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Superbeschleuniger LHC: Teamwork ermöglicht das Mega-Experiment

Aus Genf berichtet

Große Anspannung am Kernforschungszentrum Cern: Endlich soll der gigantische Teilchenbeschleuniger angeworfen werden und den Urknall simulieren. Er ist das Produkt phänomenaler Teamarbeit mit flachen Hierarchien. Mächtige Chefs gibt es nicht - ist genau dies das Erfolgsgeheimnis der Schweizer?

"Morgen geht es endlich los", sagt Johan Bremer. Der aus den Niederlanden stammende Physiker arbeitet als Experte für Kryotechnik am Europäischen Kernforschungszentrum Cern in Genf. Er ist mit seinem Team dafür verantwortlich, dass die Magneten des Beschleunigers LHC stets auf minus 271 Grad Celsius gekühlt sind - und damit supraleitend. Der Mittwoch wird ein ganz besonderer Tag für ihn werden. Dann sollen in dem 27 Kilometer langen unterirdischen Ring erstmals Protonen kreisen. "Wir haben so lange darauf gewartet", sagt Bremer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und fügt hinzu: "Wir werden es schaffen."

Bremer ist fast schon so etwas wie ein Cern-Urgestein. Seit 1995 ist er am Kernforschungszentrum beschäftigt. Auf dem Weg durch die Kantine trifft er alle naselang Freunde, Bekannte, Kollegen. "Und geht morgen alles gut?", fragt er. "Klar", lautet die Antwort. Man spürt, wie die Wissenschaftler dem Anwerfen des Superbeschleunigers entgegenfiebern.

Es ist der stärkste Teilchenbeschleuniger aller Zeiten, der am Mittwoch in Betrieb geht. Einige Wochen später sollen erstmals Protonen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit aufeinanderprasseln und so Antworten geben auf die ganz großen Fragen der Physik: Warum gibt es in unserer Welt keine Antimaterie? Was ist genau beim Urknall passiert? Existiert das rätselhafte Higgs-Boson wirklich, das laut Standardmodell der Physik Elementarteilchen Masse verleiht?

Die Cern-Verwaltung hat wegen des wohl größten Experiments der Menschheitsgeschichte die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Frei zugänglich wie noch vor Monaten ist das ausgedehnte Forschungsgelände längst nicht mehr. An besonders sensiblen Objekten geht ohne ID-Karte als Tür- oder Schrankenöffner nichts mehr. Die Beschäftigten sind angewiesen, ihre Ausweise offen zu tragen.

Offenbar befürchtet man auch einen Hackerangriff auf das gigantische Cern-Computernetz, in dem einst das World Wide Web seine Premiere feierte. Angestellte wurden angewiesen, ungewöhnliches Verhalten von Software sofort zu melden. Es wäre peinlich, wenn es ein paar elektronischen Eindringlingen gelingen sollte, die für die Experimente so wichtige EDV ausgerechnet am Tag des LHC-Starts lahmzulegen.

Angst vor mikroskopischen Schwarzen Löchern

Gegner des Superbeschleunigers gibt es einige. Der Tübinger Chaosforscher Otto Rössler etwa fürchtet, dass bei den Experimenten sogenannte mikroskopische Schwarze Löcher entstehen könnten, die nach und nach die ganze Erde auffressen (siehe Video). Mit seiner Eilklage gegen den LHC-Start am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ist Rössler allerdings gescheitert. Am Cern hält man die Argumente längst für widerlegt - aber die Geschichte vom bösen Beschleuniger, der die Menschheit in den Abgrund stürzen könnte, ist in der Welt. Sogar Todesdrohungen gegen den Physiker und Nobelpreisträger Frank Wilczek gab es wegen des LHC-Baus. Kryoexperte Bremer ficht das alles nicht an: "Ich habe keine Angst", sagt er. "Ich werde wegen der Experimente auch nicht wegziehen."

Wenn die Protonen am Mittwoch tatsächlich die ersten Runden drehen, dann ist das in erster Linie der Erfolg der Arbeit Tausender, über die ganze Welt verteilter Forscher. Hinter jedem der vier Hauptexperimente am LHC - "Atlas", "Alice", CMS und LHCb - stecken Dutzende Universitäten und Institute. Jedes war für Entwicklung und Bau eines wichtigen Bauteils der mächtigen Detektoren verantwortlich. Forscher der TU Dresden waren und sind zuständig für eine Komponente im Atlas-Experiment: ein Kalorimeter, das Teilchen absorbiert und ihre Energie misst. Von der Universität München stammen 88 Myonen-Detektoren für das gleiche Experiment, bei dem unter anderem das Higgs-Boson nachgewiesen werden soll.

Das LHC-Projekt ähnelt der Wikipedia

Einen allmächtigen Direktor gibt es am LHC nicht. "Wir haben eine sehr flache Hierarchie", berichtet der Münchner Physiker Otmar Biebel. Jedes Experiment, also auch Atlas, habe zwar einen Sprecher. "Aber der ist seinen Mitarbeitern nicht weisungsberechtigt", betont Biebel. "Er muss seine Kollegen mit wissenschaftlichen Argumenten überzeugen."

"Das ist vollständig demokratisch", sagt der Kryofachmann Johan Bremer, "und es funktioniert." Bremer weiß aus eigenem Erleben, wie schlagkräftig die Kooperation Dutzender Forschergruppen sein kann. "Wenn es irgendein Bauteil, das wir brauchen, auf dem Markt nicht zu kaufen gibt, findet sich garantiert ein Institut, das es entwickelt."

Das Projekt LHC ähnelt in gewisser Weise der Online-Enzyklopädie Wikipedia - auch hier sind Strukturen, falls überhaupt vorhanden, extrem flach. "Ich weiß nicht, ob eine hierarchische Struktur effizienter wäre", sagt Mader. Wenn aber das Team alles ist, dann darf sich auch keiner allein mit den Forschungsergebnissen brüsten. Und so erscheint über Artikeln von Cern-Forschern häufig eine Liste von mehr als 2000 Autoren.

"Ich kenne das nur so", sagt der Münchner Physikprofessor Biebel. In der Hochenergiephysik sei dies die Regel. "Kleine Autorenteams sind eher bei Theoretikern üblich." Wer besonders eitel ist, wird ohnehin kaum eine Forscherkarriere am Cern ansteuern. "Es gibt sicherlich Forscher, die kleinere Experimente bevorzugen", sagt Wolfgang Mader von der TU Dresden. "Ich persönlich habe kein Problem damit."

Die Kehrseite der Medaille: "Meist werden Ideen von Theoretikern ausgezeichnet", wie Biebel berichtet. Der ehemalige Cern-Direktor Carlo Rubbia sei da eine Ausnahme: Er bekam 1984 den Physik-Nobelpreis für die Entdeckung der W- und Z-Bosonen. Sollten die Teilchenphysiker in den nächsten Jahren das Higgs-Boson finden, dann könnten sie, was den Ruhm betrifft, womöglich leer ausgehen. Über den Physik-Nobelpreis könnte sich dann vielleicht ein anderer freuen: Peter Higgs, der vor mehr als 40 Jahren die Theorie des Masseteilchens entwickelt hatte.

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