Ausgegraben

Über 23 Generationen Hamburger Forscher löst Rätsel um Südsee-Speer

"Kaumaile": Deutscher Holzexperte löst Rätsel um Südsee-Sperr Fotos
Heather Lazrus

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Seit Generationen vererben die Bewohner eines kleinen Südsee-Atolls einen mythischen Speer. Einem Hamburger Forscher ist es nun gelungen, über die Holzart einen Teil der Legenden zu bestätigen.

"Kaumaile", so erzählen es die Bewohner des Südsee-Atolls Nanumea, kam mit dem Helden Tefolaha auf die Insel. "Kaumaile" war Tefolahas Speer, eine etwa 1,80 Meter lange Waffe mit langgezogener, breiter Spitze. Mit "Kaumaile" hatte Tefolaha auf den Inseln Samoa und Tonga gekämpft, bevor er auf dem viereinhalb Kilometer langen und nur 600 Meter breiten Eiland Nanumea landete und sich dort für immer niederließ. Als Tefolaha starb, ging "Kaumaile" an seinen Erben und danach an dessen Erben und immer so weiter - 23 Generationen lang. Der Speer leistete gute Dienste. So besiegte Tefolahas Nachfahre Lapi beispielsweise mit ihm den Riesen Tuulapoupou, wobei ihm der Geist des Tefolaha zu Hilfe kam.

Alles nur eine erfundene Geschichte, eine lokale Legende des südpazifischen Inselstaates Tuvalu? Bereits vor einigen Jahren wollte Heather Lazrus, damals noch Doktorandin an der University of Washington, es genauer wissen. Lazrus hielt sich damals für anthropologische und umweltkundliche Untersuchungen auf der Insel auf. Sie sprach mit den Ältesten und entnahm mit deren Einverständnis eine Holzprobe - kleiner als ein Streichholz - vom unteren Ende des Speerschaftes. Sie schickte die Probe an ein Labor und ließ mit der Radiokarbonmethode das Alter des Speeres bestimmen.

Holzexperte Koch brachte die Klärung

Das Ergebnis: Zumindest der Baum, aus dem "Kaumaile" gearbeitet war, wurde vor rund 880 Jahren gefällt. Damit scheint er sogar noch deutlich älter zu sein als die überlieferten 23 Generationen. Das könnte bedeuten: Entweder wurde das Holz nicht gleich zum Speer verarbeitet, sondern lagerte noch eine zeitlang. Oder es war nicht Tefolaha, der ihn schnitzte, sondern einer seiner Vorfahren - und er selber hatte ihn bereits als Familienerbstück erhalten.

Doch Tefalahas Nachfahren und Heather Lazrus wollten noch mehr wissen. Also wandten sie sich an einen, der sich besser als jeder andere mit Holz auskennt: Gerald Koch, Kurator der Wissenschaftlichen Holzsammlung des Thünen-Instituts für Holzforschung in Hamburg. Er ist der Herr über eine der weltweit größten Sammlungen an mikroskopischen Schnittpräparaten von Bäumen: 50000 Präparate von allen rund 12000 bekannten Wirtschaftsbaumarten stehen ihm für seine Arbeit zur Verfügung. Bäume wachsen überall auf der Welt: "Aber Nanumea war mir bisher völlig unbekannt und ich habe zunächst auch im Internet recherchieren müssen, wo dieses kleine Atoll liegt", gesteht er.

Koch nahm sich die Probe von "Kaumaile" vor und schnitt sie hauchfein: "Mit einem Mikrotom müssen zunächst Schnitte mit Dicken von 10-20 µm hergestellt werden", erklärt er. Damit lassen sich dann unter dem Mikroskop bis zu einhundert anatomische Strukturmerkmale bestimmen - das Holz einer jeden Baumart hat also seine ganz eigene Anatomie. "Kaumailes" Präparate wiesen ganz markante Merkmale auf: "Die Bestimmung war recht einfach - auf Grund der solitären Gefäßen, der leiterförmigen Gefäßdurchbrechungen, der Kristalle in den homogenen Holzstrahlen und dem gebänderten Axialparenchym", berichtet Koch. "Es handelt sich um die Holzart Casuarina equisetifolia - zu Deutsch Eisenholz oder Strand-Kasuarine."

Bewohner wollen mehr wissen

Hauptsächlich wächst die Strand-Kasuarine in Indien, Indochina, Australien, Polynesien und auf den Fidschi-Inseln. Doch auch auf Samo kommt sie vor - also dort, wo Tefolaha der Überlieferung nach kämpfte, bevor er nach Nanumea kam. Ob "Kaumaile" tatsächlich aus dem Holz einer samoischen Strand-Kasuarine geschnitzt wurde, könnten die Forstgenetiker am Thünen-Institut sogar herausfinden - wenn die Holzproben heutiger Eisenholz-Bäume aus den verschiedenen pazifischen Standorten als genetische Referenz hätten. Doch die liegen für diese Art noch nicht vor.

Die Bewohner von Nanumea jedenfalls wissen jetzt nicht nur, dass "Kaumaile" tatsächlich sehr alt ist, sondern haben auch Gewissheit, dass Tefolaha - und mit ihm auch ihre gesamten Vorfahren - über Samoa auf die Insel gekommen sind. Das war der Verlust der zwei kleinen Holzproben auf jeden Fall wert: "Nach meiner Korrespondenz mit Doktor Lazrus haben die Bewohner ein großes Interesse an der Aufklärung von Art und Herkunft des sagenumwobenen Speeres, um Hintergründe über die Besiedlung des Atolls zu erfahren", berichtet Koch.

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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