Südafrika Fast jeder zweite Schüler berichtet von Vergewaltigungen

Sexuelle Gewalt als Massenphänomen: Bei einer Befragung gaben 40 Prozent der Schüler in Südafrika an, schon einmal vergewaltigt worden zu sein. Seit Jahren bekommt die Regierung das Problem nicht in den Griff.


Johannesburg - Es ist eine bedrückende Statistik, die Neil Andersson und Ari Ho-Foster von der Nicht-Regierungsorganisation CIET Trust vorlegen. Demnach sind in Südafrika 40 Prozent aller Schüler unter 18 Jahren mindestens einmal vergewaltigt worden. Die beiden Forscher hatten 1200 Jugendliche an südafrikanischen Schulen befragt. Ihre Erkenntnisse haben die Wissenschaftler auf der Website des "International Journal for Equity in Health" veröffentlicht.

Protest gegen sexuelle Gewalt in Johannesburg: Im Schnitt 131 angezeigte Fälle pro Tag
AP

Protest gegen sexuelle Gewalt in Johannesburg: Im Schnitt 131 angezeigte Fälle pro Tag

In 20 Prozent aller Fälle gaben die Opfer an, der Täter sei ein Lehrer gewesen. Weitere 28 Prozent wurden von Mitschülern gezwungen, 18 Prozent von einem erwachsenen Familienmitglied und weitere 28 Prozent von Tätern, die weder zur Familie noch zum Lehrpersonal zählten.

Bereits kurz vor der Jahrtausendwende hatten CIET-Mitarbeiter mit einer ähnlichen Statistik für Furore gesorgt. Damals hatten sie 4000 Frauen befragt, von denen jede Dritte von einer Vergewaltigung zu berichten wusste. Ein Drittel der 1500 männlichen Befragten hatte hingegen erklärt, Massenvergewaltigungen seien eine "lustige Sache". Wenige Jahre später hatte die Südafrikanerin Sonette Ehlers eine Vorrichtung ("Rapex") erfunden, mit der sich Frauen vor potentiellen Vergewaltigern schützen können sollten. Getragen wie ein Tampon sollte sich das Femidom mit Widerhaken im Penis eines Angreifers verfangen - und nur von Medizinern wieder entfernt werden können.

Eine skurrile und gleichzeitig martialische Lösung, die am Kern der Sache wohl vorbeigeht. Südafrika hat ein Gewaltproblem - bei einer Befragung berichteten 18 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer von häuslicher Gewalt, außerdem ein Aids-Problem - und gleichzeitig eine der höchsten Vergewaltigungsraten der Welt. Im Jahr 2006 wurden mehr als 52.000 Fälle angezeigt. Die Dunkelziffer gilt als weit höher.

Erzwungener Sex mit männlichen Jugendlichen galt bis zu einer Gesetzesänderung im Jahr 2007 in Südafrika nicht als Vergewaltigung, sondern wurde höchstens als unzüchtiges Verhalten geahndet. Für das vergangene Jahr veröffentlichte die Polizei wegen der Gesetzesänderung nur die Anzeigen von April bis Dezember 2007, die bei 36.190 Fällen oder im Schnitt 131 Fällen pro Tag lag. Mit einer Verurteilung müssen nach Medienberichten nur fünf Prozent der Täter rechnen.

Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, selbst lange Zeit durch Relativierungen des Aids-Problems in seinem Land aufgefallen, hat am Wochenende eine Kampagne gegen Armut und Gewalt im Land angekündigt. Die Kriminalitätsrate solle bis zu den Wahlen im kommenden Jahr um zehn Prozent sinken, Vergewaltigungen sind dabei ausdrücklich miteinbezogen. Wie wirkungsvoll solche Ankündigungen sein werden, muss sich zeigen. Im Vorfeld der Fußball-WM im Jahr 2010, so viel ist sicher, hat Südafrika gute Presse mehr als nötig.

chs/dpa



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