Statistik und Wahrheit Hauptsache spektakulär

Umfragen zeigen angeblich, dass Jungen mehr Taschengeld bekommen als Mädchen. Mit der Realität hat das wenig zu tun - wie so oft bei Berichten über Statistiken. Was wirklich dahintersteckt.

Taschengeldvergleich
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Tausende Statistiken werden täglich produziert, und niemand hat eine Chance, sich einen vollständigen Überblick über sie zu verschaffen. Mediale Aufmerksamkeit erlangen nur die wenigsten. Häufig sind das solche mit einem Ergebnis, das überrascht und allgemeinere Diskussionen anstößt.

Hier entsteht aber potenziell ein Problem. Denn auf diese Weise schaffen es eher extreme Statistiken in den Fokus der Öffentlichkeit als solche, die die Realität vielleicht passender beschreiben, aber weniger spektakulär sind. Dieser selektive Prozess der medialen Berichterstattung kann dazu führen, dass nicht abgesicherte Ergebnisse als vermeintliche Fakten in Erinnerung bleiben und zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität führen.

Betrachten wir als Beispiel dazu eine Meldung, die kürzlich einige Schlagzeilen machte - den Gender-Pay-Gap beim Taschengeld (Pocket Money Gap). Eine Umfrage der britischen Bank Halifax ergab, dass Jungen durchschnittlich zwölf Prozent mehr Taschengeld bekommen als Mädchen, auch SPIEGEL ONLINE berichtete. Diese Ergebnisse beziehen sich auf Großbritannien und wurden mit dem - sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland - zu beobachtenden Gender Pay Gap bei Erwachsenen in Verbindung gesetzt.

Beginnt alles schon beim Taschengeld?

Und tatsächlich wurden ähnliche Ergebnisse im Jahr 2009 auch schon für Deutschland berichtet. Eine ebenfalls medial vielbeachtete Studie der LBS fand hierzulande sogar einen noch höheren Unterschied als im Vereinigten Königreich.

In beiden Studien waren die Ergebnisse statistisch signifikant. Das bedeutet, dass die Unterschiede nur mit geringer Wahrscheinlichkeit durch Zufall zu erklären sind. Etwa weil bei der Befragung überdurchschnittlich viele Jungen mit überdurchschnittlich hohem Taschengeld teilgenommen haben könnten. Die Ergebnisse scheinen deutlich zu bestätigen, dass der Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen schon im Kindesalter mit dem Taschengeld beginnt.

Wichtig ist, was nicht berichtet wird

Allerdings sollte bei der Bewertung der Ergebnisse nicht außer Acht gelassen werden, was nicht berichtet wurde. Denn es gibt auch Studien, die zumindest die Klarheit der Ergebnisse in Frage stellen.

So wurde die britische Studie auch schon im Vorjahr durchgeführt, bereits damals hat sie ein höheres Taschengeld für Jungen als für Mädchen ergeben. Allerdings lag der Unterschied nur bei zwei Prozent und war nicht statistisch signifikant. Es erscheint kaum plausibel, dass sich das Taschengeld von Jungen binnen eines Jahres derart stärker erhöht haben sollte als das für Mädchen. Der Zufall, dem alle stichprobenbasierten Befragungen unterliegen, mag dabei eine Rolle spielen.

Nicht signifikant

Und auch für Deutschland finden sich weitere Befragungsergebnisse, die keinen signifikanten Taschengeldunterschied zwischen Jungen und Mädchen gefunden haben. So hat eine aktuellere Befragung der LBS unter knapp 10.000 Schulkindern im Jahr 2014 keine statistisch abgesicherten Unterschiede zutage gefördert. Dieser fehlende Unterschied bei der mittleren Taschengeldhöhe zwischen Jungen und Mädchen fand in der medialen Berichterstattung kaum Beachtung.

Eine weitere alle drei Jahre durchgeführte großangelegte Befragungsstudie, die KidsVerbraucherAnalyse durch Egmont Ehapa Media mit knapp 2500 Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren fand für die Jahre 2009, 2012 und 2015 keine Unterschiede in der Taschengeldhöhe zwischen den Geschlechtern. Dabei wiesen zweimal die Jungen im Mittel ein etwas höheres Taschengeld auf und einmal die Mädchen. In keinem Fall waren die Unterschiede statistisch signifikant.

Die Medien-Filterblase

Alle hier genannten Studien wurden zu kommerziellen Zwecken durchgeführt. Darüber hinaus steht in Deutschland eine sehr solide wissenschaftliche Datenbasis zur Verfügung, das Sozio-oekonomische Panel (SOEP). Dabei wird unter anderem das Taschengeld von Kindern und Jugendlichen abgefragt.

Für 17-jährige Jugendliche liegen dazu gut 4500 Angaben aus den letzten Jahren vor. Das mittlere monatliche Taschengeld lag dabei inflationsbereinigt für Mädchen sogar knapp fünf Prozent höher als für Jungen. Wiederum ist der Unterschied aber nicht signifikant. Gleiches gilt - allerdings nur für gut 300 Befragte - für zehnjährige Kinder, bei denen die Eltern die Angaben gemacht haben.

In unserer kurzen Recherche zu Taschengeldunterschieden zwischen Jungen und Mädchen haben wir also neun Auswertungen gefunden. Bewertet man diese im Überblick, erscheint der Rückschluss auf ein höheres Taschengeld bei Jungen im Vergleich zu Mädchen (Pocket Money Gap) als vorschnell. Denn bei sieben der Studien finden sich keine oder nicht statistisch abgesicherte Hinweise auf ein höheres Taschengeld.

Diese Studien wurden in den Medien allerdings kaum aufgegriffen. Die zwei Untersuchungen, die auf geschlechtsspezifische Unterschiede hindeuten, haben hingegen ihren Weg in die Schlagzeilen gefunden.

Häufig sind also gerade die nicht in den Medien aufgegriffene Meldungen wichtig, um Sachverhalte zu bewerten.


Zusammengefasst: Über Umfragen wird dann besonders gern berichtet, wenn die Ergebnisse überraschend oder spektakulär sind. Befragungen zur selben Sache mit einem weniger aufregenden Ergebnis bekommen nicht so viel Aufmerksamkeit. So kann es passieren, dass fragwürdige Umfrageergebnisse bekannter werden als seriöse.

Angezählt - die Statistikkolumne

Trau keiner Statistik, die du nicht verstanden hast: Die Brüder Björn und Sören Christensen hinterfragen Umfragen und Studien, denen wir täglich begegnen.

  • Björn Christensen lehrt als Professor für Statistik und Mathematik am Fachbereich Wirtschaft der Fachhochschule Kiel.
  • Sören Christensen ist Associate Professor für Mathematische Statistik an den Universitäten Göteborg und Chalmers (Schweden).
  • Zur Website der beiden Zahlenprofis


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insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Frida_Gold 27.07.2016
1.
Also mal wieder ein Medienproblem: Es wird nicht recherchiert, sondern ein schnelles Ergebnis publiziert. Wie so oft. Und dieselben Medien beschweren sich dann, wenn Leute ihnen nicht mehr vertrauen. :(
Rathard 27.07.2016
2. Das grosse Spektakel.
Wer nimmt denn Medien und Umfragen noch ernst? Die Redakteure des Spiegels sind alles Einzelkinder und kennen kein Familienleben. Sie wissen nicht, was das für ein RemmiDemmi in der Familie bedeutet, wenn Eltern ein Kind bevorzugen oder benachteiligen.
stefan kaitschick 27.07.2016
3.
Das Hauptproblem liegt in der irreführenden Bezeichnung "statistisch signifikant". Das bedeuted meist nur, dass ,falls gar kein Unterschied besteht, nur in 5% aller Untersuchungen ein "statistisch signifikanter" Unterschied gemeldet wird. 5% Falschmeldungen sind aber gar nicht so wenig. Besonders wenn von 20 Befragungen die 19, die keinen signifikanten Unterschied zum Ergebnis haben, wegen mangelnden Interesses im Papierkorb landen.
aspi01 27.07.2016
4. Endlos viele Beispiele für mediale Statistik-Verzerrungen
Anfang der Woche berichteten z.B. diverse Zeitungen (etwa die Welt) vorwurfsvoll, dass der Job-Boom an den Langzeitarbeitslosen vorbeiginge, es gäbe noch immer fast gleich viele Langzeitarbeitslose wie vor ein paar Jahren. Im Artikel konnte man dann nachlesen, dass der prozentuale Anteil der Langzeitarbeitslosen an der Arbeitslosenzahl seit Jahren "bei 37 Prozent verharrt". Die Wahrheit ist also, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen genauso stark gesunken ist wie die Arbeitslosigkeit insgesamt. Nur der prozentuale Anteil ist gleich geblieben. Wahrscheinlich wird die Mehrheit der Leser den Unterschied gar nicht begreifen, und so können die Medien "ungestraft" schwachsinnige Statistik-Schlagzeilen produzieren, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und dem Hang zu Negativen skrupellos zu frönen.
Phil2302 27.07.2016
5.
Danke, danke, danke für diesen tollen Beitrag! Hatte es bereits per Hand herausgegooglet und mich geärgert, dass niemand darüber berichtet. Es gibt diese Karikatur, in der jemand zwei Stapel vor sich liegen hat, auf der einen Seite 1000 Studien, die seine These untermauern, auf der anderen Seite eine Studie, die sie widerlegt - und die Person auf der anderern Seite des Schreibtisches nimmt sich nur die einzelne Studie und sagt: "Na also, ich habe doch recht." Vielen Dank für diese Richtigstellung hier. Übrigens: Wenn man sich anschaut, welche Meldung berichtenswert war, und welche nicht, zeigt ganz eindeutig, dass der Gender Paygap forciert werden soll. Das ist natürlich schon klar, seit regelmäßig die 20 % genutzt werden, die (erfahrungsgemäß bei vielen Menschen hängenbleibend) suggeriert, dass für gleiche Arbeit Frauen 20 % weniger verdienen. Sollten Sie als Leser dieses Kommentars auch glauben, dass die 20 % so zustande kommen, sollten Sie der Art und Weise, wie diese Zahl zustande kommt, einmal auf den Grund gehen.
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