Theorie der Willensfreiheit Weshalb der Mensch tut, was er möchte

Existiert freier Wille? Ist der Mensch Herr seiner selbst? Philosophen und Hirnforscher diskutieren diese Frage intensiv und reden dabei teils aneinander vorbei, meinen die Forscher Michael Pauen und Gerhard Roth. Beide plädieren für eine naturalistische Theorie der Willensfreiheit.


Das Problem der Willensfreiheit hat in den letzten Jahren zu einer erregten Diskussion nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch in der außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit geführt. Anlass waren neuere Experimente, aus denen sich fundamentale Zweifel an der menschlichen Fähigkeit zu freiem und verantwortlichem Handeln, ja an unserem Selbstverständnis überhaupt zu ergeben schienen.

Wahlzettel: Wie frei kann ein Mensch entscheiden?
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Wahlzettel: Wie frei kann ein Mensch entscheiden?

Zwar entspann sich in der Folge eine intensive Diskussion zwischen Philosophen und Hirnforschern über Grenzen und Bedingungen verantwortlichen Handelns; dies ist nun erstmals der Versuch, die Perspektiven von Philosophie und Hirnforschung in einem Buch zusammenzubringen. Dabei kann es – natürlich – nicht um einen faulen Kompromiss gehen. Im Mittelpunkt steht vielmehr der Versuch, neurowissenschaftliche Erkenntnisse für philosophische Fragen und philosophische Einsichten für neurowissenschaftliche Ansätze fruchtbar zu machen. Dies ist – wie die bisherige Diskussion gezeigt hat – bitter nötig. Viele Probleme sind einfach dadurch entstanden, dass Philosophen und Neurowissenschaftler aneinander vorbeigeredet haben.

So wurden in der Philosophie lange Zeit wichtige experimentelle Befunde ignoriert, aus denen sich Zweifel an der menschlichen Fähigkeit zu freiem Handeln ergaben. Umgekehrt wäre manch unbegründete Aufregung über unser vermeintlich illusorisches Selbstverständnis erst gar nicht entstanden, hätten die Neurowissenschaften bestimmte philosophische Klarstellungen berücksichtigt.

Freiheit als natürliche Eigenschaft

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Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Dieses Buch der edition unseld wird den Anforderungen beider Disziplinen insofern gerecht, als Freiheit als eine natürliche Eigenschaft bestimmt ist. Gemeint ist damit, dass sich die Fähigkeit zu freiem und verantwortlichem Handeln im Prinzip so verstehen und beschreiben lässt wie andere menschliche Fähigkeiten auch, also etwa die zu sprechen oder zu rechnen. Solche Fähigkeiten haben eine biologische Basis, sie entwickeln sich unter bestimmten Bedingungen in der Lebensgeschichte eines Individuums, sie können unter anderen Bedingungen beeinträchtigt oder gar vollends zerstört werden, und schließlich treten sie in unterschiedlichen Graden und Varianten auf.

Dasselbe gilt für die Fähigkeit zu freiem und verantwortlichem Handeln: Auch sie kann entstehen und vergehen, in unterschiedlichen Graden auftreten und mit Hilfe empirischer Verfahren untersucht werden. Es ist nicht gesichert, dass die empirischen Wissenschaften hier immer erfolgreich sein werden. Doch wenn sie es sind, dann verhelfen sie uns zu einem besseren Verständnis dieser Fähigkeit. Abwegig wäre es jedoch, die Existenz dieser Fähigkeit in Frage zu stellen, nur weil wir sie besser verstehen und daher in gewissen Fällen auch vorhersehen können, wie eine Person handeln wird: Wenn man weiß, welche Wünsche und Überzeugungen eine Person in einer bestimmten Situation hat, dann sollte man auch vorhersagen können, was sie tut – alles andere wäre nicht ein Erweis von Freiheit, sondern bloße Willkür.

Nun mag ein derartiger Freiheitsbegriff attraktiv sein, aber heißt das schon, dass diese Konzeption auch gerechtfertigt ist? Freiheit lässt sich demnach in Selbstbestimmung übersetzen. Und Selbstbestimmung ist daran gebunden, dass eine Handlung durch den Handelnden selbst bestimmt wird – also durch seine Wünsche, seine Überzeugungen und seine wesentlichen Charaktermerkmale. Wichtig ist, dass diese Art von Selbstbestimmung nicht durch Determination in Frage gestellt würde.

Im Gegenteil: Die Aufhebung der Determination würde umgekehrt nur die Wahrscheinlichkeit einer Handlung vergrößern, die den Wünschen und Überzeugungen des Handelnden widerspricht. Das lässt erkennen, dass das Problem der Determination gar keine entscheidende Bedeutung für die Frage nach der Freiheit besitzt: Ob eine Handlung frei ist oder nicht, hängt nicht davon ab, ob sie determiniert ist. Entscheidend ist vielmehr, wie sie determiniert oder – ganz allgemein – bestimmt ist: Wird sie durch den Handelnden selbst bestimmt, dann ist sie eben selbstbestimmt und damit frei. Wird sie dagegen von äußeren Faktoren bestimmt, dann ist sie fremdbestimmt und damit unfrei.



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