Flutkatastrophe in Houston Im Überfluss

Ist der Klimawandel schuld daran, dass Houston versunken ist? Über diese Frage wird weiter gestritten werden. Die Schuldigen für den Untergang aber stehen zweifelsfrei fest: Es sind die Autos.

Überschwemmungen in Houston durch Hurrikan "Harvey"
AP

Überschwemmungen in Houston durch Hurrikan "Harvey"

Ein Kolumne von


"Das Recht, mit einem privaten Auto jedes Gebäude in der Stadt zu erreichen, ist in einer Zeit, in der jeder ein solches Auto besitzt, in Wahrheit das Recht, die Stadt zu zerstören."

Lewis Mumford, "Babel in Europe" (1957)

Sobald das Wasser die Herrschaft übernimmt, sind die wahren Ursachen des Chaos auf einen Schlag nutzlos, hilflos, gefährlich. Ihre riesigen Reviere haben sich in Gewässer verwandelt. Sie stehen darin und rosten.

Tropenstürme wie "Harvey" werden immer gefährlicher, und das hat offenbar mit dem Klimawandel zu tun. Eine direkte Kausalität ist schwer nachzuweisen, völlig klar aber ist: Die Autos sind in jedem Fall schuld an Houstons Untergang. Auch ohne das CO2.

Die Bewohner Houstons waren sich der Gefahren bewusst, immerhin liegt ihre Stadt nahe am Meer, mitten in einem ehemaligen Sumpfgebiet, auf lehmigem Boden. Sie haben deshalb eigens große Kanäle angelegt, damit das Wasser bei Bedarf abfließen kann. Aber diese Kanäle reichen nicht mehr. Weil die Stadt zu schnell gewachsen ist. Aber was genau heißt das eigentlich?

25 Prozent für Parkplätze, 2,5 Prozent für Parks

Zu schnell gewachsen ist in Wahrheit nicht Houston an sich, sondern die Zahl vollständig versiegelter Flächen. Das innere Stadtgebiet besteht zu fast zwei Dritteln aus Straßen und Parkplätzen. 65 Prozent aller verfügbaren Flächen sind für Autos reserviert. Allein für Parkplätze gehen 25 Prozent drauf. Für Parks 2,5 Prozent.

Hätten Autos eine Weltsicht, dann sähe sie so aus: Die Städte gehören uns, die Menschen sind hier nur zu Gast. Wer schon einmal als Fußgänger in einer typischen US-Stadt unterwegs war, weiß, dass sich das dort auch aus menschlicher Perspektive so anfühlt.

Der allgegenwärtige Asphalt und Beton verschärfen die Probleme, die Extremwetterlagen verursachen, besonders in den USA. In vielen US-Städten gibt es klare gesetzliche Vorgaben, wie viele Parkplätze jemand einrichten muss, der Wohn- oder Geschäftsräume baut. Also wird ständig weiterasphaltiert. Und wenn Wasser nirgends versickern kann, dann steigt das Überschwemmungsrisiko.

Zwei Milliarden Parkplätze?

Berechnungen von Wissenschaftlern der University of California zufolge gab es in den USA schon 2011 mindestens 800 Millionen Parkplätze, vielleicht sogar zwei Milliarden. Für etwa 250 Millionen Autos. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass "die Umweltbelastung durch die Parkplatzinfrastruktur die Umweltbelastung durch die Fahrzeuge selbst zuweilen erreicht oder übersteigt".

Fachleute wissen all das selbstverständlich, und sie versuchen der Flächenversiegelung entgegenzuwirken, mit Sickerflächen statt der alten Kombination Asphalt und Siel, oder mit Betongitter-Parkplätzen. Aber das wird auf die Dauer nicht reichen. Es gibt einfach zu viele Autos, und es werden täglich mehr. Die Milliarde haben wir weltweit schon vor Jahren überschritten.

Überfluteter Autohandel in Houston
REUTERS

Überfluteter Autohandel in Houston

Das Standardwerk zum Thema Parkplatzwahnsinn stammt von dem kalifornischen Professor für Stadtplanung Donald Shoup und heißt "The High Cost of Free Parking". Shoup rechnet darin vor, welche immensen volkswirtschaftlichen Kosten wir einer historischen Fehleinschätzung verdanken: "Im Endeffekt handeln Stadtplaner, als bestünde ein Anspruch auf kostenlose Parkplätze." Für bezahlbaren Wohnraum beispielsweise gelte das Gleiche meist nicht, so Shoup.

Merken Sie sich diese Zahl: 95 Prozent

Auch in Deutschland gibt es bis heute in den meisten Bundesländern sogenannte Stellplatzverordnungen, die vorschreiben, wieviel Fläche pro Gebäude für Autos zu reservieren ist. Mancherorts hat man immerhin begonnen, diese Vorschriften ganz oder teilweise abzuschaffen.

Aber warum brauchen wir eigentlich so viele Parkplätze? Sollten Autos nicht eigentlich fahren statt herumzustehen?

Es gibt da eine Zahl, die sich auf Basis diverser Rechenmodelle für viele Länder als sehr verlässlich erwiesen hat: 95 Prozent. Das ist der Anteil der Zeit, die Autos weltweit mit Herumstehen verbringen. Staus nicht mitgezählt.

Fahrzeuge sind 23 Stunden pro Tag Stehzeuge

In Deutschland gibt es im Moment ungefähr 46 Millionen PKW, auf jeden Wahlberechtigten kommen ungefähr 0,75 Autos, und zwar ohne Lastwagen. Jedes davon steht im Schnitt knapp 347 Tage pro Jahr oder 23 Stunden pro Tag herum.

Vor diesem Hintergrund klingt die ganze Diskussion über selbstfahrende Autos plötzlich weit weniger abgehoben. Ein intelligentes System, das den durch Autos verursachten Flächenfraß abstellt, würde eine Vielzahl von Problemen gleichzeitig lösen: Urbane Raumknappheit zum Beispiel, und eben die durch Extremwetterlagen gesteigerte Gefahr von Überschwemmungen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich besitze selbst ein Auto und würde es als grobe Einschränkung meiner Freiheit ansehen, wenn man mir das verbieten wollte. Auch meine Wunschvorstellungen vom Autofahren stammen aus Fernsehwerbespots: leere Küstenstraßen, endlose Alleen, schwungvoller Stadtverkehr. Und genau wie Sie weiß ich, wie die Realität aussieht. In manchen Vierteln machen Parkplatzsuchende geschätzte 40 Prozent des Verkehrs aus. Und deutsche Großstädter verbringen, je nach Studie, zwischen 40 und etwa 120 Stunden pro Jahr im Stau.

So kann es nicht weitergehen. Wir sollten uns die Welt von den Autos zurückholen.

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insgesamt 154 Beiträge
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Seite 1
erichb. 03.09.2017
1. Wir ham's!
Die Autos sind also schuld, genauso wie die Schokolade. Irgendwie gesteht man sich ein, das irgendas nicht so ganz richtig ist und dann findet man schon was bevor man richtig gesucht hat. Genau, so richtig herleiten lässt sich der Zusammenhang nicht, aber irgendwie gefühlt schon. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag diesen ganzen Autokult gar nicht, ich mag vielmehr Kirchen, die im Dorf bleiben. Es hat vorher geregnet und es wird nachher regnen, wir sollten uns darauf angemessen einstellen. Städtdplanung, Wasserwirtschaft, und selbstverständlich auch CO2 Emission, dazu gehört auch das Auto, aber vor allem der Sinn für den wirklichen Umfang des Problems.
pdsicka 03.09.2017
2. Teufel Auto
Na, endlich sind wir wieder beim Übel der Menschheit, dem Auto gelandet! Das Auto und der Verkehr, ist einfach an allem Schuld. Deshalb, Fahrverbot, sich ein Pferd und Leiterwagen zulegen und alles wird besser.
m.ecker 03.09.2017
3. M.ecker
Warum benutze ich in der Stadt mein Auto? Um in dem Moment mobil zu sein, in dem ich das sein möchte oder sein muss; mit möglichst geringem Zeitaufwand. Solange die Formel " Fahrzeit+ Stau+ Parkplatzsuche ist geringer als Wartezeit + Fahrzeit mit Bus und Bahn" , ist mir das schon Grund genung mein Auto zu nehmen. Hinzu kommen die hohen Fahrpreise, der geringere Komfort und mangelnde Zuverläsdigkeit im öffentlichen Personenverkehr. Dort, wo sich das nicht ändert, wird das eigene Auto auch weiterhin erste Wahl bleiben. Es gibt jedoch Städte in denen der ÖPV komfortable Beförderung anbietet, schnell getaktet ist, preiswert ist und zuverlässig funktioniert und dort wird er auch gern genutzt. Noch in den Kinderschuhen, aber eine hervorragende Ergänzung dazu, sind die Carsharing Angebote. Hier liegen die Chancen für die Entlastung unserer Städte.
spon_4_me 03.09.2017
4. Sehr interessante
Sicht auf die Dinge, Herr Stöcker. Vielen Dank dafür. Ich hatte das noch nie so bedacht, und insofern hat mich Ihre Kolumne im besten Sinne des Wortes bereichert. Aber wie "holen wir uns die Städte von den Autos zurück?" Da wären Ihre Ideen interessant. Mehr Parkhäuser? Park & Ride-Prämien? Zwangsabgaben für das innerstädtische Fahren zu bestimmten Zeiten? Flexibilisierung der Arbeits- und Öffnungszeiten? Andere Bauvorschriften?
lalito 03.09.2017
5. Einfach
Brauch ich eins, leih ich eins. Ansonsten die Alternativen E-Bike seit fünf, dazu Bahn + Tram konsequent seit zehn Jahren, und ansonsten per Pedes. Für Viele ist das Material auf vier Pneus ein Ersatz für Defizite in der Gefühls- bzw. Erlebenswelt in direkter Verbindung zu sehr menschlichen Trieben. Der Exzess mit seinen Folgen für jeden Einzelnen, also auch für mich, ist im Artikel glasklar beschrieben. Solange breite verchromte Endrohre, möglichst viele davon, als Synonym (mobiler) Potenz verstanden werden, ändert sich nichts - Veränderung beginnt immer im Kopf und heißt Erkenntnis.
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