Toter Weltkriegs-Pilot Auferstehung aus dem Acker

Er war Bomberpilot, wurde von den Deutschen über Holland abgeschossen: Mehr wusste John Edward Kehoes' Familie nicht, als sie sich vor sechs Jahrzehnten auf die Suche nach seiner Leiche machte. Erst jetzt haben Archäologen die Überreste aus einem Acker geborgen. Die Geschichte einer unglaublichen Suche.

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"Wenigstens ist er aus dem Kartoffelacker raus", sagt Margaret Walsh-Kehoe. Unter dem Feld, in vier Metern Tiefe, lag ihr Bruder John - 66 Jahre lang. An einem grauen Novembertag 1941 bohrte sich sein Bomber vom Typ Handley Page Hampden, getroffen von der deutschen Flugabwehr, mit der Nase voran in den weichen Lehmboden Nordhollands. In Frieden hat er dort nie geruht; raus sollte er, nach Hause. Noch auf dem Sterbebett musste Margaret ihrer Mutter versprechen, alles zu tun, um Johns Gebeine zu holen. "Erfüll' mir einen letzten Wunsch", bat sie ihre Tochter. "Hol' ihn aus dem Acker raus, damit wir ihn endlich da begraben können, wo sein Name auf dem Grabstein steht."

Der Stein steht im irischen Tullamore. Doch dorthin werden es die Knochen von Sergeant John Edward Kehoe wohl nie schaffen. Wenigstens liegt er nun – nach drei Jahren des Suchens und Hoffens, einem zermürbenden Papierkrieg und Kosten von rund einer Million Euro – nicht mehr unter holländischen Kartoffeln: Archäologen haben das Wrack des Bombers und die Knochen geborgen.

Dass der letzte Wunsch einer sterbenden Irin solche Folgen haben könnte, hatte eigentlich niemand erwartet. Denn die Genfer Abkommen sagen explizit, was im Todesfall eines gegnerischen Soldaten zu tun ist: Der Leichnam soll entsprechend den Riten der Religion des Verstorbenen bestattet werden. Spätestens nach Beendigung der Kämpfe sollen die Kriegsparteien die Listen der gegnerischen Gefallenen austauschen und den Verbleib der sterblichen Überreste benennen. Doch das war im Fall von John Kehoe alles andere als einfach.

Tod auf einem holländischen Acker

Als der Bomber mit der Seriennummer P1206 am 8. November 1941 auf dem Acker bei Berkhout etwa 50 Kilometer nördlich von Amsterdam zerschellt, werden der Pilot Chris Saunders und der Navigator James d'Arcy herausgeschleudert. Bauern aus der Umgebung bergen ihre Leichen und begraben sie auf dem Friedhof von Bergen. Kehoe und sein Kamerad Stanley Mullenger aber bleiben in dem Wrack. Nur Kehoes Erkennungsmarke wird geborgen. Sie ist so zerbeult, dass der Finder nur noch "JEK Shoe" lesen kann. Unter diesem Namen wird Kehoe zunächst aktenkundig. Da man aber keinen dazu passenden Soldaten finden kann, erhält die Familie auch keine Nachricht über den Verbleib ihres Sohnes.

Erst Jahre später endet die Ungewissheit. Zu dem Zeitpunkt sind bereits Kartoffeln über die Sache gewachsen - und dieser Gedanke lässt Johns Mutter keine Ruhe. Sie will ihren Sohn bei sich haben. Wenn schon nicht im Leben, dann wenigstens im Tod.

Also beginnt ihre Tochter Margaret mit der Suche. Sie wendet sich an die niederländische Organistaion Dare (Dutch Airwar Research & Excavation), die vermisste Flugzeuge sucht und ausgräbt. Der richtige Acker ist bald gefunden. An der Absturzstelle haben die Besitzer, Dick und Luc Schilder, ein einfaches Holzkreuz aufgestellt. Aber derartige Stätten gelten in den Niederlanden als Feldgrab und sollen zum Frieden der Toten unberührt bleiben. So zumindest sieht es Leonie Sipkes, die Bürgermeisterin von Wester-Koggenland - denn in dem Wrack liegt ja nicht nur Kehoe, sondern auch Mullenger. Ein Aushub komme nicht in Frage.

Es sei denn, der Familie von John Kehoe gelingt es, Angehörige von Mullenger zu finden und sie von der Ausgrabung zu überzeugen. Auf Annoncen in Zeitungen meldet sich ein Neffe Mullengers. Der steht noch in Kontakt zu zehn weiteren Nachfahren. Alle werden gefragt, keiner hat etwas gegen die Ausgrabung.

Tücken von Technik und Bürokratie

Doch erst danach begannen die technischen Schwierigkeiten. Denn mit einem einfachen Loch im Boden ist es nicht getan, argumentierte die Verwaltung von Wester-Koggenland. Zum einen könnten bei einer Ausgrabung Umweltschäden entstehen. Überhaupt müsse eine Spezialfirma den Aushub vornehmen, weil sich an Bord scharfe Munition befunden hätte. Und wenn man schon einmal dabei sei, müsse man bei der Gelegenheit auch noch zwei weitere Stätten in der Gemeinde untersuchen, an denen noch Weltkriegsmunition liege.

Über Diskussionen, Kostenvoranschläge, Landbegehungen und Anträge zogen die Monate ins Land. Einige der Bewohner von Wester-Koggenland schlossen sich zwischenzeitlich zur Wester-Koggenland Dankbaar -Stiftung zusammen, die eifrig Spenden für die Rückführung John Kehoes sammelte.

Dann, im Juni 2006, meldete sich plötzlich noch jemand, der großes Interesse an einer Ausgrabung und Rückführung von John Kehoe hatte. Seine damalige Verlobte, Mary Irving-Wrighton. Sie hatte in der Zeitung von den Bemühungen Margarets um ihren toten Bruder gelesen.



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