Super-Gedächtnis Wie sich Frau Duch 5555 Ziffern merkt

Eine Hamburger Gedächtnistrainerin kann sich mehr Stellen der Zahl Pi merken als jede andere Frau auf der Welt. Um sich die langen Kolonnen einzuprägen, verteilte sie virtuelle Ziffernblöcke auf Spaziergängen in der ganzen Stadt. Aber auch mit Jonglieren und Hypnose trainiert sie ihren Geist.

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Gedächtnisakrobatin Meike Duch: "Eigentlich vollkommen idiotisch"
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Gedächtnisakrobatin Meike Duch: "Eigentlich vollkommen idiotisch"

Wenn Meike Duch aus dem Haus geht, dann sieht sie an der nächsten Ecke auf einem Briefkasten Zeus sitzen, der gerade mit Titanen ringt. Vor der Haustür daneben springt ein Delfin auf und ab, der Zebrastreifen ist über und über mit lecker duftenden Muffins bedeckt. Die 33-jährige Hamburgerin ist vielleicht ein bisschen verrückt, aber kein Fall für die Psychiatrie. Mit den seltsam anmutenden Phantasiebildern lernt sie Ziffern auswendig.

Duch läuft durch den Stadtteil Alsterdorf, spaziert hinüber zum Flughafen Hamburg, fährt zum Hafen und flaniert um die Alster - und an jeder Ecke sieht sie Dinge, die andere nicht sehen. In ihrem Kopf fügen sich die Bilder zu den ersten 5555 Nachkommastellen von Pi zusammen. Die Kreiszahl ist für sie ein Teil Hamburgs geworden.

Am 28. September 2004 notierte die Gedächtnisakrobatin die 5555 Ziffern in 6 Stunden und 43 Minuten auf Papier - fehlerfrei. Das war deutsche Bestleistung und gleichzeitig Frauenweltrekord. In der internationalen Rangliste der Pi-Auswendiglerner steht sie auf Platz 13. Der Japaner Hiroyuki Goto führt die Liste seit 1995 mit sagenhaften 42.195 Stellen an.

"Tausende Nachkommastellen von Pi zu lernen ist eigentlich vollkommen idiotisch", sagt Duch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch als Gedächtnistraining lohne sich das Büffeln schon. Zahlen seien das Abstrakteste, was man kriegen könne, erklärt sie, und deshalb besonders schwer zu merken. "Zu Forschungszwecken", wie sie betont, habe sie die Ziffernfolge gelernt.

"Je verrückter desto besser"

Gemeinsam mit ihrem Freund Andreas Lietzow gibt die Hamburgerin Gedächtnisseminare. Dort bringt sie Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen bei, mit welchen Tricks man Dinge leicht im Kopf behält.

Für den Pi-Rekord nutzte Duch ein sogenanntes Major-System, in dem jeder zweistelligen Ziffernfolge von 00 bis 99 ein Gegenstand zugeordnet ist. Zum Beispiel steht der Göttervater Zeus für 00 und der Labrador-Hund für die 59. Mit diesem System lassen sich 5555 Ziffern in eine Folge aus 2778 Symbolen pressen.


Anschließend gingen Duch und Lietzow durch Hamburg spazieren und positionierten die Götter, Hunde und Delfine in möglichst auffälliger Weise im Straßenbild. "Je verrückter die vorgestellte Situation ist, umso leichter behält man sie", erklärt Duch. Dabei dürfe man keine Skrupel haben, sagt sie. Vor allem Erwachsene würden ihre Phantasien schnell zensieren und durch Unverfängliches ersetzen. "Kinder sind da wesentlich direkter."

Lernen mit dem Major System: Symbole büffeln

Lernen mit dem Major System: Symbole büffeln

Wenn man die 100 Symbole des Major-Systems erst mal intus hat, dann geht das Verteilen im Stadtbild umso schneller. "An einem Tag schafft man 500 bis 1000 Ziffern", erklärt Duch. Allerdings liege die Genauigkeit dann nur bei 99 Prozent. Um 100 Prozent zu schaffen, müssten die Rundgänge wiederholt werden. Trotzdem hat die Gedächtnistrainerin nach eigener Aussage nicht einmal zwei Wochen gebraucht, um die 5555 Ziffern sicher zu beherrschen.

Auf ihren Touren durch die Stadt waren Lietzow und Duch immer auf der Suche nach bisher unbekannten Dingen. "Türen und Briefkästen ähneln sich meist sehr", sagt Lietzow. Sie taugten nur als Ort für eine Handvoll Symbole. Umso faszinierter marschierten die beiden durch Hamburger Museen, denn dort wimmelt es geradezu von besonderen Gegenständen, die man mit einem der 100 Symbole kombinieren und fest ins Hirn eingebrennen kann. "Das Geologisch-Paläontologische Institut kenne ich jetzt sehr gut", meint Lietzow.

Bälle jonglieren fürs Gehirn

Seine Lebensgefährtin vertraute jedoch nicht nur auf das Major-System und Stadtrundgänge - die nichts anderes sind als Eselsbrücken auf hohem Niveau. Die Pi-Auswendiglernerin schwört auch auf Yoga, Hypnose und Sport. "Die Verbindung von körperlichen und geistigen Aktivitäten verbessert die Gedächtnisleistung", erklärt sie. "Wir sind Effektivitätsfanatiker und machen alles, was uns beim Lernen hilft." Besonders wichtig und häufig unterschätzt seien der Spaß an der Sache und die Motivation.

Trainer Andreas Lietzow: Jonglierend schneller lernen
SPIEGEL ONLINE

Trainer Andreas Lietzow: Jonglierend schneller lernen

Lietzow hält besonders große Stücke aufs Jonglieren und hat sogar eine Liste aus 101 Gründen verfasst, warum man es unbedingt lernen sollte. Jonglieren vereinfache Kompliziertes, heißt es darin, motiviere und entspanne den Geist. Die Liste erinnert an ein lebensphilosophisch angehauchtes Manifest - und ganz falsch ist der Eindruck nicht.

Lietzow und Duch haben rund ums Lernen, Jonglieren, Einradfahren und Hypnotisieren ihr ganz eigenes Weltbild gebaut. In ihrer Wohnung sitzt man nicht auf Stühlen, sondern auf Hüpfbällen. Jonglierbälle sind auf dem Boden verteilt, unter der Glastischplatte glitzern silberne Zirkussterne. Ende Januar organisierten die beiden via Internet das "Größte Lächeln der Welt". 18.209 Menschen weltweit, darunter Harry-Potter-Autorin Rowling, schmunzelten, weil es "harmonisch und friedlich" stimmt.

Die scheinbar sinnlose Zahlenpaukerei hat sich für die Rekordhalterin jedenfalls gelohnt: "Seit ich die Pi-Nachkommastellen gelernt habe, hat sich meine Gedächtnisleistung immer weiter verbessert", sagt Duch. "Ich kann mir inzwischen ganze Buchkapitel merken." Viele der Lerntechniken würden sich mehr und mehr automatisieren. Bei häufig abgefragten Dingen verschwinde der Umweg über Eselsbrücken nach und nach.

Angst vor einem Informationsoverkill in ihren Gehirnen haben die beiden nicht. "Ich glaube, so etwas gibt es nicht", sagt Lietzow. "Das menschliche Gehirn ist offenbar unendlich belastbar - es hat zumindest noch niemand eine Grenze gefunden."



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Pablo Diablo 29.04.2005
1.
---Zitat von sysop--- Seit Jahrhunderten fasziniert Mathematiker die endlose Zahl Pi. Forscher, die Zufallszahlen untersuchten, stellten nun fest, dass die vermeintlich irrationale Zahl Pi gar nicht die perfekte Zufallszahl ist. Birgt die Zahl Pi vielleicht ein bislang unbekanntes Geheimnis? Steckt in der Unendlichkeit der Mathematik ein System? ---Zitatende--- Vielleicht findet sich ja ein perfekter Kreis irgendwo jenseits der billionsten Stelle oder so. Dann wäre Carl Sagan mit CONTACT mehr als ein Visionär gewesen, nämlich ein Prophet ;)
Yeph 29.04.2005
2.
Klar, Gott und das Universum, alles lässt ich auf eine einzige Zahl zurückführen, Vergangenheit und Zukunft verschmelzen zu einem Augenblick. So lassen sich auch die dunkle Materie und die schwarze Energie erklären. Die Zahl ist übrigens 42!!! M.f.G. Douglas Adams
tioc, 29.04.2005
3. Der Spiegel kocht mal wieder mit heißer Luft.
Die Vermutung, dass hinter der Zahl Pi eine einfache Formel steckt, steht seit Jahrzehnten im Raum. Dagegen lifert der Artikel keine neue nennenswerte Erkenntnis. *gähn!!!*
Taikyoku, 29.04.2005
4.
Wie bei den Primzahlen. Ein bisschen regelmäßig, ein bisschen regellos. Wobei die Regelmäßigkeit bei den Primzahlen fortlaufend abzunehmen scheint, je größer die Beträge sind.
C_Kulmann, 29.04.2005
5. Science Fiction
Ich hatte so etwas ähnliches schon vor langer Zeit mal in einem Roman gelesen. Dort fand man in der Zahl Pi nahe der 500 Milliardsten Stelle oder so einen Abschnitt, der nur aus Nullen und Einsen bestand. Ins richtige Rechteck übertragen ergab die Zahlenfolge ein einfaches Bild von einem Kreis... Aber das war eindeutig Science Fiction. Ähnliche Phänomeme kenne ich aus den Berichten über das SETI-Programm, vor allem von den Einrichtungen, die im Radiobereich lauschen. Die empfangen eine ganze Menge an Hintergrundrauschen. Der Witz an der Sache ist nun, wenn man nur genügend Hintergrundrauschen sammelt, hat man irgendwann rein zufällig auch mal "Signale" dabei, die einem echten Signal verdammt ähnlich sehen. Die ca. 40 Kandidatensignale, die das Radio-SETI bisher verzeichnet hat, haben übrigens alle eines gemeinsam: Es ist bei keinem einzigen jemals gelungen, es wiederzufinden. Sollten da nicht die Glocken läuten? Aber um Ihre Frage aufzugreifen: ---Zitat von sysop--- Steckt in der Unendlichkeit der Mathematik ein System? ---Zitatende--- Die Mathematik ist unser Versuch, die Unendlichkeit mit einem System zu beschreiben. Wenn man nun in einer mathematischen Größe ein "geheimnisvolles" System findet, könnte es ein hausgemachtes sein. Das sieht mir im wahrsten Sinne nach einer "Kreislogik" aus...:-)
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