Rohstoffabbau in Thüringen Gips doch gar nicht!

Im Südharz gibt es Zoff: Unternehmen wollen einmalige Gips-Vorkommen ausbeuten. Naturschützer wollen eine einmalige Landschaft bewahren. Wie kann der Ausgleich gelingen?

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"Oh", sagt Elke Blanke und deutet auf die Männer in den orangefarbenen Jacken. "Da laufen wohl gerade die Vorarbeiten für die Probebohrungen." Zwei Landvermesser stapfen mit ihrem Arbeitsgerät durchs kurze Gras einer mit Büschen durchsetzten Wiese, unweit hinter ihnen beginnt der Wald des Winkelbergs. Es ist eine Landschaft, die Blanke am Herzen liegt. Und es ist eine Landschaft, um die sie Angst hat.

Rüdigsdorfer Schweiz nennen die Einheimischen die Gegend. Ganz am Südrand des Harzes bestimmen sanfte Hügel das Gelände, viele von ihnen bewaldet. Spektakulär sieht das nicht unbedingt aus, aber durchaus erholsam. Doch die Besonderheit der Landschaft liegt verborgen: eine gut 20 Meter dicke Lage Naturgips höchster Reinheit. Ausgerechnet dieser Schatz könnte dem Gebiet nun zum Verhängnis werden.

Der Gips ist schuld daran, dass im Südharz erbittert gestritten wird: Mehrere Unternehmen wollen den Rohstoff abbauen, mit Genehmigungen, die sie sich unmittelbar nach der Wende über die Treuhandanstalt und die Regeln des Einigungsvertrags gesichert haben. Das ist im Grundsatz nichts Neues - doch wollen die Firmen nun frische Steinbrüche erschließen. Das bringt viel Unruhe in die Region.

Wie ein schmales Band, nur ein paar Kilometer breit, zieht sich das Gipsvorkommen durch die Grenzregion von Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Links und rechts vom Winkelberg zerfressen bereits zahlreiche offene Steinbrüche die Berghänge. Elke Blanke gehört zu einer Bürgerinitiative, die verhindern will, dass noch weitere dazukommen.

Weil der Gips im Boden wasserlöslich ist, hat er in dem Gebiet wundersame Geländeformen entstehen lassen. Blanke lobt sie als "geradezu einmalig auf der Welt". Nicht alle Besonderheiten sieht man auf den ersten Blick - aber es lohnt sich genauer hinzuschauen: Da sind zum Beispiel die sogenannten Dolinen. Das sind metertiefe trichterförmige Senken in den Wäldern. Dort ist der Boden abgesackt, weil weiter unten liegende Gesteinsschichten vom Wasser einfach ausgewaschen wurden.

Manche Dolinen sind mit Wasser gefüllt, andere liegen trocken - sie bieten jeweils verschiedenen Arten passende Lebensbedingungen: In den Wäldern wachsen Enzian und mehrere Orchideenarten. Es tummeln sich Salamander, Eidechsen, Singvögel wie Pirol und Nachtigall - und jede Menge Fledermäuse.

Das Karstgebiet des Südharzes liegt genau am Schnittpunkt zwischen atlantisch-feuchtem und kontinental-trockenem Klima. Naturschützer wollen hier mehr als 400 gefährdete Arten nachgewiesen haben. Bestimmte Spezies wie das Gips-Fettkraut (Pinguicula gypsophila), eine kleine fleischfressende Pflanze, kommen weltweit wohl nur hier vor.

Unzählige Höhlen gibt es in der Region, Moore ebenso und wundersame Wasserläufe, die an einer Stelle im Untergrund verschwinden, um woanders als Karstquelle wieder zum Vorschein zu kommen. Blanke kennt die Landschaft genau. "Die ist nicht wieder herstellbar", befürchtet sie. "Was hier verschwindet, ist für immer verloren."

Der Mann, der ihr Sorgen bereitet, heißt Alfred Schiffer. Der Stuckateurssohn aus dem Rheinland, der - so beschreibt er es - mit drei Jahren das erste Mal mit Gips gespielt hat, vertritt die Firma Casea. Die wiederum gehört zum Recylingkonzern Remondis. Das Unternehmen sitzt nur ein paar Kilometer entfernt in Ellrich und stellt mit ungefähr 60 Mitarbeitern vor allem Spezialgips her, für den Modellbau, für medizinische Anwendungen, für die Tierfutter- und Lebensmittelindustrie.

Derzeit bezieht Casea den Rohstoff für seine Spezialgipse aus dem Steinbruch Rüsselsee in der Nähe des Örtchens Appenrode. Das Abbaugebiet ist nicht eben schön anzusehen: Ein halb rasierter Berg steht da in der Landschaft. Aber das ist nicht Schiffers Problem. Der Unternehmer sorgt sich, dass die Vorkommen dort fast vollständig abgebaut sind. "Die Mengen hier sind in etwa fünf Jahren erschöpft, sodass wir jetzt bestrebt sein müssen, uns für einen alternativen Steinbruch starkzumachen", sagt der Manager. Und dieser Steinbruch soll eben am Winkelberg entstehen. Weil das Unternehmen dort Bergbauberechtigungen hat - und weil der Gips in dem Gebiet besonders rein ist.

Drei Firmen fördern den Gips

Drei große Gips-Unternehmen gibt es in der Region: Neben Casea sind das Knauf (Werk in Rotleberode, Sachsen-Anhalt, Steinbruch in Thüringen) und Saint-Gobain Formula (Werk in Walkenried, Niedersachen, Steinbrüche in Thüringen). Knauf hat aus DDR-Zeiten ein riesiges Bergwerksfeld übernommen und muss vorerst nicht expandieren. "Wir planen bis 2070, die Vorräte geben das her", sagt Werkleiter André Materlik. Saint-Gobain Formula dagegen will ebenso wie Casea bald neue Fördergebiete erschließen - und sieht sich ebenfalls dem Volkszorn ausgesetzt.

Über insgesamt vier geplante Projekte in der Rüdigsdorfer Schweiz wird gestritten - in der Karte sind sie als gelbe Dreiecke gekennzeichnet:

Ist es hier nicht wie überall?, könnte man fragen. Heißt das Problem nicht Nimby? Was für "Not in my backyard" steht - zu Deutsch: "Nicht in meinem Hinterhof". Aus Sicht von Industrievertretern ist diese Haltung längst zum Problem für den Standort Deutschland geworden. Nimby ist demnach das Motto all derer, die sich zwar wirtschaftliche Entwicklung als Basis des Wohlstands im Land wünschen - aber eben nicht dort, wo sie sie sehen, hören, riechen müssen.

Ist der Protest gegen den Gips-Abbau im Südharz ein weiteres Symptom einer Gesellschaft, die zwar Steaks essen möchte, aber keine Schlachthöfe mag? Die zwar gern in Urlaubsjets sitzt, aber gegen neue Startbahnen kämpft? Die erneuerbare Energien super findet, aber nur solange die Windräder, Solarpaneele und Stromtrassen unsichtbar bleiben? Oder wird genau hier, in dieser Landschaft ein Streit verhandelt, der mehr ist als das?

Grüne Ministerin lässt Flächen aufkaufen

Anja Siegesmund jedenfalls ist davon überzeugt. Die Grünen-Politikerin ist Umweltministerin der rot-rot-grünen Landesregierung in Erfurt - und sieht die Pläne der Gips-Unternehmen mit Argwohn: "Die Gipskarst-Region im Südharz ist ein einmaliger Naturschatz. Dort befinden sich die Hotspots der Biodiversität." Sie könne Widerstand gegen Rohstoffabbau also gut verstehen, sagt sie.

Im Video: Ministerin Siegesmund erklärt ihre Position:

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Interessanterweise ist es nun aber so, dass Siegesmund nicht nur Thüringens oberste Umweltschützerin ist. In ihrem Zuständigkeitsbereich liegt auch das Landesbergamt in Gera. Und das muss, wenn die Voraussetzungen stimmen, den Gips-Produzenten eben auch den geplanten Abbau erlauben.

Gips-Manager Schiffer rechnet sich dennoch ganz gute Chancen aus. Grund ist der sogenannte Gips-Kompromiss, auf den sich die Vorläuferfirma von Casea 1997 mit den Thüringer Behörden geeinigt hatte. Kern des Deals ist ein Flächentausch am Winkelberg: Die Firma hatte damals eine Fläche von 23 Hektar für den Naturschutz zur Verfügung gestellt - in der Annahme, dann auf weiteren 18 Hektar einen Steinbruch eröffnen zu dürfen. Ministerin Siegesmund sagt dagegen, der Gipskompromiss sei "ohne Grundlage" und spricht von einem "Kuhhandel". Am Ende werden Gerichte entscheiden müssen.

Panorama-Foto: So sieht es in einem Gips-Steinbruch aus

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Wenn man im Südharz über den Gipsabbau spricht, kommt die Rede früher oder später auf den Kohnstein. Dieser Berg am Stadtrand von Nordhausen ist in mehrfacher Hinsicht ein Fanal. Seit 1917 wurde hier Gestein abgebaut, zunächst oberirdisch. Im Inneren des Massivs mussten dann im "Dritten Reich" Häftlinge des Konzentrationslagers Mittelbau Dora Stollen für eine Raketenfabrik graben. Zu DDR-Zeiten wurde Gestein in einem großen Tagebau gefördert.

Der Kohnstein und seine Natur wurden über Jahrzehnte verschandelt, die Spuren sind bis heute zu sehen. Die Bergfront ist auf Hunderten Metern Breite vom terrassenförmigen Abbau zerfressen. Renaturiert ist hier gar nichts. Die Gips-Unternehmen der Region verweisen allerdings - und das wohl zu Recht - darauf, dass sie mit dieser Sauerei nichts zu tun hätten. Sie würden sich in ihren Gebieten sehr wohl um möglichst landschaftsschonenden Abbau und Renaturierung bemühen. "Wir setzen auf kleine Abbauflächen", beschreibt etwa Elmar Zimmer, Werkleiter bei Saint Gobain Formula, den Ansatz seines Unternehmens. "So können wir zeitgleich Teilstücke in den Renaturierungsprozess überführen."

Und bei Knauf zeigt man stolz das Gebiet der Krebsbachwand am Alten Stollberg bei Rottleberode vor. Dort wurde zwischen den Sechziger- und Neunzigerjahren Gips abgebaut - 100 Meter hoch und 700 Meter lang. Es war im Grundsatz eine ähnliche Situation wie am Kohnstein. Nur dass in diesem Fall das Gelände nach Ende der Förderung erst technisch gesichert wurde und dann, im Jahr 1999, mit einer sogenannten Hydrosaat bespritzt. Das ist ein wässriges Gemisch aus Saatgut, Mulch, Dünger und Kleber - und sorgte dafür, dass die Wand wieder ergrünte. Dann wurden Bäume gepflanzt. Heute steht an der Krebsbachwand ein kleiner Wald.

Aber braucht man den Gipsabbau überhaupt? Nein, glauben Elke Blanke und ihre Mitstreiter von der Bürgerinitiative. Es gebe gleich zwei Wege, um den Naturgips zu schonen. Da ist zum einen der sogenannte REA-Gips. Der fällt in großen Mengen in den Rauchgasentschwefelungsanlagen der Kohlekraftwerke an. Und außerdem, sagen Blanke und ihre Mitstreiter, müssten die Unternehmen eben verstärkt auf Gips-Recycling und das Aufarbeiten von Bauabfällen setzen.

Die Gips-Industrie dagegen sagt: REA-Gips wird durch die Energiewende irgendwann knapp. Wenn Kohlekraftwerke vom Netz gehen, muss dort auch kein Rauchgas mehr entschwefelt werden. Heute stammten 50 Prozent der in der Gipsindustrie verarbeiteten Rohstoffe aus REA-Gips, sagt Knauf-Manager Materlik. "Schätzungsweise ab 2050 werden die Mengen nicht mehr zur Verfügung stehen." Schon allein deswegen müsse sich die Branche natürlich auch mit dem Thema Recycling beschäftigen. Aber: "Die Qualität beim Recyclinggips stimmt noch nicht." Man werde weiter Naturgips brauchen.

Im Video: Der Gips-Manager erklärt die Herausforderungen beim Recycling.

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Die Gips-Industrie betont zudem immer wieder, wie wichtig sie für die strukturschwache Region des Südharzes sei. Das soll auch ein aktuelles Gutachten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegen. In Auftrag gegeben, übrigens, von der Gipsindustrie. Die Zahlen klingen entsprechend beeindruckend: 1300 Arbeitsplätze bundesweit hingen an den drei Betrieben, die 32 Millionen Euro Steuern und Abgaben sowie 92 Millionen Euro Wertschöpfung brächten, ebenfalls auf Deutschland gerechnet.

Regional sind die Zahlen etwas bescheidener: Bei Casea arbeiten etwa 60 Leute, bei Saint Gobain Formula 115, bei Knauf 150. Auch von der Wertschöpfung verbleibt nur die Hälfte im Südharz. Und doch sagt Lars Kothe, Chef der Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen, zeige das Gutachten, "dass jede Unterstützung für die Gipsindustrie gerechtfertigt und notwendig ist".

Bei der Bürgerinitiative sieht man das anders. Hier wünscht man sich ein anderes Entwicklungsmodell. Statt Gipslastern möchte man lieber Touristenbusse durch den Südharz fahren sehen. Aber wie überzeugt man Menschen davon, tatsächlich hier Urlaub zu machen? Zahlen des Statistischen Landesamtes Thüringen sind erst einmal nicht besonders ermutigend. So ist zwischen 2001 und 2013 die Zahl der Übernachtungen in der Gegend von 186.000 auf 170.000 gefallen. Die Gäste blieben auch kürzer. Aus durchschnittlich 2,8 Tagen wurden 2,4.

Einen Weg, die Attraktivität zu steigern, probiert man deswegen in der Gemeinde Neustadt. Die Gemeinde mit ihrer schmuck sanierten Altstadt hat sich als heilklimatischer Kurort registrieren lassen - und sieht sich damit nach eigenem Bekunden "in der Bundesliga" des Kurwesens. Doch nun haben die Lokalpolitiker Angst, dass die Gips-Produktion am Winkelberg diesen Plänen schaden könnte. Neustadt liegt auf der anderen Seite des Berges und fürchtet Luftverschmutzung und Lärm durch Gipsabbau und -transport.

Auf der Wiese am Winkelberg stehen sich Elke Blanke und die beiden Vermesser gegenüber. Beinahe wirken sie wie die Figuren eines Westerns kurz vor dem Showdown. Man sieht sich prüfend an, spricht kein Wort. Dann geht jeder seiner Wege. Wie die Sache ausgehen wird, das wird vor Gericht geklärt. Es wird so einige Prozesse brauchen, um das Schicksal des Winkelbergs zu entscheiden.


Dieser Artikel entstand im Rahmen des Leser-Aufrufs "Wir suchen Ihre Geschichten". Dabei konnten Sie der Redaktion von SPIEGEL ONLINE Themen vorschlagen. Über eine von uns zusammengestellte Shortlist konnten Sie anschließend abstimmen - danach haben wir uns an die Arbeit gemacht, die Geschichte unabhängig zu recherchieren. Der Vorschlag für dieses Thema stammte von Christian Marx, der sich für die Bürgerinitiative gegen den Gips-Abbau engagiert.



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