Templer Der späte Freispruch der Ketzer

Von Stefan Ulrich

2. Teil: Die Hexenjagd auf die Templer beginnt


Nach dem Fall der Kreuzfahrerbastionen in Syrien und Palästina in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verloren die Tempelritter ihren ursprünglichen Daseinszweck. Ihr Untergang nahte in Gestalt Philipps IV., genannt "der Schöne". Der Monarch war hoch verschuldet, auch bei den Templern. Den Orden zu zerschlagen, erschien ihm lukrativ. So nutzte er die Gerüchte über die Templer, um Gräuelpropaganda zu verbreiten und, unter Einschaltung der Inquisition, eine Hexenjagd zu eröffnen. Am Freitag, dem 13. Oktober 1307, ließ der französische König in einer Überraschungsaktion alle Templer in seinem Herrschaftsbereich verhaften. Die Vorwürfe: Sodomie – damit waren damals homosexuelle Handlungen gemeint –, Götzendienst und vor allem Ketzerei.

Nach jahrelangen Verhören und schweren Folterungen in Kerkern des Königs "gestanden" manche Templer ihre angebliche Ketzerei. Einige Historiker vergleichen die damaligen Vorgänge mit den stalinistischen Schauprozessen. Papst Clemens V., selbst Franzose und in Avignon unter der Kontrolle Philipps des Schönen residierend, stellte trotz der offensichtlichen Willkürverfahren im Jahr 1312 den Orden ein. Zwei Jahre darauf starb Jacques de Molay, der letzte Großmeister der Templer, den Flammentod.

Die verdächtigen Gebräuche waren militärische Initiationsriten

680 Jahre später beugte sich Barbara Frale im Vatikanischen Geheimarchiv über ein eigentümliches Bündel mit etwa 50 Blättern, das in einem großen Registerband verborgen war. Frale, die in dem uralten Tuffstein-Städtchen Orte im nördlichen Latium aufgewachsen ist und dort bis heute lebt, hatte da gerade das Studium der mittelalterlichen Archäologie hinter sich. Nun ließ sie sich an einer vatikanischen Spezialschule, die dem Geheimarchiv angegliedert ist, im Entziffern alter Dokumente ausbilden. Als sie die Blätterbündel studierte, merkte sie, dass sie private Aufzeichnungen mehrerer Kardinäle für Clemens V. zum Templerprozess in den Händen hielt. Auf den eng beschriebenen, mit vielen Korrekturen und Anmerkungen versehenen Bögen setzten sich die Kirchenfürsten mit den seltsamen Ritualen des Ordens auseinander und erörterten den Vorwurf der Ketzerei. "Von da an", sagt Frale, "zog mich das Schicksal der Templer in seinen Bann."

Die junge Frau promovierte in den folgenden Jahren an der Universität Venedig über den Orden und ergründete dessen Rituale. "Dabei half mir, dass mein Vater Offizier war und viel mit Rekruten zu tun hatte", erzählt Frale. So erkannte sie: Die verdächtigen Gebräuche der Templer waren militärische Initiationsriten. "Für die Tempelritter war dieser grausame und gewalttätige Ritus überlebensnotwendig", sagt sie. Denn sie mussten prüfen, ob ein junger Adeliger dem Kampf in vorderster Front gegen die muslimischen Heere gewachsen war. So spielten sie nach, was einem gefangenen Templer in den Kerkern der Sarazenen drohte: "Die Neulinge mussten Christus verleumden und das Kreuz bespucken."

Zudem mussten die Novizen den Bauchnabel oder das Gesäß eines Vorgesetzten küssen, was den Tempelrittern prompt den Vorwurf der Sodomie einbrachte. "Tatsächlich ging es aber darum, seine totale Hingabe an den Orden zu beweisen", meint die Forscherin. Auch sollte wohl manchem stolzen jungen Adeligen so erst einmal der Hochmut ausgetrieben werden. An einem weiteren mysteriösen Ritual des Ordens rätselt Barbara Frale noch heute. Dabei wurden Kordeln, mit denen die Templer sich gürteten, an einem streng geheimen und gut bewachten Bildnis geweiht. Gegner der Ordensritter behaupteten seinerzeit, es handle sich um einen Götzen, womöglich gar um den Teufel. Frale vermutet dagegen: "Es war ein ganz besonderes Abbild Christi, das womöglich mit dem Schweißtuch von Turin zu tun hatte. Aber dafür habe ich noch keine Beweise."

Nach der Promotion bekam Frale eine Anstellung im Vatikanischen Geheimarchiv. Nun konnte sie sich daran machen, nach verborgenen Schätzen in den kilometerlangen Regalen mit Millionen alter Dokumente zu suchen. Und sie wurde fündig. Im Jahr 2001 entdeckte sie ein bislang übersehenes, 70 mal 58 Zentimeter großes Pergament, das ursprünglich mit drei Kardinalssiegeln versehen war. "Ich merkte sofort, dass dies ein sehr wichtiges Dokument sein musste", erzählt Frale. Als sie es zu lesen begann, stockte ihr der Atem: Das Pergament enthielt die Erkenntnisse dreier dem Papst besonders nahestehender Kardinäle über die Templer. Die drei Kirchenfürsten hatten den Großmeister des Ordens und andere Würdenträger im Auftrag Clemens V. im königlichen Kerker der Burg Chinon an der Loire besucht und verhört. Ihre Ergebnisse brachten den Pontifex zu dem Schluss: Zwar praktizierten die Templer völlig ausgeartete, zum Teil blasphemische Rituale und Soldatenbräuche – Ketzer aber waren sie nicht.

Der Papst wollte den Templerorden nicht auflösen

In dem Pergament von Chinon, wie es nun genannt wird, erteilen die drei Kardinäle im Namen und mit der Autorität des Papsts dem Ordensgeneral Jacques de Molay und den anderen Ordensoberen daher ausdrücklich die Absolution. Sinngemäß übersetzt heißt es in dem Dokument, das nun als Faksimile dem Buch "Processus contra Templarios" beigefügt ist, die Templer hätten für ihre Schandtaten demütig von der Kirche Vergebung und Absolution erbeten. "Daher ordnen wir an, dass sie losgesprochen und in die Gemeinschaft der Kirche wieder aufgenommen werden, und dass sie wieder zur Kommunion der Gläubigen und zu den kirchlichen Sakramenten zugelassen werden."

Für Barbara Frale war das Pergament ein geradezu "revolutionärer" Fund. "Denn bislang glaubten die Forscher, dass Clemens die Ketzereivorwürfe des französischen Königs gegen die Templer letztlich unterstützt habe. Nun aber hatte ich ein Dokument vor Augen, das bewies, dass der Papst gegen diese Anschuldigungen war."

Mit dem Spruch des Pontifex auf dem Pergament von Chinon war der Vernichtungskampagne Philipps des Schönen der Boden entzogen. "Clemens wollte eine harte Züchtigung des Ordens, aber nicht dessen Auflösung", sagt Frale. Nur: Das Dokument wurde vom Papst nicht veröffentlicht. Denn Clemens V. war zu schwach, um seinen Plan durchzusetzen, den Orden zu reinigen und zu erhalten. Der französische König drohte mit Kirchenspaltung. So wurden die Tempelritter zu Bauernopfern. Immerhin ließ der Pontifex ein Hintertürchen offen: In seiner Bulle "Vox in excelso" vom 22. März 1312 verurteilte er den Orden nicht und löste ihn auch nicht auf. Er suspendierte ihn nur.

"Ohne den König von Frankreich wäre der Templerorden reformiert worden und würde womöglich, wie der Malteserorden, noch heute existieren", sagt Barbara Frale. Tatsächlich aber sei er untergegangen. All die Legenden von einem Weiterleben im Untergrund wischt sie vom Tisch. "Als Historikerin sage ich dazu: Wenn ich keine Dokumente habe, existiert das alles für mich nicht." Und was sagt sie als Privatfrau? Die Dottoressa lacht: "Da existiert es für mich auch nicht. Ein Papst hat den Templerorden suspendiert, und nur ein Papst kann diese Entscheidung wieder aufheben." Wäre es dafür, nach ihren Dokumentenfunden, nicht an der Zeit? Barbara Frale zuckt die Achseln, streckt die Arme von sich und sagt: "Da müssen Sie schon Benedikt XVI. fragen."



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