Tests an Affen "Ich habe die Experimente nicht als Tierversuch wahrgenommen"

Über Tierversuche mit Affen wird besonders emotional diskutiert. Hier erzählt ein Forscher, der mit Makaken arbeitet, von seiner Arbeit.

Langschwanzmakake im Tierversuch (Symbolbild)
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Langschwanzmakake im Tierversuch (Symbolbild)

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Ich habe Informatik studiert und kam eher zufällig zu Tierversuchen. Ein Institut für Hirnforschung in meiner Stadt hat Hilfswissenschaftler gesucht, die Daten aus Versuchen mit Affen auswerten. Das fand ich spannend. Meinen ersten eigenen Affenversuch mit Makaken habe ich dann später für meine Diplomarbeit in den USA gemacht.

Seither beschäftige ich mich mit dem Sehsinn und will herausfinden, wie Nervenzellen Informationen aus den Augen verarbeiten. Mit dem Wissen kann man zum Beispiel Maschinen das Sehen beibringen.

Natürlich hatte ich schon vor meiner Zeit als Hilfswissenschaftler eine Vorstellung von Tierversuchen: Aufnahmen von Kaninchen mit knallroten Augen, nachdem ihnen Kosmetik in die Augen geschmiert wurde, oder von blutverschmierten Affen (Anm. Red: Tierversuche für Kosmetik sind in der EU inzwischen verboten). Was man so kannte, wenn man sich oberflächlich mit dem Thema beschäftigt hatte.

Die Experimente, die ich dann im Institut mitbekommen habe, habe ich zunächst gar nicht als Tierversuch wahrgenommen. Sie hatten nichts mit den Bildern gemein, die ich bis dahin kannte.

Wenn man wissen will, wie das Gehirn funktioniert, muss man auch daran forschen. Das fand ich von Anfang an logisch. Und natürlich macht man das nicht am Menschen. Die Affen, die ich verwende, werden speziell für die Forschung gezüchtet. Sie kommen ungefähr mit drei Jahren, wenn sie ausgewachsen sind, von den Züchtern ins Forschungsinstitut und leben dann mit einer kleinen Gruppe Artgenossen in Käfigen.

"Man darf nie vergessen, dass Affen wilde Tiere sind"

Vor den Versuchen wird den Affen ein Zugang ins Gehirn gelegt und ein Haltebolzen auf ihren Kopf montiert. Das passiert unter Vollnarkose, die OP-Standards sind dabei ähnlich wie beim Menschen. Ich als Forscher helfe auch manchmal bei den Operationen.

Als ich das erste Mal mit einem Skalpell die Haut eines Affen zerschnitten habe, war das ziemlich gewöhnungsbedürftig. Letztlich geht das aber wohl jedem angehenden Chirurgen bei seiner ersten Operation so - auch, wenn sie am Menschen stattfindet.

Sobald sich die Tiere von der Operation erholt haben, trainiere ich sie. Man darf nie vergessen, dass Affen wilde Tiere sind. Wenn ihnen etwas nicht passt, können sie einem ihren drei Zentimeter langen Eckzahn in den Hals rammen. Deshalb ist es wichtig, ein Gefühl für ihr Verhalten zu bekommen und ihnen Kommandos beizubringen. In den Versuchen bin ich letztlich auf ihre Mitarbeit angewiesen.

Das Training funktioniert wie bei einem Hund: Erwünschtes Verhalten belohne ich mit Leckerlis. Die Tiere lernen so, in den sogenannten Affenstuhl zu klettern, in dem sie während der Versuche sitzen. Sie üben, Berührungen am Kopf zu akzeptieren und sich schließlich mit dem Kopf im Stuhl fixieren zu lassen. Bis das alles klappt, dauert es ungefähr drei bis sechs Monate. Erst dann geht es mit den Versuchen los.

"Wir geben den Affen Namen"

Am Anfang war ich noch ziemlich aufgeregt, wenn ich einen Affen aus dem Käfig geholt habe. Mit der Zeit habe ich aber Routine entwickelt. Die Beziehung zu den Tieren ähnelt dann der zu einem Haustier. Wir geben den Affen auch Namen, und es fällt schwer, sich von ihnen zu verabschieden, wenn das Experiment vorbei ist. Wir arbeiten oft über Jahre mit ihnen in verschiedenen Projekten zusammen. Manchmal müssen wir sie anschließend einschläfern, um ihr Gehirn im Detail zu untersuchen.

Die Experimente selbst laufen so ab, dass die Affen selbstständig in den Stuhl klettern. Ich befestige dann den Kopf in der Halterung und schiebe über den Zugang eine feine Elektrode ins Hirn der Tiere. Sie ist dünner als ein Haar, und weil das Gehirn keine Schmerzreize wahrnimmt, spüren die Affen den Draht nicht.

Die Befestigung am Kopf ist nötig, damit die Elektrode nicht verrutscht. An einem Bildschirm lösen die Affen dann Aufgaben, die sie aus dem Training kennen. Zum Beispiel verfolgen sie Punkte mit ihrem Blick. Ich messe dabei, was bei welcher Augenbewegung im Gehirn passiert.

Machen die Affen gut mit, werden sie mit einem Schluck Apfelsaft belohnt. Haben sie keine Lust mehr, ist das Experiment für den Tag beendet. Fängt ein Affe im Stuhl an zu zappeln oder schläft er ein, sind die Daten ohnehin wertlos, weil ich die Aktivität im Gehirn dann keiner Aufgabe zuordnen kann. Intern gibt es die Regel, dass die Affen für Versuche maximal fünf Stunden außerhalb des Käfigs sein dürfen.

"Eher würde ich auf Fleisch verzichten"

Auf Partys fragen mich manchmal Leute, warum ich das Hirn der Tiere nicht beispielsweise im MRT untersuche. Die Antwort ist ziemlich einfach: Jeder Kubikmillimeter dieser Bilder enthält Tausende Nervenzellen, deren Aktivität auf eine einzige Zahl zusammengefasst wird.

Das nutzt mir für meine Forschung nichts, denn was in einzelnen Nervenzellen passiert, verrät das Bild nicht. Wenn es eine Alternative zu den Affenversuchen gäbe, würde ich sie nutzen, das schreibt auch das Gesetz vor.

Wirklich schlechte Erfahrungen mit Gegnern meiner Arbeit habe ich bislang aber nicht gemacht. Natürlich bekommt man auch im Bekanntenkreis mal einen Spruch gedrückt. Ich bin aber immer gern bereit, meine Arbeit zu erklären. Im Moment beschäftige ich mich wieder eher mit den Daten aus Affenversuchen, statt selbst welche zu machen. Ich kann mir aber gut vorstellen, noch mal mit Affen zu arbeiten.

Eher würde ich wohl aufhören, Fleisch zu essen, als auf die Experimente zu verzichten. In der Viehzucht werden deutlich mehr Tiere unter viel schlechteren Bedingungen gehalten als für Tierversuche mit Affen.



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