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14. Oktober 2011, 06:50 Uhr

Südafrika

Forscher finden 100.000 Jahre altes Malwerkzeug

Menschen haben offenbar schon vor 100.000 Jahren gemalt - Archäologen entdeckten in einer Höhle bei Kapstadt Farbreste in Schneckenschalen. Es waren vermutlich steinzeitliche Maltöpfe, gleich daneben lag das passende Werkzeug.

Johannesburg - Schon vor 100.000 Jahren haben Menschen Farbe hergestellt und zur Dekoration genutzt - das legt der Fund einer steinzeitlichen Malwerkstatt in einer südafrikanischen Höhle nahe. Ein internationales Forscherteam entdeckte in der Blombos-Höhle bei Kapstadt ockerhaltige Farbreste in zwei Schalen von Meeresschnecken. Außerdem entdeckten die Wissenschaftler Knochen, Kohle und Hammersteine, mit denen der Farbmix hergestellt worden sein soll. Die bislang ältesten bekannten künstlichen Farbspuren waren 92.000 Jahre alt.

Der Fund markiere einen wichtigen Schritt in der Entwicklung komplexer menschlicher Wahrnehmung, erläutert das Team um Christopher Henshilwood von der University of the Witwatersrand in Johannesburg jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science". Sie zeige, dass Menschen schon vor 100.000 Jahren dazu fähig waren, bewusst zu planen und zu produzieren. Zudem müssen sie bereits elementare chemische Kenntnisse besessen haben.

Die Forscher glauben, dass die Frühmenschen mit Quarzsteinen eisenoxidhaltige Hämatitkristalle zerkleinert und zu einem feinen roten Puder zermahlen haben. Darauf ließen Schleifspuren und Farbreste schließen. Die Melange sei dann mit fetthaltigem geriebenen Knochenpulver, Kohle und einer Flüssigkeit zu dem Farbgemisch verrührt worden - und zwar in Schalen sogenannter Seeohren, einer Meeresschneckenart. Zuvor seien die Atemlöcher in den Schneckenschalen verschlossen worden.

Kunstwerke oder Hautschutz?

Frühere Funde deuteten bereits auf die Nutzung von Ocker als Farbpigment vor rund 92.000 Jahren hin. Die neuen Ergebnisse geben nun Hinweise darauf, dass dies vermutlich noch früher geschah und die Steinzeitmenschen die Farbe nicht nur herstellten, sondern auch lagerten.

Über die Verwendung des Farbgemischs können die Forscher nur spekulieren. So könnte Ocker als symbolische Körperbemalung oder als Hautschutz verwendet worden sein. Denkbar sei auch die Anfertigung einfacher Kunstwerke. In jedem Fall gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Werkzeuge mehrmals zur Farbherstellung genutzt wurden, es sich also nicht um ein einmaliges Ereignis gehandelt hat. Die beiden als Farbbehälter genutzten Schalen sollen ab diesem Freitag im Iziko-Museum in Kapstadt zu sehen sein.

Erst kürzlich hatten Wissenschaftler Erstaunliches über die künstlerischen Fähigkeiten frühester Kulturen zu berichten: Offenbar gab es in der Jungsteinzeit Open-Air-Kinos. Der Studie zufolge bestaunten unsere prähistorischen Vorfahren Abfolgen von Felsenzeichnungen, die an Filme erinnern.

boj/dpa

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