menschliche Koerper ist ein komplexes System, ein einseitiges Eingreifen durch das Hochregulieren einer Komponente kann sehr Wahrscheinlich auch immer an anderer Stelle einen unerwuenschten Effekt haben. Letztlich kommt es darauf an, dass durch eine angemessene Ernaehrung der Bedarf optimal gedeckt ist. Aber wie kann man sicherstellen, dass die Ernaehrung optimal ist, zumal man weniger und weniger den Nahrungsprodukten trauen mag...
pulegon 30.07.2010
4. Calcium supplements (without coadministered vitamin D)
Zitat von sysopMillionen von Menschen schlucken Kalziumpillen, schließlich soll das gut für die Knochen sein. Doch eine Studie erweckt jetzt Zweifel: Kalziumpräparate erhöhen offenbar das Risiko eines Herzinfarktes. Die Forscher fordern nun ein drastisches Umdenken - vor allem bei der Behandlung von Osteoporose. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,709272,00.html
einfach mal Quellen lesen. Man hat also lediglich Studien einbezogen mit Calciumgaben über 500 mg/d ohne weitere Zusätze. Der Dachverband Osteologie weißt darauf hin (http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/034-003.htm#060), dass zusätzliche Calciumgaben bei Vitamin D Mangel das kadiovaskuläre Risiko erhöhen. Und selbst wenn sie den Apotheker (http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=5255) fragen, wird der ihnen einen einseitige Calciumgabe nicht empfehlen. Die Studie sagt also nur soviel wie:Hör auf dich mit Nahrungsergänzungen aus dem Supermarkt vollzukippen und frag lieber jemanden, der sich damit auskennt. Da Calcium sowohl bei der neuronalen Impulsleitung, als auch bei der Blutgerinnung eine große Rolle spielt, sollte man da einfach nicht eigenmächtig dran rumspielen.
pulegon 30.07.2010
5. Fragen über Fragen.
Zitat von pm22Man muss sich oftmals fragen wie dämlich Forscher und Ärzte sind!? Es gibt Studien die einen höheren Magnesiumgehalt im Trinkwasser mit geringeren Herzinfarktraten in Verbindung bringen. Und natürlich kann ein Wirkstoff oder auch Nährstoff in hoher Dosierung auf der einen Seite Vorteile (z.B. Knochendichte) und auf der anderen Seite negative Auswirkungen haben. Zu Kalzium gehört auch immer das richtige Verhältnis von Magnesium in der Nahrung und auch in Nahrungsergänzungsmitteln. Zumal ist eine sehr hohe Kalziumempfehlung von 800-1200MG für Erwachsene sehr umstritten. Einige Experten sehen die Kalziumbedarf eher bei 400-600MG pro Tag. Ein hoher Kalziumlevel drückt den Magnesiumlevel in den Keller! Starker Magnesiummangel kann zu leichter Knorpeldegeneration führen (Arthrose). Wäre in der Studie eine entsprechende Menge an Magnesium zum Kalzium zugeführt worden, wären die negativen Konsequenzen für das Herz und Aterien ggf. nicht passiert! Auch für den Knochenbau ist Magnesium sehr wichtig. Zudem kommte es bei einer guten Magnesiumversorgung weniger zu Paradontose und Zahnlockerung im Alter. Es gibt eine Studie die hohe Kalziumzufuhr per Nahrungsergänzungsmittel mit erhöhter Demenzgefahr in Verbindung bringt. Ganz wichtig und stark unterschätzt ist auch das VitaminK2 zur Verhinderung von Plaque in Aterien!!! Auch Boron spielt eine wichtige Rolle in der Kalziumregulierung. Es kann also gut sein dass Dt. Ärzte mit jahrelanger Propaganda für Kalzium im Alter (ohne Magnesium) letztlich mehr Schaden als Nutzen angerichtet haben.
Das frag ich mich bei vielen Menschen unabhängig von ihrem Beruf. Übrigens heißt es Bor und nicht Boron, wenn schon sollten Sie es komplett in Deutsch halten. Es kann auch gut sein, dass wir alle bald wieder zum Schamanismus über gehen und durch den Urwald hopsen, weil ja der böse wissenschaftliche Fortschritt schuld ist, dass wir alle nicht mehr 300 Jahre und älter werden.
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