Testosteron, Sex und Fingerlänge Urmenschen waren männlicher

Wie oft wechseln Männer ihre Sexualpartner? Die Fingerlänge verrät dabei so einiges, denn das Hormon Testosteron hat Einfluss auf das Wachstum. Jetzt haben Paläoanthropologen dem modernen Menschen und seinen Vorfahren auf die Finger geschaut - und Erstaunliches über ihr Verhalten herausgefunden.

Neandertaler: Mehr Testosteron-Kontakt im Mutterleib?
DPA / Wissenschaftliche Rekonstruktionen: W.Schnaubelt/N.Kieser (Wildlife Art) für Hessisches Landesmuseum Darmstadt

Neandertaler: Mehr Testosteron-Kontakt im Mutterleib?


Wann ist ein Mann ein Mann? Genetisch betrachtet, ist die Frage einfach: Auf dem männlichen Y-Chromosom sitzt ein Gen, das beim Embryo die Hodenbildung anstößt. Diese Geschlechtsdrüse produziert vor allem das Sexualhormon Testosteron, jenen mächtigen Botenstoff, der für die wichtigsten Unterschiede zwischen Mann und Frau verantwortlich ist. So bewirkt Testosteron nicht nur, dass ein Penis sowie die Samenleiter entstehen. Es sorgt auch etwa dafür, dass Männer eine stärkere Körperbehaarung haben und in ihrem Verhalten anders als Frauen geprägt sind.

Testosteron, so eine seit längerem bekannte Annahme, beeinflusst auch die Länge des Ringfingers im Verhältnis zum Zeigefinger: Je mehr ein männliches Embryo im Mutterleib mit Testosteron in Kontakt kommt, desto kürzer wird der Zeige- und desto länger der Ringfinger. Genau diesen Zusammenhang haben Wissenschaftler genutzt, um Rückschlüsse auf das soziale Verhalten des Neandertalers zu ziehen.

Wie das Team um Emma Nelson von der University jetzt in den "Proceedings of the Royal Society B" berichtet, tendierten Neandertaler demnach eher zu häufigem Partnerwechsel als zur monogamen Lebensweise. Denn wie die Forscher herausfanden, besaßen sie einen relativ kurzen Zeige- und einen vergleichsweise langen Ringfinger - ein typisches Merkmal für heute lebende Primaten, bei denen die Männchen ständig um die Weibchen konkurrieren müssen. Schimpansen und Gorillas etwa weisen dieses Merkmal auf, während monogam lebende Gibbons fast gleich lange Zeige- und Ringfinger heben.

Doch die Menge an Testosteron im Mutterleib beeinflusst nicht nur das Finger-Verhältnis: Ein hoher Hormonspiegel geht auch mit einer dominanteren, eher zu Aggressionen neigenden Persönlichkeit einher.

Solche Individuen können sich vor allem in Konkurrenzsituationen behaupten, wie sie beispielsweise in Gesellschaften herrschen, in denen es keine festen Paarbindungen gibt. Und tatsächlich: Bei Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans dominieren meist Individuen mit langen Ring- und kurzen Zeigefingern. Beim Menschen dagegen gibt es eine große Bandbreite an Fingerlängenverhältnissen und dazu passend auch viele verschiedene Partnerschaftsmodelle.

Evolution des Fingerknochen-Verhältnis

Nelson und ihre Kollegen untersuchten deshalb die Fingerknochen einer Reihe früherer Hominiden. Dazu gehörten der vor etwa 12 Millionen Jahren ausgestorbene Pierolapithecus catalaunicus, der Orang-Utan-ähnliche Hispanopithecus laietanus, der vor etwa 9,5 Millionen Jahren lebte und Ardipithecus ramidus, rund 4,4 Millionen Jahre alt, der entweder ein direkter Vorfahr der Menschen oder ein enger Verwandter unserer Urahnen war. Dazu kamen noch Australopithecus afarensis, der als echter Menschenvorfahr gilt, der Neandertaler und ein 90.000 Jahre alter Homo sapiens.

Die frühen Spezies hatten alle ein ähnliches Fingerlängenverhältnis wie die heutigen Menschenaffen, zeigte die Analyse - sie lebten demnach vermutlich in promiskuitiven Gruppen. Das änderte sich erst bei Australopithecus: Seine Fingerlängen deuten auf eine monogame Lebensweise hin. Beim Neandertaler und auch beim frühen Homo sapiens ergibt sich kein ganz eindeutiges Bild.

Obwohl das Fingerlängenverhältnis bei allen bekannten Menschenaffen inklusive des Menschen direkt mit der jeweiligen Gesellschaftsstruktur korreliert, geben die Forscher selbst zu: Ein wenig gewagt sei es schon, aus der Fingerlänge auf das Sozialverhalten einer ausgestorbenen Spezies zu schließen. Dennoch halten sie ihre Folgerungen für legitim - und hoffen, die Gültigkeit ihrer Methode mit Hilfe weiterer Funde bestätigen zu können.

Beim Menschen haben Männer übrigens durchschnittlich ein kleineres Zeige-Ringfinger-Längenverhältnis als Frauen, das heißt, sie haben im Allgemeinen kürzere Zeigefinger und längere Ringfinger. Es gibt jedoch auch Frauen mit eher männlichen Fingerlängen und umgekehrt auch manche Männer, die fast gleich lange Finger haben.

Besonders ausgeprägt ist der Längenunterschied bei Autisten, die der gängigen Theorie nach im Mutterleib überdurchschnittlich vielen männlichen Hormonen ausgesetzt sind. In einigen Bevölkerungsgruppen tritt ein großer Längenunterschied gehäuft auf. Bei diesen sind oder waren bis vor Kurzem interessanterweise Partnerschaftsmodelle verbreitet, die nicht auf der klassischen monogamen Paarbindung basieren.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war von einem "Penis mit einem Samenleiter" die Rede. Dieser Satz war falsch. Korrekt muss es lauten, dass "ein Penis sowie die Samenleiter entstehen". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

cib/ddp

insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
harrybr 03.11.2010
1. welche Gruppe war das?
In einigen Bevölkerungsgruppen tritt ein großer Längenunterschied gehäuft auf. Bei diesen sind oder waren bis vor Kurzem interessanterweise Partnerschaftsmodelle verbreitet, die nicht auf der klassischen monogamen Paarbindung basieren.
atomkraftwerk, 03.11.2010
2. .
Die Stichprobengröße scheint mir doch sehr klein zu sein um damit signifikante Aussagen über die gesamte Population zu machen.
ReneMeinhardt, 03.11.2010
3. Sie haben vollkommen Recht
Zitat von atomkraftwerkDie Stichprobengröße scheint mir doch sehr klein zu sein um damit signifikante Aussagen über die gesamte Population zu machen.
Außerdem bleibt wiedermal außen vor, was die Ursachen für die unterschiedliche Hormonausschüttung ist und damit die Ursache für das Partnerschaftsmodell (oder auch gesellschaftliche Ausprägung des Individuums). Aber wahrscheinlich wollten sich die Wissenschaftler nicht mit den Leichtgläubigen anlegen :-)
Riff 03.11.2010
4. Der Urmensch zeigt dem Anthropologen "den Finger"
Zitat von sysopWie oft wechseln Männer ihre Sexualpartner? Die Fingerlänge verrät dabei so einiges, denn das Hormon Testosteron hat Einfluss auf das Wachstum.*Jetzt haben Paläoanthropologen den Urmenschen auf die Finger geschaut - und*Erstaunliches über ihr Sozialverhalten herausgefunden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,726940,00.html
Nix gegen die Paläodisziplinen. Nichts grundsätzliches. Man sollte aber - um mit einem Exkanzler zu sprechen - die Kirche im Dorfe lassen. Im alten Rom haben die Auguren aus den Eingeweiden von Fischen und Gänsen die Zukunft "vorhergesagt". Heute sagen die Paläoanthropologen die Vergangenheit aus vergilbten Knochen voraus. Alles scheint irgendwie schon mal dagewesen zu sein.
exkeks 03.11.2010
5. Anmerkungen
Zitat von atomkraftwerkDie Stichprobengröße scheint mir doch sehr klein zu sein um damit signifikante Aussagen über die gesamte Population zu machen.
Das ist ein generelles Problem mindestens aller historischen und prähistorischen Disziplinen und muss als Damoklesschwert über neuen "Erkenntnissen" ausgehalten werden. Aber zu diesem Zweck gibt es den sogenannten "wissenschaftlichen Fortschritt", wobei aufgrund neuer Erkenntnisse einstige Aussagen relativiert werden können. Für die Ursachen sind wohl kaum die Paläoanthropologen, sondern Genforscher zuständig. Dem hier nachgezeichneten Konsekutivzusammenhang würde ich im Übrigen nicht ohne Weiteres folgen. Menschliche Gesellschaften zeichnen sich eben durch ihr Kulturfähigkeit aus und haben damit ein wirksames Mittel gegen scheinbare genetische Determinanten. Leider gibt es aus den betrachteten Epochen einfach zu wenige Überreste - vor allem Paarbestattungen o.ä. wären ja prinzipiell interessant in dieser Frage. Womit sollen sich Paläoanthropologen denn sonst beschäftigen als mit der Vergangenheit und alten Knochen? Die Kirche ist also mitten im Dorf - aber was wollen Sie uns mit Ihrem Posting sagen?
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