Einstige Talentschmiede Warum Russland die Top-Mathematiker fehlen

Perelman, Kolmogorow, Markow - die Sowjetunion hat viele Mathegenies hervorgebracht. Heute ist der Glanz der einstigen Kaderschmiede verblasst - aus ganz unterschiedlichen Gründen.

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Die Leninberge im Südosten Moskaus bieten einen fantastischen Blick über die russische Hauptstadt. Unten schlägt die Moskwa einen engen Bogen um das Olympiastadion von 1980, bis zum Kreml sind es sechs Kilometer. Darüber thront das pompöse Hauptgebäude der Lomonossow-Universität - über Jahrzehnte ein Mekka für Mathematiker.

Hier scharten Koryphäen wie Andrej Kolmogorow einst die schlauesten Köpfe aus der damaligen Sowjetunion um sich. Ende der Fünfzigerjahre begann an der Fakultät für Mechanik und Mathematik, kurz Mechmat, die goldene Ära der russischen Mathematik.

Sergej Nowikow etwa machte 1960 seinen Abschluss an der Fakultät, zehn Jahre später bekam er als erster Russe überhaupt die renommierte Fields-Medaille, die höchste Auszeichnung des Fachgebiets.

Hauptgebäude der Lomonossow-Universität Moskau
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Hauptgebäude der Lomonossow-Universität Moskau

Kollegen aus dem Westen büffelten kyrillische Buchstaben, um die neuesten Publikationen aus dem Osten sofort nach Erscheinen lesen zu können - und nicht erst Monate später, nachdem sie ins Englische übersetzt waren. Die Namen russischer Mathematiker prägten das Fachgebiet - als Markow-Ketten, Ljapunow-Exponenten, Chapman-Kolmogorow-Gleichung oder Voronoj-Diagramm.

Der Aufstieg der Theoretiker aus dem Osten war kein Zufall: Systematisch wurden in Mathematikwettbewerben an Schulen landesweit Talente gesichtet. Bei der jährlichen internationalen Matheolympiade holten Schüler reihenweise Goldmedaillen. Zwischen 1960 und 1992 stellte die Sowjetunion 14 Mal die weltbeste Nation - siehe Grafik unten.

Aus Gewinnern wie Gregorij Perelman oder Stanislaw Smirnow wurden exzellente Forscher, die mit der Fields-Medaille geehrt wurden. Perelman wurde 2006 für den Beweis der Poincaré-Vermutung gefeiert, Smirnow bekam die Medaille 2010. Beide waren noch in der Sowjetunion zur Schule gegangen und hatten von der gezielten Talentförderung profitiert.

Einst dominierte die Sowjetunion, heute sind es China, die USA und Südkorea
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Der Boom von Mathematik und Physik in der Sowjetunion hatte wirtschaftliche und militärische Gründe. Die kommunistische Partei beschwor immer wieder den wissenschaftlich-technischen Fortschritt als Motor des Sozialismus, Forscher und Ingenieure sollten für Wohlstand sorgen.

Im Wettrüsten mit den USA versuchte das Land, technologisch mitzuhalten, was zumindest in den Fünfzigern und Sechzigern noch ganz gut gelang. Wer Raketen und Atombomben baut oder Computerprogramme entwickelt, die eine Raketenabwehr steuern, braucht kluge Köpfe. Und die lieferten die Eliteunis von Moskau, Leningrad und Nowosibirsk.

Die kommunistische Partei startete Kampagnen, um junge Menschen für die Wissenschaft zu begeistern. Mathematik- oder Physik-Professoren hatten die mit Abstand höchste Reputation im Land. "So eine Stelle war nicht nur prestigeträchtig - sie war auch am besten bezahlt", sagt der russischstämmige Mathematiker Efim Zelmanow. "Deshalb wollten die besten und die intelligentesten Leute Mathematiker oder Physiker werden."

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Russische-sowjetische Elite: Denker aus Moskau, Leningrad und Nowosibirsk

Hinzu kam, dass Mathematik und Physik weitgehend frei von Ideologie waren. Leute, die eigentlich lieber Historiker, Philosoph, Musiker oder Künstler geworden wären, seien in die Naturwissenschaften gegangen, berichtet Vladen Timorin von der Moskauer Universität HSE.

Mathematik galt in Moskau und Leningrad quasi als cool - ganz anders als etwa im damaligen Deutschland, wo Studenten lieber über Mao, Atomkraft und Umweltschutz diskutierten.

Exodus nach 1990

Die Mathematik zog auch viele Russen mit jüdischen Wurzeln an, auch den späteren Fields-Medaillisten Efim Zelmanow. Anfangs gab es kaum Diskriminierung, das änderte sich aber in den Siebzigern, als man Russen mit jüdischer Abstammung den Zugang zu Unis teils ganz verwehrte. Zelmanow erhielt in den Achtzigern immerhin eine Anstellung am Institut für Mathematik der Akademie der Wissenschaften in Nowosibirsk, allerdings keine Professorenstelle.

Heute ist von dem einstigen Glanz russischer Theoretiker kaum noch etwas zu sehen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990 setzte ein Exodus ein, von dem sich das Land nie erholt hat. Allein in die USA gingen rund tausend Mathematiker. Viele haben längst gut dotierte Professorenstellen, auch Zelmanow, der heute in San Diego forscht. Nicht wenige haben die Staatsbürgerschaft ihrer neuen Heimat angenommen.

Zelmanow: "Die intelligentesten Leute wollten Mathematiker oder Physiker werden"
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Auf Kongressen spielen Vertreter russischer Universitäten kaum noch eine Rolle. 2014 beim Treffen der International Mathematical Union in Seoul waren lediglich vier Wissenschaftler als Vortragende eingeladen. Im Jahr 1986 stellte die damalige Sowjetunion auf dem Treffen in Berkeley noch 30 Gastredner.

Umso verblüffender, dass die einst so erfolgreiche Talentförderung zumindest in Teilen bis heute besteht. Die meisten Gymnasien für Hochbegabte hätten die schwierige Zeit von 1988 bis 2000 überstanden, schreibt Sergej Lando von der Moskauer Universität HSE in einem Aufsatz über die russische Mathematikausbildung. Doch das Niveau sei "dramatisch gesunken". Praktisch alle Experten der Universitäten des Landes seien sich einig, dass angehende Mathestudenten heute weniger Wissen mitbrächten als in den Achtzigern, konstatiert Lando.

"Einen Rechtsstaat gab es nicht"

Offensichtlich begeistern sich deutlich weniger russische Schüler und Studenten für Mathematik als früher. "Junge Menschen haben heute viel mehr Möglichkeiten", erklärt Zelmanow. Man könne nun Manager werden oder Rechtsanwalt und dann sehr viel Geld verdienen. "Als ich jung war, gab es diese Optionen nicht. Wer Geschäftsmann werden wollte, landete im Gefängnis. Und einen Rechtsstaat gab es auch nicht."

Zelmanow hält die neuen Zeiten trotz allem für einen Segen, auch wenn die Mathematik nicht mehr ganz so wichtig ist. "Es ist gut, dass die Menschen in Russland ähnlich viele Möglichkeiten haben wie zum Beispiel in den USA." Deshalb studierten viele hochintelligente Russen, die früher Mathematiker geworden wären, heute Wirtschaft oder Jura. "Und weil sie so schlau sind, sind sie später auch erfolgreich", sagt er grinsend.

Yandex-Gründer Wolosch: Karriere dank Mathematik
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Doch auch als Mathematiker kann man in Russland inzwischen wieder Karriere machen. Arkadij Wolosch studierte in den Achtzigern Angewandte Mathematik in Moskau, 1997 startete er die russische Suchmaschine Yandex, heute ist er Milliardär.

Russische Wurzeln hat übrigens auch Hightech-Riese aus den USA. Die Vorgeschichte begann 1979. Damals verließ der russische Mathematiker Michael Brin die Sowjetunion Richtung USA, weil er wegen seiner jüdischen Herkunft keine Forscherkarriere machen durfte. Mit ihm reiste auch sein damals fünfjähriger Sohn Sergej aus. Dieser studierte später Informatik und startete 1998 an der Stanford University zusammen mit Larry Page die Suchmaschine Google.

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