Technologie RFID-Geräte können Klinik-Apparate ausschalten

Kleine Teile, große Wirkung: RFID-Geräte können potentiell lebensrettende medizinische Apparate lahmlegen. Trotzdem sollen die Funkchips künftig in Kliniken eingesetzt werden. Forscher warnen jetzt vor gefährlichen Folgen.

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Die winzigen Mikrochips sind mittlerweile überall: In Mautsystemen, Containersiegeln, Bekleidungsetiketten und allen deutschen Reisepässen, die seit 2005 ausgestellt werden. Mit dem RFID-Verfahren ("Radio Frequency Identification") können Objekte über Funk identifiziert werden - also berührungslos und ohne Sichtkontakt. Die Systeme bestehen aus einem Mikrochip, dem sogenannten RFID-Transponder, und einem Lesegerät. Weil einzelne Personen keinen Einfluss darauf haben, was versteckte Chips über sie verraten, schlagen Datenschützer bereits seit Jahren Alarm.

Kaum sichtbar: Auf diesem Etikett ist der RFID-Chip nur als kleiner schwarzer Punkt zu erkennen.
DPA

Kaum sichtbar: Auf diesem Etikett ist der RFID-Chip nur als kleiner schwarzer Punkt zu erkennen.

Nun kommt das RFID-System auch für den Einsatz im Krankenhaus in Verruf: Die elektromagnetischen Wellen zwischen Transponder und Lesegerät tun offenbar mehr, als sie sollen. Die Magnetfelder schaffen es, in Kliniken Beatmungsmaschinen auszuschalten und Dialysegeräte zu stören. Das berichtet ein niederländisches Forscherteam in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Jama" ("Journal of the American Medical Association").

In Kliniken wäre der Einsatz beispielsweise im Operationsbesteck denkbar: Der RFID-Mikrochip würde in einer chirurgischen Zange liegen. Mit Lesegeräten könnte man an allen notwendigen Sterilisierungsstationen verfolgen, ob die Zange alle Schritte durchlaufen hat. In Deutschland soll es in Zukunft möglicherweise auch Patientenarmbänder geben, auf denen wichtige persönliche und medizinische Daten gespeichert sind. So sollen Verwechslungen etwa dann vermieden werden, wenn der Patient selbst keine Auskunft mehr geben kann.

Was in Krankenhäusern viele Vorgänge vereinfachen könnte, gerät durch die neue Studie nun unter Verdacht, großen Schaden anrichten zu können. Die Wissenschaftler um Remko van der Togt und Erik van Lieshout vom Akademischen Medizinischen Zentrum der Universität Amsterdam nahmen auf einer Intensivstation 123 Tests an 41 medizinischen Geräten vor. Sie positionierten das RFID-System dabei in durchschnittlich 30 Zentimeter Entfernung von den Apparaten. Patienten waren bei keinem der Tests an die Geräte angeschlossen - zum Glück, wie sich herausstellte.

Insgesamt 34 Mal gab es bei den Untersuchungen elektromagnetische Störungen. In 22 Fällen hätten diese für einen Patienten gefährlich werden können: Eine Beatmungsmaschine schaltete sich komplett ab, Infusionspumpen und externe Herzschrittmacher versagten, der akustische Alarm von Dialysegeräten fiel aus.

"Kein hysterisches Verbot"

"RFID-Technologie ist in der Lage, medizinische Geräte gefährlich zu beeinflussen", schreiben die Autoren in "Jama". Dennoch wollen sie mit ihrer Untersuchung kein "hysterisches Verbot der vielversprechenden Technik erzielen". Vielmehr fordern sie einen vorsichtigen Umgang: "Die Voraussetzung für den Einsatz von RFID in Krankenhäusern sollten Tests vor Ort sein, wie sich die elektromagnetischen Felder auswirken." In einem begleitenden Kommentar in der Fachzeitschrift fügt Donald Berwick vom Institute for Healthcare Improvement in Cambridge, (US-Bundesstaat Massachusetts) hinzu: "Krankenhäuser brauchen vor allem auf Intensivstationen eine interne Überwachung, ob es Probleme mit elektromagnetischen Störungsfeldern gibt."

"Dass ein RFID-System ein elektromagnetisches Spannungsfeld erzeugt, das ein nur 30 Zentimeter entferntes Gerät ausschaltet, wundert mich überhaupt nicht", sagt Thomas Hollstein vom Fachgebiet Mikroelektronische Systeme der Technischen Universität Darmstadt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Aber es ist doch die Frage: Wer würde ein Lesegerät überhaupt in der Nähe von solchen medizinischen Geräten benutzen?" Für den Ingenieur kommt es vielmehr auf die Handhabung an und darauf, wie Innovationen sicher in Krankenhäusern eingeführt werden können. "Man könnte beispielsweise für verschiedene Bereiche RFID-Systeme mit unterschiedlichen Reichweiten einsetzen, je nach Sicherheitsstufe", meint Hollstein.

Auch Handy-Strahlung stand lange unter dem Verdacht, medizinische Apparate zu stören. In vielen Kliniken gibt es noch immer Verbote, doch mehrere Studien haben inzwischen belegt, dass Mobilsignale die Geräte nicht beeinflussen. Sie haben vielmehr einen positiven Effekt: In Krisenfällen rettet die schnelle Kommunikation Leben. In Großbritannien haben einige Kliniken den Handy-Bann daher bereits aufgehoben. Nun rufen Ärzte in der Fachzeitschrift "British Medical Journal" dazu auf, dass weitere Krankenhäuser folgen sollen.

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