SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. September 2008, 11:53 Uhr

Tierversuche

Neue Methode könnte Alzheimer stoppen

Von

Gibt es bald eine Therapie gegen Alzheimer? Das glaubt zumindest ein deutsch-österreichisches Forscherteam. Im Tierversuch habe ein neuer Wirkstoff die typischen Ablagerungen in den Gehirnzellen fast vollständig verhindert. Ein Medikament für Menschen ist indes noch weit entfernt.

Bislang sind Mediziner weitgehend machtlos, wenn sie die Diagnose Alzheimer gestellt haben. Eine wirksame Therapie für die Demenzkrankheit existiert nicht - trotz intensiver Forschungsarbeit in den vergangenen Jahrzehnten. Für die nächsten Jahre rechnen Wissenschaftler vielmehr mit einer rasanten Zunahme neurologischer Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson.

Alzheimer-Patient: Neues Paradigma für die Behandlung?
AP

Alzheimer-Patient: Neues Paradigma für die Behandlung?

Deutsche und österreichische Wissenschaftler haben nun einen neuen Ansatz zur Alzheimer-Behandlung entwickelt. "Wir sind überzeugt, dass sich mit unseren Erkenntnissen eine einzigartige Möglichkeit bietet, die Zerstörung von Nervenzellen und die Bildung von Ablagerungen zu stoppen oder zu verhindern", sagte Hans-Ulrich Demuth, einer der beteiligten Forscher der "Mitteldeutschen Zeitung". Es werde aber noch einige Zeit dauern, ehe ein marktreifes Medikament zur Verfügung stehe, erklärte der Wissenschaftler. Grund seien die aufwendigen klinischen Tests. "Frühestens in sieben Jahren können diese abgeschlossen sein."

Die beteiligten Forscher sprechen von einem "neuen Paradigma" in der Alzheimer-Behandlung. Man habe einen ursächlichen Mechanismus entdeckt, "der die Zerstörung und den Abbau von Nervenzellen im Hirn von Alzheimer-Patienten erklärt und damit eine einzigartige Möglichkeit bietet, die Zerstörung von Nervenzellen und die Bildung von Plaques zu stoppen oder von vornherein zu verhindern", heißt es in einer Pressemitteilung des Pharma-Unternehmens Probiodrug, das an der Studie maßgeblich beteiligt war.

Das Team von Demuth blockierte in Versuchen mit Mäusen das Enzym Glutaminylzyklase (QC) und stellte dabei fest, dass sich so die Demenzerkrankung womöglich therapieren lässt. Im Gehirn von Alzheimer-Patienten werde mehr QC gebildet als im Gehirn gleichaltriger, nicht dementer Menschen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Nature Medicine". QC wiederum sei für die Bildung einer bestimmten, für Nervenzellen schädlichen Variante des Amyloid-b-Peptids verantwortlich, welche die Bildung der für Alzheimer typischen Plaques anrege.

Neuer Ansatz besitzt Potential

In Tierversuchen seien die gefährlichen Ablagerungen bis zu 80 Prozent reduziert worden. Damit sei es gelungen, den Verlauf der Krankheit extrem zu verlangsamen oder zu stoppen. Nach Angaben der Forscher habe der Wirkstoff im Tierversuch keine Nebenwirkungen gezeigt. Im Gegenteil: Die orale Gabe des Wirkstoffs, der die Bildung von QC blockiert, hat bei Nagetieren sogar zu einer deutlichen Verbesserung der Gedächtnisleitung geführt.

"Das ist eine neue Möglichkeit, die sollte man austesten", sagte Kai Simons, Alzheimer-Experte am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik Dresden, der an der Untersuchung nicht beteiligt war. Von einem Durchbruch will der aus Finnland stammende Forscher aber erst sprechen, wenn sich die Methode auch in einer sogenannten Phase-III-Studie bewährt hat, also in einer klinischen Studie mit zahlreichen Teilnehmern, die mehrere Monate oder Jahre dauert. Der neue Ansatz besitze Potential, aber zum jetzigen Zeitpunkt könne man nicht sagen, wie erfolgreich er sein werde, sagte Simons. Alzheimer entwickle sich sehr langsam, und nicht zuletzt deshalb gebe es viele mögliche Ansätze einer Behandlung.

In den vergangenen Jahren hatten Forscherteams weltweit wiederholt über erfolgversprechende Tierversuche berichtet. Simons' Team gelang es kürzlich, einen bislang wenig effektiven Alzheimer-Hemmer aufzurüsten. Anstatt die Wirkstoffe gegen die Bildung der Proteinplaques wie bis dahin üblich frei im Gehirn herumschwimmen zu lassen, statteten die Forscher eine der Substanzen mit einem speziell konstruierten Anker aus. So konnte sich der Wirkstoff in den Hüllen der Hirnzellen festhaken und genau dorthin gelangen, wo ein entscheidender Schritt der Plaquebildung stattfindet. Klinische Studien könnten nach Aussage der Dresdner Forscher etwa in zwei Jahren beginnen, eine mögliche Therapie sei frühestens in zehn Jahren zu erwarten.

Welche Methode auch immer den Durchbruch schafft, ein wirksames Alzheimer-Medikament verspricht angesichts der immer älteren Bevölkerung hohe Gewinne. So haben die an der neuen Alzheimer-Tierstudie beteiligten Forscher, die unter anderem von den Universitäten Leipzig und Halle-Wittenberg kommen, über die Firma Probiodrug bereits mehr als 27 Patente angemeldet, um ihre Methode zu schützen. 8 der 19 Autoren sind bei Probiodrug beschäftigt, ein weiterer hält Aktienanteile an dem Unternehmen. Die 1997 in Halle gegründete Firma hat bereits ein Verfahren zur Behandlung von Diabetes Typ 2 entwickelt, auf dessen Basis seit Ende 2006 Medikamente angeboten werden.

Mit Material von ddp und AP

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH