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Synästhesie: Menschliche Aura entsteht im Gehirn

Es gibt Menschen, die andere Personen in einen farbigen Schleier gehüllt wahrnehmen. Britische Forscher glauben, dass nicht etwa eine geheimnisvolle Aura, sondern das Gehirn des Betrachters den Farbenzauber auslöst.

Farbige Aura: "Entsteht eher im Gehirn des Betrachters"
[M] DPA; SPIEGEL ONLINE

Farbige Aura: "Entsteht eher im Gehirn des Betrachters"

Die menschliche Aura gilt in der Esoterik als farbig leuchtendes Energiefeld. Nur wenige Auserwählte sollen in der Lage sein, die Aura tatsächlich sehen zu können. Der britische Psychologe Jamie Ward bezweifelt jedoch, dass menschliche Energiefelder den Farbenzauber hervorrufen. Nach seiner Einschätzung geht das Ganze eher auf ein seltenes Hirnphänomen zurück, das als Synästhesie bezeichnet wird.

Bei Synästhetikern ist die Wahrnehmung zweier Sinne miteinander gekoppelt: Sie sehen etwa Farben beim Hören oder nehmen Klänge beim Sehen wahr.

Ward führte umfangreiche Tests mit einer Frau durch, die beim Anblick bestimmter Menschen eine farbige Aura sieht. Die jeweilige Farbe hängt von der Person ab: Beispielsweise sieht sie ihren Freund James stets mit einem rosa Schleier, Hannah hingegen mit einem blauen.

Der Wissenschaftler vom University College in London konnte zeigen, dass die Einfärbungen nicht nur auftreten, wenn die Frau die Personen traf, sondern auch dann, wenn sie nur deren Namen hörte oder las. In diesen Fällen färbte sich sogar das gesamte Gesichtsfeld in den entsprechenden Farben.

Test mit falschen Farben: Assoziation verzögert
SPIEGEL ONLINE

Test mit falschen Farben: Assoziation verzögert

"Diese Farben geben nicht etwa verdeckte Energien der Menschen wieder, sondern entstehen eher im Gehirn des Betrachters", schreibt Ward im Fachblatt "Cognitive Neuropsychology". Er gab seiner Probandin 100 verschiedene Begriffe zu lesen, die nach ihrer emotionalen Wirkung von Eins bis Sieben eingestuft wurden. Es stellte sich heraus, dass emotionsstarke Begriffe wie Angst oder Hass ebenfalls Farben im Gesichtsfeld der Synästhetikerin hervorriefen.

Wörter mit positiven Assoziationen ließen die Frau Rosa, Orange, Gelb oder Grün sehen, die mit negativen Assoziationen sorgten für ein braunes, graues oder schwarzes Gesichtsfeld. Wenn das Wort James (rosa) in der falschen Farbe gedruckt war, etwa in blau, dann verzögerte sich die Farbassoziation etwas.

Kopplung zweier Sinne vererbbar

Synästhesie ist ein selten auftretendes und wahrscheinlich vererbbares Phänomen. Auf 2000 Menschen kommt durchschnittlich einer mit derartigen Fähigkeiten. Die übergroße Mehrheit der Synästhetiker sind Frauen. Die Kopplung zweier Sinne kann auch nur vorübergehend oder nach der Einnahme von Drogen auftreten.

Ward glaubt, das sich manches vermeintlich übersinnliches Phänomen nach seiner Studie anders darstellt: "Statt anzunehmen, dass Menschen ein Energiefeld oder eine Aura haben, die nur von dubiosen Kameras oder befähigten Sehern wahrgenommen werden kann, sollten wir einfach schauen, ob es sich um Synästhesie-Phänomen handelt."

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