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Ausgegraben

Sibirische Zwillinge Trauriger Fund auf jungsteinzeitlichem Friedhof

Mutter und Kinder auf dem jungsteinzeitlichen Friedhof von Lokomotiv: Ältester archäologisch dokumentierter Fall von einem Tod während der Geburt Zur Großansicht
Vladimir Bazaliiskii/ Irkutsk State University

Mutter und Kinder auf dem jungsteinzeitlichen Friedhof von Lokomotiv: Ältester archäologisch dokumentierter Fall von einem Tod während der Geburt

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Es war ein Drama, das sich vor 8000 Jahren im sibirischen Lokomotiv abspielte. Eine Frau lag in den Wehen, die Geburt ihrer Zwillinge stand kurz bevor. Doch Etwas ging schief - ein kanadisch-russisches Forscherteam konnte nun die letzten Stunden nachzeichnen.

"Dies ist einer der ältesten archäologisch dokumentierten Fälle von einem Tod während der Geburt", schreiben die Forscher um Angela Lieverse von der University of Saskatchewan in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Antiquity. "Und zugleich der älteste Nachweis menschlicher Zwillinge weltweit."

Die Mutter und ihre beiden Kinder lagen gemeinsam im Grab mit der Nummer R11 des kleinen jungsteinzeitlichen Friedhofs von Lokomotiv, mitten in der heutigen Stadt Irkutsk in Sibirien. Weder die Ausrichtung des Grabes noch die Beigaben - fünfzehn Murmeltierzähne - wiesen auf etwas Ungewöhnliches hin. Wohl aber die Anordnung der Skelette.

Niemand konnte helfen

Die Mutter lag ausgestreckt in Rückenlage. Im Bereich ihres Beckens fanden die Ausgräber die Knochen eines Zwillings. Vom anderen aber ruhten nur die Schädelknochen dort. Die Langknochen und kleinen Rippen des Kindes lagen bereits zwischen den Oberschenkeln der Frau.

Der erste Zwilling muss versucht haben, in Steißlage auf die Welt zu kommen. Dann aber blieb sein Kopf stecken - womöglich Kinn unter Kinn verhakt mit seinem Geschwisterkind. Das war das Todesurteil für alle drei: "Die Todesursache der Mutter könnte entweder eine Infektion gewesen sein, eine schwere Blutung - zum Beispiel durch einen Riss der Gebärmutter - oder auch einfach nur Erschöpfung", schreiben die Autoren. Die Kinder seien wahrscheinlich erstickt.

Helfen konnte ihnen niemand. Nicht einmal nach ihrem Tod konnten die Geburtshelfer die Zwillinge herausholen - die Mutter und ihre Kinder wurden so bestattet, wie sie gestorben waren.

Steißlage birgt hohes Risiko - bis heute

Das besondere an der Frau und ihren Zwillingen aus Lokomotiv ist gar nicht einmal ihr dramatischer Tod. Sowohl Zwillingsgeburten als auch Todesfälle bei der Geburt waren zu keiner Zeit selten. Was diesen Fall so einzigartig macht, ist die Momentaufnahme, die er bietet. Starben eine Frau und ihr Kind bei einer Geburt, wurden die beiden nicht zwangsläufig gemeinsam bestattet. Ohne die Knochen des Kindes im Mutterleib lässt sich die Todesursache aber mit archäologischen Mitteln kaum nachweisen.

Zwillinge bleiben so in der Archäologie meist unsichtbar. Denn selbst in dem unwahrscheinlichen Fall, dass sie gemeinsam sterben und gemeinsam begraben werden, können nur aufwendige anthropologische Untersuchungen klären, ob die beiden Individuen tatsächlich auch identisches Erbgut haben.

Bei der Bestattung von Lokomotiv aber erzählt die Lage der Knochen eindeutig von den letzten schweren Stunden der drei. Dabei muss wenige Stunden vor den dramatischen Ereignissen noch alles bestens ausgesehen haben. Die Mutter war jung, zwischen 20 und 25 Jahre schätzen die Forscher ihr Alter. Damit war sie selbst für die Jungsteinzeit eine Frau in den besten Jahren.

Hätte das eine Kind nicht in Steißlage gelegen, hätte es eine glückliche, gesunde Familie werden können. "Bei heutigen Zwillingsgeburten liegt die Rate von Fällen, wo der erste in Steißlage und der zweite normal positioniert ist, bei rund 20 Prozent", berichten die Autoren, "und diese Fälle gelten üblicherweise immer noch als Geburten mit hohem Risikofaktor." Kaum eine Frau würde versuchen, ihre Kinder so auf natürlichem Weg zu gebären - sie würden sicher mit einem Kaiserschnitt auf die Welt geholt.

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Archäologische Methoden der Datierung
Radiokarbondatierung
Das radioaktive Kohlenstoffisotop C-14 wird in der Atmosphäre ständig durch kosmische Strahlung erzeugt und gelangt in Form von Kohlendioxid (CO2) in die Biosphäre. Pflanzen, die CO2 aufnehmen, werden von Tieren und Menschen gegessen. Sie enthalten eine niedrige Aktivität, die überall und über lange Zeiträume gleich ist. Stirbt ein Lebewesen, nimmt es kein C-14 mehr auf und die Aktivität klingt in 5730 Jahren um die Hälfte ab. Je älter ein Fund, desto geringer seine Aktivität. Man kann damit bis zu einem Alter von circa 50.000 Jahren datieren.
Lumineszenzdatierung
Sie beruht auf einem Strahlenschaden durch die fast überall vorhandenen radioaktiven Elemente Uran, Thorium und Kalium. Die Halbwertszeiten der Radionuklide dieser Elemente sind so lang, dass man von einem konstanten Radioaktivitätspegel ausgehen kann. Als Sensoren für die Strahlenschäden verwendet man meist Quarz und Feldspäte, die in Keramik und in Sedimenten immer vorhanden sind. Diese Minerale senden Licht aus, wenn sie erhitzt werden (Thermolumineszenz) oder beleuchtet werden (optisch stimulierte Lumineszenz). Je älter die Keramik, desto stärker das Leuchten.
Stratigraphie
Über die Stratigraphie wird das Alter eines Gegenstands anhand der Erdschicht bestimmt, in der er vorgefunden wurde. Die Schichten (lateinisch Straten) entstehen durch natürliche Ablagerungen und menschliche Aktivitäten. Die Stratigraphie kann deshalb gut mit den anderen Methoden kombiniert werden. Wurde beispielsweise ein Holzstück mit der C-14-Methode präzise datiert, kennt man auch das Alter eines Fundstücks, das in direktem Zusammenhang in derselben Erdschicht lag.


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