Totale Überwachung Der Big-Brother-Steinbruch der Römer

Anonyme Überwachung gilt als Mode der Neuzeit. Doch in einem römischen Steinbruch am Toten Meer fanden Archäologen heraus, dass schon Sklaven unter der Illusion dauernder Überwachung litten. Die perfide Methode wurzelt womöglich sogar in der Bronzezeit.

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"Tu, der Du eintrittst, alle Hoffnung ab" – die Inschrift über dem Höllentor aus Dantes Göttlicher Komödie wäre auch für diesen Ort passend gewesen: Ein kleiner römischer Steinbruch am nordöstlichen Rand der Negev-Wüste, wenige Kilometer vom Westufer des Toten Meers entfernt, eine Landschaft wie ein Glutofen. Hier schufteten nur Sklaven, wahrscheinlich Teilnehmer der jüdischen Aufstände der Jahre 60 bis 73 und 132 bis 135 nach Christus, die der damaligen Supermacht Rom als Kriegsgefangene in die Hände gefallen waren.

Von perfider Perfektion war die Gestaltung der Anlage, besonders in Anbetracht der beschränkten technischen Mittel, die zur Verfügung standen: Die Zwangsarbeiter lebten unter der Illusion dauernder Überwachung. "Die Sklaven fühlten sich einer ständigen Bedrohung ausgesetzt", sagt Yuval Yekutieli, Archäologe an der Ben Gurion University im südisraelischen Beer-Sheva, zu SPIEGEL ONLINE.

In detektivischer Feinarbeit hat der Forscher das Lager untersucht und konnte so die Mechanismen der Macht rekonstruieren. Seine Ergebnisse wurden jetzt im "Journal of Mediterranean Archaeology" publiziert: Die römischen Herren nutzten effizient das Gelände aus, um die Geknechteten in Schach zu halten. Der Titel des Fachaufsatzes lautet "Is somebody watching you?" - wirst Du beobachtet?

Der Hügel über dem Steinbruch weist am Hang eine merkwürdige natürliche Struktur auf, eine Art Graben, der zur Verwendung als Wachgang förmlich einlädt. Ein Felsspalt im Außenwall dieses Korridors bietet einen vollkommenen Überblick über den Steinbruch und das angrenzende Sklavenlager. Wer diese Stelle als Aussichtspunkt nutzt, kann von unten nicht bemerkt werden. Archäologe Yekutieli spricht von "psychologischem Terror". Ein Foto aus der Perspektive des Sklavenlagers beweist das: Die Gefangenen hatten stets die Felsspalte im Blick. Ob sich dahinter ein Bewacher verbarg oder nicht, konnten sie indes nicht erkennen.

Die Idee, den unsichtbaren Blick als Mittel zur Kontrolle größerer Menschenmengen einzusetzen, schreiben Historiker dem englischen Sozialphilosophen Jeremy Bentham (1748-1832) zu. Er war besessen vom Traum zur Errichtung eines "Panopticon". In diesem idealen Gefängnis sollten sich die Probleme des Strafvollzugs einzig durch ausgeklügelte Architektur lösen. Bentham ersann ein kreisrundes, mehrstöckiges Gebäude mit einem zentralen Beobachtungsturm im Inneren und ringförmig darum angeordneten Zellen - für die Bewacher offen einsehbar.

Totale Kontrolle Jahrhunderte vor dem idealen Gefängnis

Die Möglichkeit einer ständigen Beaufsichtigung sollte eine rasche und dauerhafte Disziplinierung der Insassen bewirken. Dieses Prinzip wollte Bentham nicht nur in Haftanstalten anwenden, sondern auch in Kranken- und Irrenhäusern, Schulen und Manufakturen. Doch dazu kam es nie. Und dass andere schon viele Jahrhunderte zuvor die Macht des unsichtbaren Blicks erkannt und genutzt hatten, ahnte Bentham erst recht nicht.

Der Heidelberger Archäologe Reinhard Stupperich kann die Beobachtungen seines israelischen Kollegen gut nachvollziehen. "Die Römer bauten auch oft Landvillen, die über Axialsymmetrien konstruiert waren. Das diente zum einen der repräsentativen Wirkung nach außen auf den fremden Betrachter, zum anderen aber auch der Beobachtung vom Zentrum nach außen", sagte der Altertumforscher zu SPIEGEL ONLINE.

Die Gestaltung des römischen Steinbruchs am Toten Meer zeigt auch das zweite wichtige Merkmal totaler Überwachung: Die Männer übernachteten auf Einzelschlafplätzen, länglichen, von Steinen freigeräumten Bodenflächen, zum Teil dürftig von Felsblöcken geschützt. Vor allem aber waren diese Nachtlager so angeordnet, dass die Häftlinge kaum (Sicht-)Kontakt zu ihren Mitgefangenen hatten, dafür aber freien Blick nach oben - wo ständig der Blick eines Wächters lauern konnte. Laut Bentham werden solcherart bewachte Sträflinge zu "einsamen und isolierten Individuen". "Eine Verschwörung fand deshalb nicht statt", sagt Yuval Yekutieli.

Das römische Wachpersonal lebte selbstverständlich von den Sklaven getrennt. Oben am Hang hat Yekutieli ihre Feuerstelle ausgegraben. Dort schliefen die Römer wohl auf Pritschen in Zelten. Dank der günstigen Position mussten die Soldaten ihren Beobachtungsposten und ihr Lager kaum verlassen. Und falls einer von ihnen doch einmal hinunter zu den Sklaven ging, war er vor möglichen Übergriffen geschützt. "Der allsehende Blick kann eben auch Sicherheit vermitteln, je nachdem, wer davon betroffen ist", sagt der Archäologe. Die wichtigste Wirkung der Kontrolle war allerdings eine psychologische. Yekutieli ist überzeugt: Das panoptische Prinzip hat den Bewachern Macht über den Geist ihrer Gefangenen verschafft.

Big Brother lange vor Orwell und Foucault

Vollkommene Macht muss den Willen der Beherrschten manipulieren können, wie George Orwell in seinem berühmtesten Werk "1984" beklemmend dargestellt hat. Archäologe Yekutieli beruft sich in seiner Arbeit auf Michel Foucault. Der französische Historiker und Philosoph, Vordenker der Kontrolle des Menschen durch Staat und Gesellschaft, schenkte dem Panopticon große Aufmerksamkeit.

In seinem Buch "Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses" von 1975 beschreibt er die Wirkung des "architektonischen Apparats": "Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in dem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung." Mit anderen Worten: der Gefangene beaufsichtigt sich selbst. Im Bewusstsein der ständigen Bedrohung von außen kontrolliert er laufend sein eigenes Verhalten - und passt sogar sein Denken an.

Eine Wirkung, die Kritikern zufolge auch von modernen Video-Überwachungssystemen im öffentlichen Raum ausgehen könnte. Die finnische Sozialgeografin Hille Koskela bezeichnet moderne Städte sogar als "urbane Panoptica". Orwells "Großer Bruder" ist zum Archetypen für solche Szenarien geworden. Doch die Archäologie zeigt, dass diese Ideen nicht erst 1984 oder 1948 geboren wurden. "Big Brother" ist viel älter.

Die Römer scheinen nicht einmal die ersten gewesen zu sein, die Bentham zuvorgekommen sind. Etwa einen Kilometer vom Steinbruch entfernt fand Yekutieli am Rande eines uralten Handelswegs Überreste eines Lagerplatzes und einer kleinen Festungsanlage, die ebenfalls aussehen, als seien sie nach dem panoptischen Prinzip gestaltet worden. Mit Keramikscherben konnte der Archäologe die Anlage auf die frühe Bronzezeit (3000 bis 2400 vor Christus) datieren.



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