Textilsprache Rätselhafte Inka-Knoten teilweise entziffert

Der Mythos um die Quipus, die knotigen Aufzeichnungen der Inka, ist entzaubert. Statt für Schatzkarten oder religiöse Aufzeichnungen nutzten die Inka ihre Knotenschrift offenbar für bürokratische Zwecke: von der Steuererklärung bis zur Volkszählung.


Bürokratische Knoten: Die Quipus der Inka dienten vor allem der Verwaltung des Riesenreichs
Gary Urton

Bürokratische Knoten: Die Quipus der Inka dienten vor allem der Verwaltung des Riesenreichs

Die knotigen Fäden hielten das Reich der Inka zusammen. Mit den sogenannten Quipus verzeichnete das südamerikanische Indianervolk offenbar alles, was für die Verwaltung des Riesenreichs nötig war: Die Zahl der Haustiere, die Maiserträge oder die zur Verfügung stehenden Arbeiter. "Jeder Steuerzahler musste einen gewissen Teil seiner Arbeitskraft dem Staat verschreiben", berichten Gary Urton und Carrie Brezine von der Harvard University in Cambridge im Fachmagazin "Science".

Denn die Inka zahlten ihre Steuern nicht in Gold und Silber - sie kannten kein Geld - sondern in Muskelkraft: Ein Drittel ihrer Arbeitszeit widmeten sie direkt dem Inka-Herrscher, der mit der Sonne gleichgesetzt wurde. Ein weiteres Drittel wandten sie für die Alten und Schwachen auf und nur mit dem letzten Drittel versorgten sie ihre Familien.

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Quipus: Das Rätsel der Inka-Knoten

Über Jahrhunderte funktionierte dieses Kollektiv-System und das Inka-Reich dehnte sich von Ecuador bis nach Chile und Argentinien aus, bis die Invasion der Spanier im 16. Jahrhundert den Untergang der Inka besiegelte. Seitdem fasziniert die Hochkultur der Inka mit ihrer komplexen Organisation die Wissenschaftler weltweit.

Die Quipus gaben den Forscher bisher jedoch Rätsel auf. Waren die knotigen Fäden nur Schmuck? Oder eine Art Schriftsprache? In den 1920er Jahren hatte der Amateurwissenschaftler Leland Locke die These aufgestellt, die Quipus seien lediglich Zahlenverzeichnisse: Einzelne Knoten stünden für Ziffern, dickere Knoten für Zehner und Leerstellen für Nullen.

Das Rätsel der Knoten

Bis in die 1970er Jahre hielt sich die Zahlen-Theorie, bis sie von einem Team der Cornell University widerlegt wurde: Mindestens 20 Prozent der noch erhaltenen Quipus passten nicht in Lockes Zahlen-Raster.

Wenige der Quipus gibt es heute noch, weltweit sind etwa 800 bekannt. Davon hortet das Ethnologische Museum Berlin allein etwa 400. Doch die Farben der Fäden sind zum Teil stark ausgeblichen, was es schwierig macht, die Quipus zu vergleichen. "Überhaupt gibt es keine vollständige Datenbank aller erhaltenen Quipus", erklärte Manuela Fischer vom Ethnologischen Museum Berlin gegenüber SPIEGEL ONLINE. Das erschwere die Erforschung der komplexen Fäden, die ursprünglich nicht mehr als eine Gedächtnisstütze für die Inka-Verwalter gewesen seien - wie der Knoten im Taschentuch.

"Das größte Problem ist bei den Quipus, dass wir keinen Bezugspunkt haben, keine Übersetzung", betonte Fischer. Anders als bei der ägyptischen Bilderschrift der Hieroglyphen gebe es keinen Rosettastein, der bei der Übersetzung helfen könne. Der Rosettastein, eine Granitstele mit dreisprachigen Aufzeichnungen, hatte im 19. Jahrhundert die Entschlüsselung der Hieroglyphen ermöglicht. "Eine solche Hilfe gibt es für die Quipus nicht", sagte Fischer.

Gang durch die Institutionen

Deshalb sind die Forscher darauf angewiesen, kleine, vergleichbare Gruppen von Quipus zu untersuchen. Die Wissenschaftler der Harvard University haben für ihre Studie 21 Quipus analysiert, die alle im Inka-Verwaltungszentrum Puruchuco bei Lima gefunden worden waren. "Wir glauben, dass das Puruchuco-Archiv das erste bekannte Beispiel dafür ist, wie Informationen die administrative Hierarchie hinauf und herunter gelangt sind", schreiben Urton und Brezine.

Mit einem speziellen Computerprogramm analysierten sie die Fäden: Von einem Hauptfaden gehen oft Tausende Nebenfäden in verschiedenen Farben, Längen und mit unterschiedlichen Knoten ab. Sieben der Knotengebilde konnten die Forscher als Register für die Arbeits-Abgaben identifizieren. Dabei durchliefen die Quipus offenbar verschiedene Verwaltungsebenen. Einige Knotenmuster traten immer wieder auf - sie spiegeln den Gang durch die Institutionen wider.

Knoten für Lamas und Menschen

In etwa 80 Provinzen des Inka-Reichs mussten die jeweiligen Statthalter die genaue Zahl ihrer Bürger festhalten und weiterleiten. Dabei waren die Bewohner in Gruppen von 1000, 500, 100 bis hin zu Zehnergruppen eingeteilt. Die Farbe der Quipu-Fäden und die Position und Beschaffenheit der Knoten verrieten, welche und wie viele Arbeitskräfte dem Sonnen-Herrscher zur Verfügung standen.

Nun stehen die beiden Forscher jedoch vor neuen Rätseln: Bisher gebe es nur wenige Anhaltspunkte, um herauszufinden, ob die Quipus durch Teilung oder Addition miteinander in Beziehung standen, erklärten die Wissenschaftler. Die größte Frage sei jedoch, ob und wie die Inka mit ihren Knoten völlig Unterschiedliches kenntlich machten: Tomaten, Lamas oder eben Menschen.

Jens Radü



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