Teure Fachmagazine: Aufstand gegen die Hüter des Wissens

Von Thorsten Dambeck

Verlage verdienen kräftig mit, wenn Wissenschaftler ihre Ergebnisse publizieren. Doch unter Forschern wächst die Wut über Gängelei und horrende Kosten. Gratis-Journale im Internet sollen die Front der etablierten Zeitschriften brechen und die Forschungspublikation revolutionieren.

Als Reporter auf einer Wissenschaftskonferenz erhält man schnell einen Eindruck, wie es beim Publizieren aktueller Forschungsergebnisse zugeht: "Schreiben Sie das nicht, wir bekommen es sonst in der Fachpresse nicht mehr veröffentlicht", erklären Vortragsredner, die gerade noch stolz den Laser-Pointer auf ihre neusten Geistesfrüchte gerichtet haben.

Forscherkarrieren hängen weltweit von eindrucksvollen Veröffentlichungslisten ab. Denn nur wer es möglichst oft in die angesehenen Journale schafft, kann sich wissenschaftliche Meriten verdienen. Das geltende Verdikt lautet: "Publish or perish" - veröffentliche oder verende. Doch um die Arbeiten zu publizieren, müssen diese von Verlagen akzeptiert werden - und zwar zu deren Bedingungen.

Internationale Wissenschaftsverlage wie Marktführer Elsevier Reed, John Wiley oder Springer publizieren regelmäßig Zehntausende von Zeitschriften und organisieren so die Verbreitung des neuesten Wissens in den Fachzirkeln. Mit dem wachsenden Spezialisierungsgrad steigt aber auch beständig die Zahl der Journale.

Und ebenso wächst seit Jahren die Unzufriedenheit mit einem System, das mittlerweile vor allem den Verlagen nutzt. Ihnen spülte die Publikationsmethode in den vergangenen Jahren ansehnliche Gewinne in die Kassen.

Doch es formiert sich eine Gegenbewegung. In der Wissenschaft, so fordert eine zunehmende Reformerschar, soll der Zugriff auf die Erkenntnisse für alle Interessierten frei und kostenlos sein: "Open Access" über das Internet.

Die sprachliche Anlehnung an die "Open Source"-Bewegung von Programmierern ist kein Zufall. Hier wie da geht es um geistige Inhalte, die schnell und kostenlos im Netz ausgetauscht werden. Dass solch ein Konzept gut funktionieren kann, hat das Betriebssystem Linux als Flaggschiff der Open-Source-Bewegung bereits bewiesen.

Astronomische Gewinne

Fachblatt "Nature": "Publish or perish"
Nature

Fachblatt "Nature": "Publish or perish"

Den Instituten und Universitäten käme Open Access gerade recht. Ihre Bibliotheken ächzen unter den Kosten für die zahllosen Fachblätter, die ihnen die Verlage aufbrummen. "Wir haben zunehmend Probleme, die wichtigen Zeitschriften zu abonnieren. Trotz unserer stagnierenden Etats langen einige Verlage mit regelmäßigen kräftigen Preiserhöhungen für die Subskriptionen zu", erklärt Klaus Franken, der als Leiter der Universitätsbibliothek an der Uni Konstanz das fehlende Berufsethos der betreffenden Verlage beklagt. "Verlagsleitungen versprechen ihren Anlegern üppige 20-Prozent-Renditen. Da gibt es völlig überzogene Erwartungen."

Besonders ärgert Franken, dass die meist mit Steuergeldern bezahlte Forschung im vorherrschenden System teuer zurückgekauft werden muss. "Um in möglichst renommierten Publikationen zu erscheinen, müssen die Wissenschaftler das exklusive Urheberrecht an die Verlage übertragen."

Mit diesem Verwertungskotau ist dem Preisdiktat vor allem in den so genannten STM-Disziplinen, also "Science, Technology und Medicine", Tür und Tor geöffnet: "Subskriptionen von über 6000 Euro pro Zeitschrift und Jahr sind keine Seltenheit", klagt der Konstanzer Jurist. Die ihrem Fachgebiet verhafteten Forscher sind oft ahnungslos, welche astronomischen Preise die Bibliotheken aufbringen.

Doch der Bogen ist mittlerweile überspannt, Franken spricht von einer Zeitschriftenkrise: "Mit den Abbestellungen von Fachblättern zieht die Kommunizierung der Wissenschaft den Kürzeren."

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