Chart-Analyse Die drei Revolutionen der Popmusik

Rock, Country, Soul und HipHop: Informatiker haben die Top-100-Hits der US-Charts mit den Methoden der Evolutionsforschung analysiert. Verblüffende Erkenntnis: Der Musikgeschmack hat sich seit 1960 nur dreimal fundamental verändert.

Entwicklung der Musik von 1960 bis 2010: 17.000 Chart-Songs verraten die wichtigsten Trendwechsel
Corbis

Entwicklung der Musik von 1960 bis 2010: 17.000 Chart-Songs verraten die wichtigsten Trendwechsel

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Was der Musik bislang gefehlt hat, waren Fakten. So sehen es zumindest Matthias Mauch von der Queen Mary University of London und Kollegen. Die Musikinformatiker haben 17.094 Hits aus den Top 100 der USA mit Methoden aus der Evolutionsforschung untersucht. Dabei stellten sie fest, dass sich der Musikgeschmack von 1960 bis 2010 zwar ständig leicht verändert hat. Mal wurde Rock wichtiger, mal Countrymusik, mal Soul. Grundlegende Umbrüche gab es jedoch nur dreimal.

"Wir haben die Geschichte der Popmusik als Fossilienfunde betrachtet und uns Fragen gestellt, die sich normalerweise Paläontologen stellen", schreiben die Forscher im Fachmagazin "Royal Society Open Science". "Hat die Vielfalt mit der Zeit zu- oder abgenommen? Verlief der Wandel kontinuierlich? Und falls es Einschnitte gab, wann fanden sie statt?"

Eine Software analysierte nicht nur die Songtexte, sondern suchte in jeweils 30-Sekunden langen Sequenzen einzelner Titel nach Besonderheiten etwa bei Akkordwechseln oder im Klangbild. So ordnete das Programm die Lieder unterschiedlichen Genres und Unterkategorien wie etwa Gangsta Rap oder Dance-Pop zu. Grundlage für die Bewertung waren Schlagworte, die Last.fm-Hörer den Titeln in einer Musikdatenbank zugeordnet hatten.

Beatles und Stones: Mitläufer statt Revolutionäre

Die Analyse kratzt auch am Image der Beatles und Rolling Stones als stilprägende Bands der Musikgeschichte. Der Erfolg der britischen Bands in den USA habe die Rockrevolution nicht eingeleitet, schreiben die Forscher. Die Bands seien stattdessen einem bereits existierenden Trend gefolgt.

Insgesamt fanden Mauch und Kollegen lediglich drei Zeitpunkte, zu denen sich die Zusammensetzung der Charts - und damit der Musikgeschmack - grundlegend veränderte: 1964, 1983 und 1991.

  • Die Veränderungen um 1964, die auch im Zusammenhang mit dem großen Erfolg der Beatles und Rolling Stones stehen, seien vergleichsweise gering, aber besonders komplex gewesen. In dieser Zeit hätte sich in den USA sowohl Soulmusik als auch Rock durchgesetzt.
  • 1983 bekamen die Sparten New Wave, Electronics und Hard Rock Aufschwung, während Softrock, Countrymusik und Soul sowie R'n'B deutlich Zuspruch verloren.
  • Die größte Veränderung im Musikgeschmack entdeckten Mauch und Kollegen allerdings 1991, als der HipHop zunehmen die amerikanischen Charts einnahm. Anfang Februar dieses Jahres landete etwa die C+C Music Factory mit "Gonna Make You Sweat" einen Hit. In dem Stück wurden zunächst Klubmusik und Einflüsse aus dem HipHop kombiniert. Wenige Jahre später begann die Zeit von Busta Rhymes und Snoop Dog.

Der Erfolg des HipHop (rot) veränderte alles (zum Vergrößern anklicken). Die breite der Balken gibt an, wie häufig eine Musikrichtung in den Top 100 pro Jahr vertreten war.

Der Erfolg des HipHop (rot) veränderte alles (zum Vergrößern anklicken). Die breite der Balken gibt an, wie häufig eine Musikrichtung in den Top 100 pro Jahr vertreten war.

Langeweile-Jahr 1986

Geht es um die Vielfalt in den häufig als eintönig belächelten Charts, blieben die schlimmsten Befürchtungen unbestätigt. Vergleichsweise eintönig war laut Analyse nur die Musik im Jahr 1986, als Drum Machines ihren Weg in die amerikanischen Top 100 fanden. Mit der Zeit kehrte laut Forscheranalyse aber wieder die übliche Vielfalt zurück.

Obwohl 2010, im letzten Jahr der Analyse, die Diversität erneut abnahm, sind die Autoren optimistisch: Es gebe keinen Beleg für einen generellen Trend zur Eintönigkeit, berichten sie.

Dass ihre Methode Lücken hat, ist ihnen ebenfalls bewusst. So liefere sie bislang noch keine Erklärung, warum sich welche Musikrichtung zu welcher Zeit durchsetzt. Zudem ist nicht ganz sicher, wie zuverlässig die Softwareanalyse ist.

"Ohne Zweifel werden einige mit unserem wissenschaftlichen Ansatz nicht einverstanden sein und denken, er sei zu eingeschränkt für ein emotionales Thema wie Musik", sagt Mauch. Er sei aber überzeugt davon, dass die Untersuchung dazu beitragen könne, mehr über die Geschichte der Musik zu lernen. Als nächstes wollen die Forscher die Entwicklung weiterer Musikrichtungen in anderen Ländern untersuchen und die Ergebnisse vergleichen.

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