Von Nora Somborn
Millionen Tiere sterben jährlich für die Wissenschaft, oft auf qualvolle Weise. Allein in Deutschland waren es 2008 fast 2,7 Millionen Wirbeltiere - darunter mehr als 2,2 Millionen Mäuse und Ratten. Hinzu kamen Zehntausende Kaninchen aber auch Hunde, Katzen, Pferde, Esel oder Affen. Wie aus den Daten des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz hervorgeht, steigen die Zahlen: Zwischen 1989, dem ersten Jahr der Tierversuchsmeldepflicht, und 1997 ist die Zahl zunächst von 2,6 auf 1,5 Millionen gesunken. Seitdem aber ist der Wert wieder auf das alte Niveau zurückgekehrt.
Eine Trendwende ist nicht in Sicht - besonders, seitdem die sogenannte Reach-Verordnung der Europäischen Union verlangt (siehe Kasten links), dass praktisch alle Chemikalien, die die Industrie verwendet, bis zum Jahr 2018 registriert werden müssen. Viele bereits seit langem genutzte Stoffe müssen erneut auf den Prüfstand. Ein wahrer Testboom steht bevor.
Fachleute befürchten nun, dass die Zahl der Tierversuche rasant ansteigen wird. Entsprechend fordern sie Alternativen. Doch die Einführung von schonenderen Methoden ist ein langwieriger Prozess. Bürokratische Hürden und aufwendige Prüfverfahren bremsen die Forscher - und verlängern die Qual der Versuchstiere.
54 Millionen Tiere für Reach?
Unter Wissenschaftlern wächst angesichts der grassierenden Probleme der Unmut. "Der Prüfprozess von Alternativmethoden hat viele Jahre lang gut funktioniert, aber jetzt müssen wir aufpassen, dass er nicht zum Hindernis wird", sagt Thomas Hartung, Direktor des Johns Hopkins Center for Alternatives to Animal Testing in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland). "Der wissenschaftliche Fortschritt ist inzwischen so schnell, dass es keinen Sinn mehr macht, jahrelang zu prüfen."
Hartung und seine Kollegin Costanza Rovida haben im November 2009 mit einem Beitrag im Fachmagazin "Nature"für Wirbel in der Branche gesorgt. Sie kritisierten darin die Schätzung des Tierverbrauchs für die Reach-Verordnung. Die EU geht davon aus, dass sie für die Tests rund neun Millionen Labortiere benötigt. Hartung und Rovida rechnen jedoch mit 54 Millionen - der sechsfachen Menge. Die Schätzung der EU "basiert auf einer veralteten Erhebung der chemischen Industrie in Europa von vor 20 Jahren", sagt Hartung. Damit das Reach-Testvorhaben nicht zum Desaster werde, müssten schnell neue Methoden her.
Doch die Geschwindigkeit ist das größte Problem, das kann Michaela Aufderheide aus langjähriger Erfahrung berichten. "Für die Anerkennung einer Alternativmethode benötigen Sie einen langen Atem", sagt die Wissenschaftlerin. Praktisch ihre ganze Forscherkarriere lang hat sich die 56-jährige Biologin mit menschlichen Lungenzellen beschäftigt. Sie arbeitet an einer Methode, mit der sie die Toxizität von Stoffen in der Luft testen kann, ohne Mäuse leiden zu lassen. Statt die Nager zu zwingen, Partikel oder Medikamente in Sprayform zu inhalieren, bläst sie die Substanzen in einer speziellen Apparatur auf menschliche Lungenzellen (siehe Fotostrecke). Den ersten Prototyp einer solchen künstlichen Testlunge hat ihr Team vor zehn Jahren entwickelt und die Methode seither ständig verfeinert.
Durchgesetzt hat sich die Methode bislang dennoch nicht. "Die Zeit läuft uns davon", sagt Aufderheide. Im Sommer möchte sie mit dem offiziellen Anerkennungsverfahren starten. Dabei muss sie anhand von Richtlinien der Wirtschaftsorganisation OECD zeigen, dass sie mit ihrem Ansatz einen Tierversuch ersetzen kann und auch in anderen Laboren zum gleichen Ergebnis führt. Mindestens drei bis fünf Jahre dauert jedoch allein dieser Beweis. Danach müssen noch die einzelnen OECD-Staaten abstimmen, ob sie das Verfahren anerkennen möchten - ein wahrer Marathonlauf steht bevor.
Einen Zeitraum von weiteren zehn Jahren hält Aufderheide daher für realistisch, bis ihre Methode angewendet werden kann - vorausgesetzt, dass die Ergebnisse denen des Tierversuchs nicht widersprechen. In diesem Fall könnte die Anerkennung problematisch werden. Und zwar auch dann, wenn der Fehler womöglich im Tierversuch liegt.
Tierversuche liegen zu 50 Prozent falsch
Dabei gibt es gute Gründe, die gegen den Einsatz von Tieren sprechen, wie Dieter Runge berichten kann. Ähnlich wie Aufderheide forscht der Toxikologe in-vitro, also außerhalb des lebenden Körpers, an menschlichen Zellen. Er züchtet Leberzellen und überprüft, wie sie auf Wirkstoffe reagieren. Die menschliche Leber arbeitet anders als die von Mäusen oder Ratten. Substanzen, die für die Tiere unbedenklich sind, können dem Menschen schaden - und andersherum. Selbst Mäuse und Ratten reagieren schon ganz anders auf Substanzen. "Daten aus Tierversuchen sind in weit mehr als 50 Prozent der Fälle nicht auf den Menschen übertragbar", sagt Runge.
Wie unterschiedlich Medikamente bei Mensch und Tier wirken, zeigt das Schmerzmittel Aspirin. "Aspirin würde heute niemals die Arzneimittelprüfung bestehen", erklärt Runge. Im Tierversuch sei das Medikament toxisch. Das Gegenbeispiel ist das Schlafmittel Contergan. In den damals noch sehr unsystematisch durchgeführten Tierversuchen löste der Wirkstoff Thalidomid keine Nebenwirkungen aus, so dass es sogar schwangeren Frauen empfohlen wurde. Das Ergebnis waren teils schwere Missbildungen bei Tausenden von Kindern.
Runge konnte bereits in einer Studie zeigen, dass seine Leberzellen die richtigen Ergebnisse liefern, wenn der Tierversuch danebenliegt. Allerdings räumt er ein, dass In-Vitro-Techniken bisher nicht in der Lage sind, das Zusammenspiel aller Organe des Körpers vollständig abzubilden.
Tatsächlich haben die Schonverfahren auch ihre Nachteile. "Die Rechnung, wonach ein Tierversuch durch eine Alternativmethode ersetzt wird, stimmt für komplexere toxische Effekte nicht", sagt auch Robert Landsiedel, Forschungsleiter der Toxikologie-Abteilung beim Chemiekonzern BASF. Auch Landsiedel setzt auf neue In-Vitro-Methoden, er untersucht beispielsweise allergische Reaktionen der menschlichen Haut. Zwei Millionen Euro steckt die BASF jährlich in die eigene Forschung zu Alternativmethoden, dazu kommen weitere Spenden für kleinere Unternehmen oder öffentliche Fördertöpfe.
Tierversuche schätzen gegen Klagen
Laut Landsiedel führt der Chemiekonzern ein Drittel seiner Tests mit Alternativmethoden durch. Als großes Unternehmen kann die Firma ein Verfahren in fünf bis zehn Jahren komplett vollständig prüfen, inklusive der Validierung. Doch es gibt ein entscheidendes Problem: BASF verkauft Substanzen weltweit. "Wenn eine Alternativmethode nur in Europa anerkannt ist, hilft uns das als internationalem Unternehmen wenig", sagt Landsiedel. Vortests im eigenen Haus kann BASF
zwar mit Alternativverfahren machen. Für die endgültige Beweisführung, dass die Substanzen nicht schädlich sind, müssen aber oft dennoch Tiere herhalten.
Hinzu kommt die größere juristische Sicherheit. "Ein Tierversuch schützt gegen Schadensersatzforderungen immer noch besser als die modernste Alternativmethode", sagt Manfred Liebsch von der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet), die für das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Alternativmethoden fördert und bewertet.
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