Genetik Forscher wollen Gesichter aus Erbinformation rekonstruieren

Es sind 20 Gene, die bestimmen, wie unser Gesicht aussieht, berichten Forscher. Sie wollen ermitteln, welche Bestandteile der DNA zu welchen Gesichtszügen führen. Langfristig ließen sich so aus Proben unserer Erbinformation Phantombilder erstellen.

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Shriver Claes/ Penn State

Weiblich oder männlich. Blaue oder grüne Augen, braune oder blonde Haare und afrikanische oder europäische Abstammung - all diese Eigenschaften lassen sich bereits heute aus dem Erbgut eines Menschen ablesen. Aber da geht noch mehr, glauben Forscher. Sie wollen Anhand der DNA eines Menschen ganze Gesichter rekonstruieren. Dazu müssen sie zunächst genauer verstehen, welchen Einfluss die Gene auf die tatsächliche Gesichtsform haben.

Um mehr zu erfahren, studierten Forscher um Mark Shriver von der Pennsylvania State University und Kollegen die Gesichter von 592 Personen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren aus den USA, Brasilien und den kapverdischen Inseln, bei denen sich westafrikanische und europäische Herkunft vermischen. Sie erfassten unter anderem die Hautfarbe, das Geschlecht und die Herkunft der Probanden. Zusätzlich nahmen sie DNA-Proben aus dem Blut und der Mundschleimhaut, berichten sie im Fachmagazin "Plos Genetics".

"Etwa fünf Prozent der Gene unterscheiden sich zwischen Populationen", erklärt Shriver. "Wir beziehen verschiedene Populationen ein, weil sie in unterschiedlicher Umgebung und sozialen Strukturen leben." Auf diese Weise ließen sich auch Gesichtszüge, die durch Lebensumstände geformt werden, von genetisch gesteuerten abgrenzen.

Im ersten Schritt modellierten Shriver und Kollegen die Gesichter der Testpersonen als 3-D-Bilder am Computer und entfernten Haare, Ohren, Hautfarbe und weitere Faktoren, die von der reinen Gesichtsform ablenken. Die Computerbilder versahen sie mit einem engmaschigen Netz und bestimmten den Abstand aller markierten Punkte. Auf diese Weise identifizierten sie 44 grundlegende Gesichtsproportionen, mittels derer sich 98 Prozent der unterschiedlichen Gesichtsanordnungen der Probanden beschreiben ließen.

Phantombilder aus DNA generieren

Den Einfluss von verschiedenen Genvarianten auf die Gesichtszüge ermittelten die Forscher, indem sie Gesichtsformen, Geschlecht, Abstammung und Gene abglichen. Das Ergebnis: Sie fanden Zusammenhänge zwischen 20 Genen und der Form des Gesichts. Darunter etwa ein Gen, das je nach Variante die Lippenform verändert, ein anderes steuere die Form und Beschaffenheit der Knochen um die Augen. Wieder ein anderes sei verantwortlich für das Aussehen der Gesichtsmitte und des Schädels.

Um den Umfang der Analysen einzugrenzen, hatten die Forscher Gene geprüft, von denen bekannt ist, dass sie in veränderter Form zu Fehlbildungen im Gesicht oder am Schädel führen. Es sei wahrscheinlich, dass diese Gene auch in ihrer normalen Form den Aufbau von Gesicht und Schädel beeinflussen.

"Wir nutzen DNA, um ein Individuum zu identifizieren, aber die DNA verrät noch viel mehr", sagt Shriver. Derzeit sei es noch nicht möglich, allein aus dem Erbgut auf die Gesichtszüge zu schließen oder umgekehrt. "Es sollte aber eigentlich möglich sein." Irgendwann könne man ihre Technik sicher nutzen, um von der DNA eines Kindes auf das Aussehen der Eltern zu schließen, so die Forscher. Es werde auch möglich sein, das Aussehen menschlicher Vorfahren über DNA-Proben genauer zu beschreiben. In der Forensik könne die Fähigkeit, von DNA auf Gesichter zu schließen, helfen, exakte Phantombilder zu erstellen.

Die Forscher sind sich bewusst, dass ihre Pläne Grenzen haben: Umwelt, Temperaturen, Regenfälle und das Leben in großer Höhe hätten neben den Genen ebenfalls großen Einfluss auf die Gesichtsform. Bereits im September 2012 hatten Forscher Gene identifiziert, die das Gesicht formen. Nach der Analyse des Erbguts von 10.000 Menschen aus Europa, waren die Forscher damals auf fünf für die Gesichtsform entscheidende DNA-Regionen gestoßen.

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insgesamt 4 Beiträge
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StörMeinung 28.03.2014
1. Zitieren wie bei von Guttenberg
Zitat von sysopShriver Claes/ Penn StateEs sind 20 Gene, die bestimmen, wie unser Gesicht aussieht, berichten Forscher. Über Statistiken ermitteln sie, welche Bestandteile der Biomoleküle zu welchen Proportionen führen. Langfrist ließen sich so aus Proben unserer Erbinformation sogar exakte Phantombilder erstellen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/teile-des-erbgut-bestimmen-die-form-von-gesichtern-a-961249.html
Vielen Dank für die interessante Nachricht, aber der federführende Autor und geistiger Vater der Phantombilder ist (sowie weitere Autoren) Mitarbeiter am "Medical Imaging Research Center" an der Universitätsklinik im belgischen Löwen. Der amerikanische Kollege ist der Genetiker im Team. Nicht alles Spektakuläre in Wissenschaft und Technik kommt immer nur exklusiv aus den USA, und ich begreife nicht, wieso man die europäischen Beiträge hier so leichtsinnig weglässt. Selbst der NewScientist ist hier genauer. http://www.newscientist.com/article/mg22129613.600-genetic-mugshot-recreates-faces-from-nothing-but-dna.html?full=true#.UyyiyK1dUX_
waterman2 29.03.2014
2. waterman2
Das wär ne Wahnsinnssache...dann könnte man theoretisch auch das Aussehen von Menschen herausfinden, bevor diese geboren sind. Man könnte das Aussehen von Leuten, die im 15. Jahdt. gelebt haben rekonstruieren, als es noch keine Fotografie gab.
andre_sokolew 30.03.2014
3. Prima - aber es macht auch Angst
Einerseits fasziniert mich die daraus entstehende Möglichkeit, nach z.B. einem Mord DNA-Spuren des Täters auszuwerten, ein Phantombild zu erstellen und dann in den Bildern der Überwachungskameras in Straßenbahnen, auf Bahnhöfen und auf öffentlichen Plätzen nach dem Täter zu suchen. Tolle Sache. Andererseits wird diese Technologie, wenn es sei einmal gibt, so billig, dass sie praktisch für jede Kontrolle benutzt werden kann. Kein Name irgendeines Bordellkunden fehlt in der Datenbank, die betrogene Ehefrau lässt sich vom Privatdetektiv ein Foto schicken und erkennt ihre beste Freundin, werdende Eltern entscheiden sich für die Abtreibung ihres hässlichen ungeborenen Kindes. Tolle Sache.
moritz040 31.03.2014
4. Das bringt die Gesellschaft weiter
Designerbaby here we come.
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