Tomografie-Analysen Gefühl für Gerechtigkeit ist im Gehirn verankert

Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit. So lautet eine gängige Hypothese der Sozialwissenschaftler. Neurobiologen haben diese jetzt bestätigt. Mit Tomografientersuchungen konnten sie bestimmte Hirnareale ausfindig machen, die bei ungerechter Behandlung besonders aktiv sind.

Hirnareale: Gefühl für Gerechtigkeit sitzt im Striatum und im präfrontalen Cortex
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Hirnareale: Gefühl für Gerechtigkeit sitzt im Striatum und im präfrontalen Cortex


"Schon das sehr kleine Kind entwickelt - wahrscheinlich gegen Ende des zweiten Lebensjahres - ein Urbedürfnis nach Gerechtigkeit", sagt Léon Wurmser. Es sei ein "Gefühl dafür, dass ein Miteinander der Menschen nur möglich ist, wenn eine Art primitive Gerechtigkeit herrscht", so der weltweit anerkannte Schweizer Psychoanalytiker. Diese gängige Hypothese in den Sozialwissenschaften besagt, dass Menschen das Bedürfnis haben, ungleiche Verteilungen zu reduzieren, da sie sonst einen Gewinn nicht richtig genießen können.

Die Umkehr dessen sieht so aus: Vergeltung entspricht dem archaischen Wunsch, ein subjektiv gestörtes Gleichgewicht wiederherzustellen. Bereits vor einigen Jahren hatten Schweizer Wissenschaftler herausgefunden, dass Bestrafen befriedigt - dabei zeigt vor allem das Striatum, eine Region im Gehirn, eine hohe Aktivität.

Dieses Areal ist aber auch beim Gefühl der Ungerechtigkeit besonders aktiv, haben Forscher aus den USA und Irland nun entdeckt. Die Wissenschaftler um John O'Doherty von der Rutgers Universität in Newark überwachten die Gehirne von 40 Probanden mit Magnetresonanztomografie, während die Freiwilligen um Geld spielten. Wie sie im Fachmagazin " Nature" berichten, zeigten die Resultate, dass sowohl die Gehirne der Bevorteilten wie auch die der Benachteiligten in bestimmten Regionen eine erhöhte Aktivität aufwiesen - jedoch nur wenn Ungleichheiten vorhanden waren.

Die natürliche Abneigung gegen Ungerechtigkeit sei also tatsächlich im menschlichen Gehirn verankert, folgern die Wissenschaftler. Bisher war jedoch unklar, ob Menschen mit dem Bedürfnis Ungerechtigkeiten zu reduzieren, dabei vor allem um ihr soziales Image bangen, oder ob sie tatsächlich eine Abneigung gegen Ungerechtigkeit haben.

Striatum reagierte auf Ungerechtigkeit zum eigenen Vorteil oder Nachteil

Um das herauszufinden, ließen O'Doherty und seine Kollegen 20 Probandenpaare um Geld spielen und beobachteten währenddessen die Aktivität der Nervenzellen im präfrontalen Cortex und im Striatum - zweier Hirnregionen, die bei der Verarbeitung und Bewertung von Informationen eine wichtige Rolle spielen. Jeder Spielteilnehmer erhielt 30 Dollar Grundkapital. Danach wurden in jeder Gruppe weitere 50 Dollar verlost, so dass einer der beiden Spieler zu Beginn des Experiments "reich" und der andere "arm" war.

Die Forscher beobachteten, dass beide Spieler eigene Gewinne positiv bewerteten. Die Freude über einen Erfolg war für die reichen Probanden aber weniger groß als für die Armen. Spielteilnehmer, die weniger Startkapital erhielten, fielen nur sehr ungern noch weiter hinter ihre Gegner zurück. Sie missgönnten den Reichen Gewinne, auch wenn dieses gewonnene Geld keinen Einfluss auf ihr eigenes Kapital hatte. Umgekehrt schätzten es die reichen Spieler, wenn ihre Gegner ebenfalls gewannen und sich der Abstand zwischen ihren Einnahmen verringerte.

Dieses Muster spiegelte sich auch in der Hirnaktivität der Probanden wider: Die Aktivität in den beobachteten Gehirnregionen armer Spieler war höher, wenn sie selbst Geld erhielten, als wenn die Dollar an ihren Gegenspieler gingen. Bei Personen, die zu Beginn des Spiels viel Geld erhalten hatten, beobachteten die Forscher das umgekehrte Prinzip: Die Hirnaktivität der Reichen war stärker ausgeprägt, falls der Gewinn an den Gegner ging und nicht an sie selbst. Der präfrontale Cortex und das Striatum reagieren demzufolge auf Ungerechtigkeit, egal ob sie zum eigenen Vorteil oder zum eigenen Nachteil ist, erklären die Wissenschaftler.

cib/ddp

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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salubrious-herb 25.02.2010
1. Unglaubliche Erkenntnis:
Menschen, die die Augen aufmachen, sehen meistens Dinge. So lautet eine gängige Hypothese von so ziemlich jedem. Neurobiologen haben diese jetzt bestätigt. Mit Tomographie-Untersuchungen konnten sie bestimmte Hirn-Areale ausfindig machen, die beim Sehen besonders aktiv sind. Tatsächlich? Wenn man etwas, was ohnehin schon jeder weiß, im Tomographen sehen kann, ist das dann eine Bestätigung?
der_hanno 25.02.2010
2. Wie ist das eigentlich?
Als interessierter Laie: Begeht man nicht einen Kategorienfehler, wenn man Geisteswissenschaftliche Konstrukte wie Gerechtigkeit mit Naturwissenschaftlichen Methoden untersucht? Hab ich mich schon öfter gefragt...
Einbauschrank, 25.02.2010
3. Hirnschaden Sozialismus
Zitat von sysopMenschen haben ein Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit. So lautet eine gängige Hypothese der Sozialwissenschaftler. Neurobiologen haben diese jetzt bestätigt. Mit Tomographie-Untersuchungen konnten sie bestimmte Hirn-Areale ausfindig machen, die bei ungerechter Behandlung besonders aktiv sind. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,679931,00.html
Jetzt muß man nur noch rauskriegen, warum diese Hirnareale bei Linken verkümmert sind.
nurmeinsenf 25.02.2010
4. Erstaunlicherweise...
...kommt der Artikel ohne einen Querverweis aus, warum sich das evolutionsbiologisch so herausgebildet haben muß und was Herr Dawkins dazu meint. Vielleicht waren ihm die Ergebnisse noch nicht bekannt? Daß dem Menschen ein Gefühl für Gerechtigkeit angeboren ist, läßt sich ja vielfach interpretieren - philosophisch, auf Gott bezogen, natürlich auch evolutionsbiologisch. Nur sollten letztere nicht automatisch die Deutungshoheit haben.
gabriel_staubfein 25.02.2010
5. Plausibel und bestaetigt durch eigene Erfahrung.
Plausibel und bestaetigt durch eigene Erfahrungen ist das allemal, wieder ein kleiner Mosaikstein im Verstaendnis der Gehoirnfunktionen... ich will mal sehen, ob wir dazu auf anatomium.com eine kleine 3d-Animation hinkriegen. Dieser ganze soziale Funktionskomplex, Feindschaft schon auf en ersten Blick und so - ich finde das faszinierend, und auch deshalb, weil man an sich selbst feststellen kann, inwieweit man seine eigenen, "gewachsenen" Responses eigentlich bewussst beeinflussen kann - wen man DAS schafft, erst dann hat man seinen "freien Willen" unter Beweis gestellt. Nicht nur einfach reagieren - DENKEN, die eigene "unwillkuerliche" Reaktion in Frage stellend, und dann entscheiden.
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