Tödliches Gift Was kostet eine Portion Polonium?

Wie teuer ist Polonium? Dutzende Experten haben sich nach dem Tod des russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko über die exotische Substanz geäußert. Die Preisspanne für eine tödliche Dosis liegt demnach zwischen 22 Dollar und 300.000 Euro.


Als ruchbar wurde, woran Alexander Litwinenko gestorben ist, herrschte für einen Moment - der in der Medienlandschaft wie eine Ewigkeit wirkte - blanke Ratlosigkeit: Was in aller Welt ist Polonium-210? Nachdem die physikalischen Details geklärt waren, traten die Spekulationen in die nächste Stufe: Woher und zu welchem Preis bekommt man diese mysteriöse, hochgiftige Substanz?

Zunächst schien unter den zahlreichen von Nachrichtenmedien befragten Experten Einigkeit zu herrschen: Polonium-210 werde nur in staatlichen Atomlabors hergestellt und selbst dort nur in geringen Mengen - womit gleich zwei preistreibende Faktoren genannt wären. Prompt meldete die britische Zeitung "The Guardian", die bei Litwinenko angewandte Menge - die dem Hundertfachen der tödlichen Dosis entsprochen habe - koste auf dem Schwarzmarkt knapp 20 Millionen Pfund, mithin knapp 30 Millionen Euro.

Diese Schätzung, der zufolge eine todbringende Polonium-Portion etwa 300.000 Euro kosten würde, markiert das obere Ende der Skala. Das untere Limit setzte die "New York Times" am gestrigen Sonntag: Zum Schnäppchenpreis von 22,50 Dollar plus Steuern sei eine tödliche Dosis Polonium-210 zu haben, bestellbar über den Postversand.

Allerdings steckt hinter dieser Zahl eine eher krude Rechnung: Eine Firma namens NRD mit Sitz in Grand Island (US-Bundesstaat New York) stelle ein antistatisches Gebläse her, das Polonium-210 mit einer Strahlung von 31.500 Microcurie enthalte - was in etwa dem Zehnfachen einer tödlichen Dosis entspreche. Das Gerät sei im Handel für 225 Dollar erhältlich, schrieb die "New York Times". Eine tödliche Dosis Polonium-210 koste also genau 22,50 Dollar. Ein wenig teurer sei es mit der Antistatik-Bürste desselben Herstellers. Sie strahle mit 500 Microcurie und koste 33,99 Dollar. Sechs Bürsten ergeben also eine tödliche Dosis, Gesamtpreis: 203,94 Dollar.

Polonium vom Ufo-Freund

Das setzt freilich voraus, dass man das Polonium ohne Verluste aus Gebläse und Bürste herausbekommt. Die "New York Times" zitiert den Atomwaffenexperten Peter Zimmermann vom Londoner King's College mit der Aussage, dies sei mit "sorgfältiger Laborarbeit" möglich. Selbstredend verweigerte der Fachmann eine genaue Anleitung. Andere Experten wiederum bezweifeln, dass man Polonium aus Industrieprodukten entfernen und dann noch für einen Mordanschlag benutzen kann.

Zwischenzeitlich geriet auch der Internet-Shop von Bob Lazar, eines bekennenden Ufo-Fans und ehemaligen Mitarbeiters der berühmten US-Atomwaffenschmiede in Los Alamos, in die Schlagzeilen. Amerikanische Zeitungen hatten herausgefunden, dass dort Polonium-210 für 69 Dollar pro Lieferung angeboten wird. Inzwischen ist auf der Website eine Erklärung zu lesen, in der zwar eingeräumt wird, dass man tatsächlich Polonium-210 verkaufe - allerdings nur im Innern kleiner Nadeln. Und von denen brauche man 15.000, um eine für Menschen gefährliche Polonium-Menge zu erhalten, was dann mehr als eine Million Dollar kosten würde.

Offizieller Export am billigsten

Das billigste Polonium-210 liefert interessanterweise die russische Regierung selbst. Russland exportiert nach Angaben von Sergej Kirijenko, dem Chef der russischen Atomenergie-Behörde, acht Gramm pro Monat in die USA. Ein Gramm aus diesem offiziellen Kanal dürfte rund zwei Millionen Dollar kosten, sagte Herwig Paretzke vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit dem SPIEGEL. Schätzungen zufolge kann schon ein Millionstel Gramm der radioaktiven Substanz töten, wenn sie in den menschlichen Körper gelangt. Eine tödliche Polonium-Menge aus dem russischen Export würde demnach ganze zwei Dollar kosten.

Das gilt wohlgemerkt nur für die rechtmäßigen Adressaten der Sendung. Auf dem Schwarzmarkt dürfte der Preis drastisch steigen - wie sehr, weiß jedoch niemand. Zudem dementiert die russische Regierung, dass ein Polonium-Diebstahl überhaupt möglich sei. Alle Atom- und Forschungsreaktoren stünden unter strenger Kontrolle.

Der russische Generalstaatsanwalt Juri Tschaika bezeichnete es am heutigen Dienstag ebenfalls als unmöglich, dass das Polonium aus Russland stammen könnte. Vorsorglich fügte er aber noch hinzu, dass kein tatverdächtiger russischer Staatsbürger an Großbritannien ausgeliefert werde.

mbe



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