Genetische Modifikation Superhelden aus dem Labor

Superhelden entspringen der Fantasie ihrer Autoren - von der Realität sind die Comics jedoch gar nicht mehr so weit entfernt. Ein Biologe erklärt, wie sich Menschen in Hulk oder Captain America verwandeln könnten.

Ein Traum von einem Forscher: Die Verwandlung in den unglaublichen Hulk ist längst nicht mehr undenkbar
DPA /Buena Vista

Ein Traum von einem Forscher: Die Verwandlung in den unglaublichen Hulk ist längst nicht mehr undenkbar

Von Timo Stukenberg


Es war ein fiktives Experiment, dem sich Steve Rogers unterzog. Nachdem er im Zweiten Weltkrieg ausgemustert wurde, bekam er ein Supersoldatenserum injiziert. Die Forscher spannten ihn auf eine Liege und beschossen ihn mit Vita-Strahlung. Heraus kam der Superheld Captain America.

Was im Jahr 1941, als der erste Comic-Band "Captain America" erschien, wie muntere Fantasie daherkam, ist von der Realität heute gar nicht mehr so weit entfernt. Zumindest für den Molekularbiologen Sebastian Alvarado von der Stanford University. Für ihn sind die grundlegenden Prinzipien dieser Transformation mittlerweile alles andere als undenkbar. Im Gegenteil: Vieles sei schon heute machbar, wie beispielsweise mehr Muskelwachstum, gesteigerte Ausdauer oder Schnelligkeit - wenn auch nicht auf Knopfdruck.

Um die Verwandlung zu erklären, hilft ihm die Epigenetik - ein noch relativ junger Forschungszweig, der das An- und Ausschalten der Gene untersucht. Diesen Mechanismus machen chemische Anhängsel an den DNA-Bausteinen möglich, die Methylgruppen.

Die Anhängsel funktionieren dabei wie Lichtschalter - mit ihrer Hilfe können Wissenschaftler bestimmte körperliche Funktionen hervorrufen. Dass das tatsächlich klappt, konnten Forscher bereits im Labor an Mäusen zeigen. Mit beeindruckendem Ergebnis: supermuskulöse Mäuse.

Muskelwachstum auf Knopfdruck

Auch in der Medizin nutzen Forscher diesen Mechanismus bereits ansatzweise, ohne die Zelle selbst zu zerstören. So hilft beispielsweise der Wirkstoff Psoralen gegen Hauterkrankungen wie Krebs oder Schuppenflechte. Bei der systemischen Behandlung schluckt der Patient den Wirkstoff und wird zwei Stunden später mit UV-Licht bestrahlt. Das aktiviert das Psoralen, das sich an die DNA heftet und die Zellteilungsgeschwindigkeit verringert.

So etwa könnten auch Captain Americas Supersoldatenserum und die Vita-Strahlen funktionieren. Auch wenn nur Marvel-Autoren sagen können, woraus das Serum und die dazugehörige Strahlung bestehen - mit ein bisschen Fantasie können auch die Wissenschaftler die Verwandlung erklären.

Der größte Liebling von Alvarado ist aber der grüne Hulk. Da muss der Molekularbiologe richtig grübeln.

Im Comic wird der brilliante Forscher Dr. Bruce Banner bei einem Unfall mit einer Gammastrahlen-Bombe versehrt. Seitdem verwandelt er sich in ein großes, grünes Monster - sobald er wütend wird.

Gammastrahlung zertrümmert Chromosomen

In unserer Realität bricht Gammastrahlung kleine Stücke aus der Doppelhelix unseres Genoms heraus. Dieses Phänomen heißt in der Fachsprache Chromothripsis. Alvarado nennt es "Chromosomen zertrümmern". Die Besonderheit: Unsere körpereigenen Reparaturmechanismen können die DNA teilweise wieder zusammensetzen.

Hulk alias Bruce Banner hat ziemlich viel Strahlung abbekommen. Daher spekuliert der Stanford-Biologe, dass beim Wiederzusammensetzen einiges durcheinandergeraten ist. Das Ergebnis: ein grünes, großes Monster.

Blauer Fleck sorgt für grünes Monster

Für die Farbe hat er allerdings noch eine weitere Erklärung parat: Bei der Mutation in das große Monster werden in Hulks Körper alle roten Blutkörperchen zerdrückt. "So, als würden wir einen richtig schlimmen blauen Fleck kriegen", sagt Alvarado. Die Stelle färbt sich lila, blau und dann eben - grün.

Der Grund: Einer der Abbaustoffe von Hämoglobin ist grün. Er heißt Biliverdin. Im menschlichen Körper schützt er die Gefäße vor Oxidation. Vielleicht, spekuliert Alvarado, handelt es sich auch um ein spezielles "Hulkoglobin", das besonders viel Sauerstoff aufnimmt - und Hulk noch stärker macht.

Entmystifiziert der Biologe aus Stanford damit unsere Superhelden? Wohl eher nicht. Die Liste der ungelösten Mysterien ist immer noch lang. Für Alvarado steht eines davon ganz oben: "Wenn es ein Mysterium gibt, das die Wissenschaft sicher nicht lösen kann, dann, wie Hulk nach jeder Verwandlung seine Hose anbehält."



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