Tierversuche in Tübingen Forscher sollen wegen Misshandlung von Affen Geldstrafe zahlen

Affen mit Gehirnimplantaten, denen Erbrochenes aus dem Mund läuft: Tierschützer haben heimlich Versuche von Hirnforschern in Tübingen gefilmt - die Tests wurden offenbar zu spät abgebrochen.

Ein Rhesus-Affe mit einem Implantat (Archiv)
DPA

Ein Rhesus-Affe mit einem Implantat (Archiv)


Die Staatsanwaltschaft Tübingen hat wegen des Vorwurfs der Tiermisshandlung gegen drei verantwortliche Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik Geldstrafen beantragt.

Die Männer sollen von 2013 bis 2015 bei drei Affen Versuche zu spät beendet und dadurch den Tieren länger andauernde Leiden zugefügt zu haben, teilte die Behörde mit. Sie beantragte demnach bereits im Januar beim Amtsgericht Tübingen den Erlass von Strafbefehlen. Inzwischen haben die Beschuldigten dem Gericht zufolge Einspruch eingelegt. Sollten sie den Einspruch auch nach ihrer Akteneinsicht aufrechterhalten, komme es zu einer Gerichtsverhandlung, hieß es.

Zuletzt stand der Autohersteller VW in der Kritik, weil Wissenschaftler in den USA in dessen Auftrag Versuche an Affen durchgeführt hatten. Die Tiere mussten mehrfach stundenlang giftige Dieselabgase einatmen. Die von BMW, Daimler und Volkswagen finanzierte Lobbyorganisation EUGT hatte die Versuche in Auftrag gegeben. VW-Manager waren laut Dokumenten und Gerichtsakten die treibende Kraft hinter den Experimenten.

Chirurgische Eingriffe am Zentralnervensystem

Die Anträge der Staatsanwaltschaft in dem Fall in Tübingen richten sich gegen den 67-jährigen Bereichsleiter des Max-Planck-Instituts, den 49 Jahre alten Versuchsleiter und den 55-jährigen stellvertretenden Tierhalter. Sie waren demnach an genehmigten Versuchen zur Hirnforschung beteiligt. Dabei waren demnach unter anderem chirurgische Eingriffe am Zentralnervensystem der Rhesusaffen erlaubt, um einen Zugang zum Gehirn der Tiere zu ermöglichen.

Die Ermittlungen gehen auf Anzeigen von Tierversuchsgegnern zurück. Ein als Pfleger arbeitender Tierschützer hatte die Affenversuche und die Haltung der Tiere heimlich gefilmt. Die Aufnahmen zeigen Affen mit Gehirn-Implantaten, eines der Tiere hat einen blutverschmierten Kopf, einem anderen läuft Spucke oder Erbrochenes aus dem Mund.

Inzwischen wurden die Versuche eingestellt - dem verantwortlichen Forscher Nikos Logothetis zufolge, weil ihm der Rückhalt aus der Wissenschaft fehlte. Er forscht zu neuronalen Mechanismen der Wahrnehmung und Objekterkennung.

Die Vorgaben sahen laut den Ermittlungen vor, dass Tiere getötet werden sollten, "wenn dies für eine wissenschaftliche Untersuchung erforderlich oder das Wohlergehen des Tiers wegen einer Verletzung oder Infektion gefährdet wäre". Dazu gab es demnach auch bestimmte Kriterien.

Anklage geht von Tiermisshandlung durch Unterlassen aus

Die Angeschuldigten hätten sicherzustellen gehabt, "dass die Schmerzen und Leiden der Versuchstiere auf ein unerlässliches Minimum beschränkt bleiben", teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Entgegen den festgeschriebenen Abbruchkriterien sollen die Forscher laut der Behörde aber drei Tiere "trotz entsprechender Anzeichen und Auffälligkeiten" verspätet eingeschläfert und dadurch "eine erhebliche und längere Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Affen" verursacht haben. Die Staatsanwaltschaft wertete dies als Tiermisshandlung durch Unterlassen. Das Tierschutzgesetz sieht dafür einen Strafrahmen von Geldstrafen bis hin zu drei Jahren Freiheitsstrafe vor.

Für Logothetis hat der Erlass des Strafbefehls offenbar weitreichende Folgen. "Der Verwaltungsrat der Max-Planck-Gesellschaft hat entschieden, dass Prof. Logothetis bis zum Abschluss des Verfahrens keine Tierversuche durchführen oder anleiten wird", teilte die Max-Planck-Gesellschaft mit. Der Geschäftsführende Direktor am Institut werde diese Aufgaben kommissarisch übernehmen. Logothetis wollte sich zunächst nicht äußern.

Das Ermittlungsverfahren gegen weitere Beschuldigte wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz wurde laut Staatsanwaltschaft eingestellt. Sie konnten nach Erkenntnis der Staatsanwaltschaft nicht über den Abbruch von Versuchen entscheiden.

brt/AFP/dpa



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