Theorie der Willensfreiheit Weshalb der Mensch tut, was er möchte

2. Teil: Alternative Handlungsmöglichkeiten


Doch setzt Freiheit nicht echte Handlungsalternativen voraus? Und wie soll es solche Handlungsalternativen in einer determinierten Welt geben? In einer determinierten Welt, in der es Selbstbestimmung gibt, müssen auch alternative Handlungsmöglichkeiten existieren. In einer solchen Welt kann es beispielsweise passieren, dass jemand selbstbestimmt den Zug nimmt, statt mit dem Auto zu fahren. Hängt es wirklich von ihm selbst ab, ob er den Zug oder das Auto nimmt, dann muß er eben sowohl den Zug als auch das Auto nehmen können – jemand, der das Auto gar nicht nehmen kann, handelt nicht selbstbestimmt, wenn er mit dem Zug fährt. Selbstbestimmung schließt also die Existenz von Handlungsalternativen ein. Und da wir gute Gründe für die Annahme haben, dass wir in einer determinierten Welt selbstbestimmt handeln können, haben wir auch gute Gründe dafür, dass es in einer solchen Welt alternative Handlungsmöglichkeiten gibt.

Empirische Befunde

Empirische Befunde sind von zentraler Bedeutung für eine naturalistische Konzeption von Freiheit. Die bislang vorliegenden Erkenntnisse bieten ein sehr differenziertes Bild von Freiheit und ihren natürlichen Grundlagen. Dabei dürfte sich an vielen Stellen unsere Vorstellung davon, wie Entscheidungen zustande kommen, von welchen Faktoren sie beeinflusst werden und wie ihre neuronale Grundlage aussieht, tiefgreifend verändern. So hat sich zum Beispiel herausgestellt, dass Emotionen einen entscheidenden Anteil auch an scheinbar streng rationalen Entscheidungen haben. Sie tragen zur Verbesserung unserer Fähigkeit zu rationalem Handeln unter anderem. dadurch bei, dass sie Handlungsoptionen vor dem Hintergrund bisheriger Erfahrungen und ihrer Bewertung miteinander vergleichen. Auch das für uns völlig selbstverständliche Bewußtsein, Urheber einer Handlung zu sein, basiert auf komplizierten Prozessen, die großenteils erst nach dem Vollzug einer Handlung ablaufen.

Eine besonders wichtige Rolle kommt dabei den Wünschen, Überzeugungen und Charaktermerkmalen der handelnden Person sowie den natürlichen Grundlagen dieser Merkmale zu. Hier sind vier Ebenen von personalen Merkmalen zu unterscheiden, die sich jeweils einer Ebene der neuronalen Verarbeitung zuordnen lassen. So kann man die grundlegenden Lebens- und Überlebensbedürfnisse basalen Strukturen im sogenannten Limbischen System zuordnen, während der rational-kommunikativen Ebene vor allem Prozesse in den höheren Strukturen der Hirnrinde zugrunde liegen. Zusammengenommen bilden die vier Ebenen ein kompliziertes Netzwerk, das die Grundlage unserer Persönlichkeitsstruktur darstellt. In ihren Grundzügen ist diese Struktur bemerkenswert stabil, ohne dabei neuen Erfahrungen und Einflüssen gegenüber verschlossen zu sein.

Ein besseres Verständnis dieser Struktur gibt uns gleichzeitig die Möglichkeit, Beeinträchtigungen der Fähigkeit zu freiem und verantwortlichem Handeln zu erkennen. Eine solche Beeinträchtigung liegt zum Beispiel dann vor, wenn die Fähigkeit zur Impulskontrolle eingeschränkt ist. Ausgehend von einer umfangreichen Studie lassen sich so eine ganze Reihe von Faktoren benennen, die zum Beispiel die Entstehung exzessiver Gewaltbereitschaft fördern. Diese Entstehung ist kein Automatismus: Auch genetische Faktoren legen eine Person nicht auf gewalttätiges Verhalten fest, sondern führen nur zu einer erhöhten Anfälligkeit hierfür. Die vorliegenden Befunde sprechen daher nicht etwa generell gegen die Verantwortlichkeit bei Gewaltverbrechen. Allerdings dürfte diese bei exzessiver Gewalt häufig eingeschränkt sein – also gerade dann, wenn das Bedürfnis nach Strafe besonders intensiv ist.

Schuld und Strafe

Doch muss man nicht generell an der Rechtfertigung von Schuld und Strafe zweifeln? Klar, ist, dass wir die traditionelle Vorstellung eines Indeterminismus als Grundlage von Willensfreiheit und damit von Schuld aufgeben müssen und können. Wäre es da nicht viel menschenfreundlicher, auf individuelle Schuldvorwürfe zu verzichten und unseren Mitmenschen mit mehr Verständnis und Nachsicht zu begegnen? Diese Auffassung ist vordergründig. Zum einen bekämen wir Schwierigkeiten, uns vor Rechtsverletzungen zu schützen. Zum anderen würden wir uns gegenseitig wie kleine Kinder behandeln und nicht mehr wie verantwortlich Handelnde, die für die Folgen ihres Tuns – ob positiv oder negativ – einstehen. Und, was noch schlimmer wäre, genauso wie Kindern müssten wir auch gesunden Erwachsenen die gewohnten Freiheitsspielräume verweigern: Solche Spielräume sind gebunden an die Erwartung, dass sie verantwortlich genutzt werden. Wer die Verantwortlichkeit des Menschen bestreitet, der stellt auch die Grundlagen wesentlicher Freiheitsrechte in Frage.

Es kommt hinzu, dass das Schuldprinzip nicht in erster Linie dazu dient, Menschen für Handlungen zur Rechenschaft zu ziehen, die man ihnen sonst nicht anlasten würde – im Gegenteil. Das Schuldprinzip dient der Begrenzung der Verantwortlichkeit; es schützt insbesondere davor, für unverschuldete Fehler zur Rechenschaft gezogen zu werden. Bindet man Schuld nicht an Indeterminiertheit, sondern an Selbstbestimmung, dann wird klar, dass eine solche Unterscheidung nicht nur gerechtfertigt, sondern auch pragmatisch sinnvoll ist. Gerechtfertigt ist sie, weil nicht zu sehen ist, warum man einer Person nicht die – positiven oder negativen – Folgen zurechnen sollte, die von ihrem eigenen, durch sie selbst bestimmten Handeln ausgehen. Pragmatisch sinnvoll ist sie, weil man nur bei einer Bestrafung des wirklichen Urhebers auf die Dauer damit rechnen kann, dass entsprechende Handlungen in Zukunft unterbleiben.

Fazit

Ein aufgeklärter Naturalismus kann also zu einem differenzierten Verständnis von Freiheit führen. Möglich wird damit nicht nur die Überwindung des traditionellen Gegensatzes von Freiheit und Determination, sondern auch eine Erkenntnis der unterschiedlichen Grade und Varianten von Freiheit sowie eine Beschreibung ihrer psychologischen und neurobiologischen Grundlagen. Zweifellos wird uns damit an vielen Stellen ein mehr oder minder weitgehendes Umdenken abgefordert. Unser Selbstverständnis als freier und verantwortlicher Individuen ist durch solche Erkenntnisse jedoch nicht bedroht – im Gegenteil: Das vorgeschlagene Verständnis von Freiheit und Verantwortung als natürlicher Fähigkeiten bestätigt letztlich auch deren Existenz.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.