Washington - Menschen, die keine Sprache beherrschen, können größere Zahlen und Mengen nicht erfassen. Das haben Forscher bei der Arbeit mit Taubstummen herausgefunden, die keine offizielle Zeichensprache erlernt haben, sondern über selbst entwickelte Gesten mit ihren Mitmenschen kommunizieren.
Obwohl die Probanden aus Nicaragua einer Kultur angehören, in der Zahlen und Mengen verwendet werden, bleibt ihnen das Verständnis dafür verschlossen. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Zahlenverständnis keine angeborene Eigenschaft des Menschen ist, sondern sich gemeinsam mit sprachlichen Zahlenkonzepten entwickelt. So helfe das Erlernen des Wortes "Sieben" beispielsweise dabei, zu begreifen, welche Menge diese Zahl verkörpert, schreiben die Forscher um Elizabet Spaepen von der University of Chicago im Wissenschaftsmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".
Bereits in früheren Studien hatten Wissenschaftler Hinweise darauf gefunden, dass Sprache etwas mit der Entwicklung von Mengenkonzepten beim Menschen zu tun hat. So zeigen Naturvölker im Amazonasgebiet, die keine Bezeichnungen für Zahlen größer als fünf besitzen, auch kaum Verständnis für Mengen jenseits dieses Wertes.
Normal intelligente Menschen
Dabei blieb allerdings unklar, ob dieser Effekt nicht eher ein kulturelles Phänomen ist - ob er nicht etwa deswegen entsteht, weil im Leben dieser Naturvölker Zahlen und Mengen keine Rolle spielen. Mit ihrer Studie wollten die Forscher um Spaepen diesen Einfluss nun ausschließen, um genauer klären zu können, ob die Sprache ausschlaggebend für das Mengenverständnis ist.
Sie wählten für ihre Versuche deshalb sogenannte Home Signer aus der modernen Gesellschaft Nicaraguas. Es handelt sich dabei um vier taubstumme Probanden, die aufgrund ihrer Lebensumstände keine Möglichkeit hatten, die offizielle Zeichensprache zu erlernen und Schulbildung zu erhalten. Sie benutzen stattdessen selbst entwickelte Gesten, um sich mit vertrauten Menschen zu verständigen. Dabei gebrauchen sie auch ihre Finger, um Mengen zu verdeutlichen.
Die übrigen Fähigkeiten und Intelligenzleistungen der Testteilnehmer waren in einem normalen Bereich. Als Vergleichsgruppe dienten hörende Personen aus Nicaragua, die zählen können, jedoch keine Schulbildung besitzen, sowie Personen, die sich der hoch entwickelten Zeichensprache inklusive des Zahlensystems bedienen.
Ab der Drei begannen die Schwierigkeiten
Bei den Tests sollten die Probanden beispielsweise den Inhalt einer animierten Bildergeschichte wiedergeben, die mit Zahlen und Mengen zu tun hatte. Bei anderen Aufgaben sollten sie Mengen von Objekten auf einer Karte mit ihren Fingern wiedergeben. Die Tests erfolgten auch unter Zeitdruck, um Aufschluss über die Geschwindigkeit der Informationsaufnahme zu gewinnen. Außerdem testeten die Forscher durch Versuche das Verständnis für den Wert von Geld.
Das Ergebnis: Banknoten und Münzen konnten die Home Signer korrekt Werte zuordnen. Bei den anderen Tests zeigten sie aber im Vergleich zu den übrigen Probanden Defizite: Ab der Zahl Drei begannen bereits ihre Schwierigkeiten, die Informationen über ihre Finger korrekt wiederzugeben. Sie versuchten es zwar, begingen aber deutlich mehr Fehler als die Vergleichsprobanden.
Die Forscher schließen aus diesen Ergebnissen, dass allein der kulturelle Hintergrund eines Menschen nicht zu der hochentwickelten Wahrnehmung von Mengen führt, sondern erst ein klares Zahlenkonzept in der Sprache.
boj/dapd
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