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Tabakindustrie: Konzerne erhöhen Nikotindosis in Zigaretten

In nur acht Jahren hat die Tabakindustrie der USA die Nikotinmengen in Zigaretten um elf Prozent erhöht - ohne die Verbraucher zu informieren. Dadurch steigt das Abhängigkeits-Risiko, warnen US-Mediziner in einer neuen Studie.

438.000 Menschen sterben jedes Jahr allein in den USA, weil sie geraucht haben. 38.000 von ihnen sind Passivraucher. Das meldet das National Center for Chronic Disease Prevention. Dass diese Zahlen noch immer so hoch sind, könnte auch an einem Kniff der Tabakindustrie liegen: Von 1997 bis 2005 sollen die Hersteller in den USA die Konzentrationen von Nikotin in Zigaretten im Durchschnitt um elf Prozent erhöht haben. Das ist zumindest das Ergebnis einer Untersuchung der Harvard School of Public Health, die am heutigen Donnerstag an der Universität vorgestellt wird.

Mehr Nikotin: Auch im Rauch hat die Konzentration des Nervengiftes zugenommen
AP

Mehr Nikotin: Auch im Rauch hat die Konzentration des Nervengiftes zugenommen

Die Mediziner um Gregory Connolly werteten Daten aus, die Zigarettenhersteller dem Massachusetts Department of Public Health (MDPH) zur Verfügung gestellt hatten. Massachusettes ist einer von drei Bundesstaaten in den USA, die Informationen der Hersteller einfordern. Schon im Oktober 2006 hatte das MDPH Zahlen vorgelegt, nach denen die Nikotinkonzentration in den Zigaretten großer Hersteller innerhalb von sieben Jahren um elf Prozent zugenommen hatte.

Das Harvard-Team bestätigt nun die Ergebnisse. Es untersuchte, wie sich die Zusammensetzung der Zigaretten im Lauf der Jahre veränderte, ob es wesentliche Unterschiede etwa zwischen Light- und Medium-Produkten oder zwischen verschiedenen Firmen gab. Dazu zogen die Wissenschaftler maschinelle Messungen der Nikotinwerte von 1997 bis 2005 heran. Außerdem betrachteten sie das Design der verschiedenen Zigaretten: Wieviel Nikotin kam im Tabakrauch an, wie häufig inhalierten die Raucher und wie gut belüftete der Filter die Zigarette?

Ihre Ergebnisse: Im Durchschnitt nahm die Menge von Nikotin pro Zigarette jedes Jahr um 0,019 Milligramm zu, das entspricht ihren Kalkulationen zufolge 1,1 Prozent. Auf alle Jahre des Untersuchungszeitraums berechnet ergab das elf Prozent. Die Mediziner fanden diesen Trend in den Produkten der vier größten Hersteller und in allen von ihnen untersuchten Kategorien: In Menthol-Zigaretten ebenso wie in Menthol-freien Produkten, in Light- und Ultralight-Versionen genauso wie in Medium- und Full Flavor-Zigaretten.

Durch diese Erhöhung, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie, nahm auch die Menge von Nikotin im Tabakrauch zu, und die Raucher zogen häufiger an den Zigaretten. Vermutlich liege das an einer reduzierten Verbrennungsrate, heißt es in dem Report. Gleichzeitig verschlechterte sich die Belüftung über die Filter.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Firmen schleichend die Konzentrationen von Nikotin in den Zigaretten erhöht haben, ohne die Verbraucher zu warnen", sagte Studienleiter Gregory Connolly. "Das unterstreicht den Bedarf an kontinuierlicher Überwachung."

Schließlich, so folgern die Wissenschaftler aus ihren Resultaten, sei das Endergebnis ein Produkt, das wahrscheinlich stärker abhängig mache. "Zigaretten sind fein abgestimmte Drogen, die hergestellt werden, um eine Tabakpandemie aufrecht zu erhalten", sagte Co-Autor Howard Koh.

Seit 1998 gibt es in den USA ein Abkommen, das die US-Bundesstaaten dazu aufruft, die Tabakindustrie zu überprüfen. Unterzeichnet haben die großen Hersteller der USA, zu denen auch Philip Morris zählt. Die Firma streitet die Vorwürfe aus Harvard ab: Die Daten, die das Unternehmen dem Staat mitgeteilt habe, seien in den Jahren 2006 und 1997 gleich gewesen. Die Firma erklärte, die Studiendaten zeigten Zufallsunterschiede in den Nikotinmengen, die sowohl nach oben als auch nach unten variieren könnten und nicht einheitlich seien. Eine kontinuierliche Erhöhung habe es nicht gegeben.

hei/AP/rtr

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