Angst vor Untoten Fesseln, pfählen, köpfen

Neue archäologische Studien zeigen: Die Menschen fürchten sich immer schon vor Untoten, nicht erst seit "The Walking Dead". Und sie haben ebenso absonderliche wie abscheuliche Dinge getan, um sich Zombies vom Leib zu halten.

Trendelburg. Die gegen ihre Wiederkehr im Sarg verschnürte Anna Maria von Stockhausen (mit Kreuzverschnürung).
Zentralinstitut und Museum für Sepulkralkultur

Trendelburg. Die gegen ihre Wiederkehr im Sarg verschnürte Anna Maria von Stockhausen (mit Kreuzverschnürung).


Entstellte Gesichtszüge, modriges Haar, lautes Stöhnen: Die Zombies von "The Walking Dead" wanken auch in der siebten Staffel, die am 23. Oktober in den USA startet, wieder durch eine postapokalyptische Welt. Immer schwieriger wird der Kampf der wenigen Menschen gegeneinander und gegen die Untoten.

So fiktional die Handlung, so real ist die Angst vor vermeintlich Untoten, die Menschen immer wieder umgetrieben hat. Wenn Archäologen geköpfte, gepfählte oder gefesselte Leichname finden, so steckt hinter den Gewalttaten offenbar nicht selten die Angst der Hinterbliebenen, die Verstorbenen könnten wiederkehren.

Weil erst seit relativ kurzer Zeit die Friedhöfe des Mittelalters und der Neuzeit überhaupt archäologisch relevant geworden sind, mehren sich derzeit die Hinweise auf solche Maßnahmen nach dem Tod. Vorher galten die Grabstellen als uninteressant, weil in christlichen Gräbern üblicherweise keine wertvollen Beigaben liegen.

Aber auch für alle anderen Friedhöfe gilt: Noch vor zehn Jahren hätte sich kein Archäologe getraut zuzugeben, dass er auf seiner Grabung die sterblichen Überreste eines angeblich Untoten gefunden hat - zu groß war die Angst vor dem Spott der Kollegen. Erst seit sich das Selbstverständnis der Archäologie gewandelt hat und es weniger um die Jagd nach Kunstgegenständen als vielmehr um die Erforschung des historischen Alltags geht, taucht das Phänomen der Untoten überhaupt in Fachpublikationen auf. Fast monatlich erscheinen neue Studien über die schwierige Beziehung zwischen Zombie und Mensch.

In "The Walking Dead" ist eine Seuche die Ursache dafür, dass Verstorbene nach ihrem Tod weiterleben. Auch in der Realität nahm die Angst vor Untoten mitunter einen seuchenartigen Charakter an: Noch im 19. Jahrhundert erlebten etwa die US-amerikanischen Neuenglandstaaten eine regelrechte Untotenhysterie.

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Anti-Zombie-Maßnahmen: Rübe ab, dann bleibt er liegen!

Damals herrschte die Tuberkulose. Schwindsucht wurde diese Krankheit auch genannt, weil der Name so treffend den Zustand des Kranken beschrieb. Wenn der Tod den Kranken am Ende erlöste, war von seinem Körper nur noch eine ausgemergelte Hülle übrig.

Inmitten eines dieser Tuberkulose-Ausbrüche, am 8. Juni 1854, kam es auf dem Friedhof des Ortes Jewett City im US-Bundesstaat Connecticut zu hässlichen Szenen. Ein aufgebrachter Mob zerrte halbverweste Leichen aus den Gräbern, weil diese verdächtigt wurden, als Untote die Lebenden nachzuholen.

Vermeintlich Untote unter Berliner Flughafen BER

Auch hierzulande gab es offenbar ähnliche Befürchtungen - wie Grabungen auf dem Gelände des Berliner Skandalflughafens BER International zeigen. Dort stand einst der mittelalterliche Ort Dypensey, heute Diepensee. Der musste dem Neubau weichen und wurde im Jahr 2004 komplett umgesiedelt.

Als die Baumaschinen anrückten, untersuchten Archäologen den Friedhof des Ortes. Die Gräber stammten aus der Zeit zwischen dem frühen 13. Jahrhundert und der Mitte des 14. Jahrhunderts, als eine Pest Europa fest umschlungen hielt. Die Archäologen fanden 422 Tote. 25 davon, also fast sechs Prozent, standen im späten Mittelalter offenbar unter dem dringenden Verdacht, nicht wirklich tot gewesen zu sein.

Die Dorfbewohner hatten sich große Mühe gegeben, die Körper auf ewig ans Grab zu binden: Sie hatten sie mit Steinen beschwert oder auf den Bauch gedreht. Sie hatten ihnen die Beine abgeschlagen und zusätzlich noch mit einem Holzbrett bedeckt. In einem Fall wurde einem Verstorbenen sogar nachträglich der Kopf abgehackt.

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Die Gefahr lauerte überall

Volkskundliche Umfragen aus den Dreißigerjahren zeigen: Der Glaube an Untote war weit verbreitet. Schon wenn der Schreiner vergaß, ein paar Hobelspäne mit in den Sarg zu legen, war die Gefahr für den Toten demnach groß, nicht endgültig tot zu sein. Oder wenn die Nadel, mit der das Totenhemd genäht wurde, hinunterfiel und im Sarg fehlte. Auch wenn die Magd vor lauter Arbeit nicht dazu kam, das Feuer zu löschen, nachdem die Leiche aus dem Haus getragen wurde, oder wenn der Knecht eine Goldmünze des Verstorbenen stibitzte - die Gefahr, als Untoter zu enden, lauerte überall.

Einige Risiken ließen sich auch schon zu Lebzeiten des Betreffenden nennen, etwa das falsche Geburtsdatum in einer der so genannten Rauhnächte zwischen Weihnachten und Neujahr, oder die Neigung zu Alkohol und Glücksspiel. Und wer als Zwilling geboren, körperlich deformiert oder geistig zurückgeblieben war, galt von vornherein als suspekt.

In einem Fall überschneiden sich Fiktion und Wirklichkeit tatsächlich: In der TV-Serie "The Walking Dead" stirbt Lori bei der Geburt ihrer Tochter Judith. Ihr Sohn Carl muss sie durch einen Kopfschuss töten, um sie vor der Verwandlung in einen Zombie zu bewahren. Auch in der Realität hätten die Angehörigen in diesem Fall die notwendigen Vorkehrungen getroffen. Denn eine Frau, die im Kindbett starb, stand unter dem dringenden Verdacht, von den Toten zurückzukehren - um sich ihr Baby zu holen.

Leichen fesseln oder festnageln

Während in der Serie Rick Grimes und seine Leute schnell lernen müssen, dass Zombies nur durch eine gezielte Verletzung des Gehirns unschädlich gemacht werden können, galten in der realen Vergangenheit mehrere Methoden als wirkungsvoll. Mal nahmen die Hinterbliebenen Fesseln, mal lange Eisennägel, mit denen sie den Körper im Sarg festschlugen.

Manchmal verwendeten sie schwere Steine, die sie den Untoten auf die Brust legten. Und in einigen Fällen erkennen die Archäologen den vermeintlichen Wiedergänger nur noch an dem Loch, wo einst ein Herz war, bevor es als Sicherheitsmaßnahme entfernt wurde. Die sicherste Methode aber war offenbar das Feuer, weil es das Fleisch verzehrte und oft die Knochenreste zurückließ.

Bezeichnenderweise versuchen die Überlebenden bei "The Walking Dead" niemals, christliche Symbolik gegen die Zombies einzusetzen. Die Seuche ist in der Serie ein reales biologisches Phänomen, gegen das Gebete oder Weihwasser wirkungslos wären.

Ähnliches zeichnet sich auch in den wirklichen Gräbern ab. Vermeintlich Untote trieben dem Glauben nach sogar innerhalb von Kirchenmauern ihr Unwesen. Im niedersächsischen Harsefeld lagen sie beispielsweise direkt im Kreuzgang des Benediktinerklosters - ein Platz, an dem täglich das Vaterunser zu hören und Weihrauch zu riechen war.



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