Testosteron Mit dem Sexualhormon über alle Berge

Floyd Landis profitierte beim Toursieg nach ersten Tests vom Sexualhormon Testosteron. Es fördert den Muskelaufbau, regt die Blutbildung an und stärkt das Gefühl von Power und Aggressivität. Der fulminante Soloritt des Amerikaners in der 17. Etappe wäre damit gut zu erklären.

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Die Wiederauferstehung des US-Rennfahrers Floyd Landis auf der 17. Etappe der diesjährigen Tour de France hatte alle Beobachter überrascht. Bei der Bergetappe am Vortag war er dramatisch eingebrochen - der Gesamtsieg schien verloren. Die erhöhten Testosteronwerte, die Dopingtester nun in der A-Probe nachgewiesen haben, könnten Landis' Triumph auf der 17. Etappe gut erklären.

Doping-Proben: Schlaue Betrüger kaum zu überführen
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Das Sexualhormon eignet sich nämlich vorzüglich, um die Regeneration der müden Muskeln zu beschleunigen. Kurt Moosburger, Sport- und Ernährungsmediziner und Facharzt für Innere Medizin aus Tirol, glaubt, dass Testosteron im modernen Radsport deshalb fast schon unerlässlich ist.

"Man kann ohne Doping eine schwere Alpenetappe absolvieren", sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Doch danach seien die Muskeln ausgebrannt. "Man braucht - je nach Trainingszustand - ein bis drei Tage, um sich zu regenerieren."

Testosteron und das Wachstumshormon HGH können laut Moosburger die Regeneration beschleunigen: "Beides sind körpereigene und somit natürliche Substanzen. Sie helfen beim Muskelaufbau wie auch bei der Regeneration der Muskulatur."

Geschicktes Testosteron-Doping kaum nachweisbar

Fritz Sörgel vom Nürnberger Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung bestätigt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die regenerative Wirkung: "Testosteron wird ja genau dafür in der Medizin eingesetzt, etwa bei HIV- oder Tumorpatienten."

Die Gabe von Testosteron kann laut Moosburger so erfolgen, dass sie kaum nachzuweisen ist. "Man klebt ein handelsübliches Testosteronpflaster, wie es zur Hormon-Ersatztherapie bei Männern eingesetzt wird, auf den Hodensack und belässt es dort für etwa sechs Stunden." Die geringe Dosis reiche nicht aus, einen positiven Harnbefund beim Dopingtest zu erzeugen, aber der Körper spüre tatsächlich eine schnellere Erholung.

Sörgel vermutet, dass sich Landis bei seiner mutmaßlichen Testosterongabe wohl verrechnet hat und deshalb bei der Dopingprobe auffiel.

Es geht jedoch bei der Hormongabe nicht nur um eine schnellere Regeneration: Testosteron fördert daneben auch den Muskelaufbau, regt die Blutbildung an und stärkt das Gefühl von Power und Aggressivität. Wegen dieser leistungssteigernden Effekte ist das Hormon als Anabolikum eingestuft, die Verabreichung gilt als Doping.

Sörgel hält vor allem die psychische Wirkung von Testosteron für Wettkampf-entscheidend: "'Ich war danach wie entfesselt' - das berichten Sportler immer wieder nach der Einnahme von verbotenen Steroiden."

Friedrich Jockenhövel, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus Herne, glaubt, dass Tour-Teilnehmer grundsätzlich von einer Hormonzufuhr profitieren würde. "Es ist ein bekanntes Phänomen, dass die Testosteronproduktion der Hoden bei andauernder Belastung sinkt", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. Bei Fahrern ohne Hormonzugabe sinke der Spiegel während einer Etappe sowie insgesamt im Laufe der Tour. "Wenn ein Sportler behandelt wird, dann ist sein Testosteron-Spiegel ausgeglichener und sicher auch höher als bei anderen Fahrern", erklärte Jockenhövel.

Eine Testosteron-Spritze für drei Wochen

Jockenhövel kennt sich mit Testosteron im Spitzensport gut aus. Er hat mehrere Leistungssportler als Patienten, die nach einer Chemotherapie regelmäßig Testosteron bekommen. "Bei 80 Prozent der mit Chemotherapie Behandelten ist der Hoden danach so geschädigt, dass dauerhaft Hormone gegeben werden müssen", sagte der Spezialist.

Das Hormon könnte am besten als intramuskuläre Spritze in den Po gegeben werden. "Eine Spritze reicht für drei Wochen oder neuerdings sogar für bis zu drei Monate", erklärte Jockenhövel. Das Hormon werde in den Muskeln gelagert und kontinuierlich abgegeben. "Der Sportler hätte quasi einen Testosterontank im Po." Man könne die Dosis so einstellen, erklärt der Mediziner, dass der Spiegel konstant im oberen Drittel des Normbereichs liegt. Andere Fahrer hätten so hohe Werte nur sporadisch.

Lance Armstrong, der die Tour sieben Mal gewann, wäre wohl auch ein Kandidat für eine medizinisch begründete Testosterongabe gewesen. Der Amerikaner musste sich 1996 nach einer Krebserkrankung den rechten Hoden komplett entfernen lassen. Danach litt er unter einem Mangel des Hormons. "Seit 1996 habe ich chronisch zu wenig Testosteron und kann nichts dagegen machen", sagte er in dem "Playboy"-Interview.

Armstrong bestritt jedoch, die fehlende Hormonmenge durch eine Testosteronzufuhr ausgeglichen zu haben. Er könne erst nach Ende seiner Profikarriere mit dem Spritzen von Testosteron beginnen, beteuerte er vor einem Jahr.



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