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Transgene Tiere: Leucht-Äffchen gebären Leucht-Nachwuchs

In einem umstrittenen Experiment haben Forscher erstmals genetisch veränderte Affen geschaffen, die sich samt ihrem neuen Erbgut fortpflanzen können. Die Wissenschaftler wollen so Erkrankungen beim Menschen in Zukunft besser erforschen - und bewegen sich doch in ethischem Grenzgebiet.

London - Für manche sind Kei und Kou ein Schritt zu besseren Laborversuchstieren, um Gegenmittel für bisher unheilbare Krankheiten beim Menschen zu finden. Für manche sind die beiden putzigen Äffchen jedoch eine Vorstufe zum gentechnisch veränderten Menschen.

Transgene Affen Kei (links) und Kou (rechts): Die links und rechts unten eingefügten Bilder zeigen Aufnahmen der Füße der Tiere unter UV-Licht.
AP

Transgene Affen Kei (links) und Kou (rechts): Die links und rechts unten eingefügten Bilder zeigen Aufnahmen der Füße der Tiere unter UV-Licht.

Ein Forscherteam um Erika Sasaki vom Central Institute for Experimental Animals in Kawasaki hat brasilianischen Weißbüscheläffchen zusätzliche Gene eingebaut. Sie lassen die Tiere unter UV-Licht grün fluoreszieren. Es ist das erste Mal, dass Affen fremde Gene in ihr Erbgut aufgenommen und an ihren Nachwuchs weitergegeben haben. Kawasaki und ihre Kollegen berichten über ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Nature" (Bd. 459, S.523).

Die Wissenschaftler hatten über ein Virus ein Gen in Embryonen der Tiere eingeschleust - und zwar das Gen für grün fluoreszierendes Protein (GFP), das ursprünglich in Quallen vorkommt. Es wird in der Genforschung gern als Biomarker eingesetzt, weil es sich durch die Bestrahlung mit ultraviolettem Licht nachweisen lässt.

Gen erfolgreich auf die nächste Primatengeneration vererbt

Die genveränderten Embryonen wurden dann sieben Affenweibchen eingepflanzt. In drei Fällen kam es zu Fehlgeburten, vier weitere Muttertiere gebaren insgesamt fünf Äffchen. Bei zwei von ihnen war GFP auch in das Genmaterial zur Fortpflanzung integriert. Damit konnten die Forscher eine zweite Generation der Leucht-Äffchen erzeugen: Ein entsprechendes Tier wurde geboren.

Das war der entscheidende Unterschied zu einem Versuch aus dem Jahr 2000: Damals war der erste genetisch veränderte Rhesusaffe geboren worden. Das Tier hieß ANDi, nach "inserted DNA" rückwärts buchstabiert und verfügte ebenfalls über das GFP-Gen, es gelangte aber nicht ins Erbgut seiner Keimzellen.

"Das ist der erste bekannte Fall in der Welt, in dem ein eingeschleustes Gen erfolgreich auf die nächste Primatengeneration vererbt wurde", erklärten die Forscher um Sasaki nun. Wenn es gelingen würde, Laboraffen mit menschlichen Krankheiten zu züchten, könnten diese ein neues Modell für die Suche nach Ursachen und Medikamenten werden.

Bis heute werden in der medizinischen Forschung vor allem Mäuse und Ratten eingesetzt, bevor neue Medikamente in klinischen Tests am Menschen erprobt werden. Aber viele Krankheiten, insbesondere neurologische Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson, sind zu komplex, um sie an Nagern sinnvoll zu testen. Mäuse sind genetisch zu unterschiedlich, die nah mit dem Menschen verwandten Affen könnten als Versuchstiere deshalb neue Perspektiven eröffnen. Transgene Exemplare, bei denen einzelne menschliche Gene in das Erbgut eingeschleust wurden, ermöglichen Wissenschaftlern, die Funktion dieser Gene in einem lebenden Organismus zu studieren - und nicht nur im Reagenzglas.

Doch der Versuch ist ethisch bedenklich: In einem Kommentar, den "Nature" parallel zu den Forschungsergebnissen veröffentlicht, bezeichnen Gerald Schatten von der University of Pittsburgh und Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Health and Sciences University in Portland die Ergebnisse als einen Meilenstein in der Primatenforschung.

Schatten war entscheidend am Experiment mit dem Genaffen ANDi kurz nach der Jahrtausendwende beteiligt. Nun verweist er darauf, dass sich mit den transgenen Krallenäffchen Krankheiten wie Aids oder Tuberkulose kaum erforschen ließen. Dazu seien eher Paviane oder - wie einst von ihm eingesetzt - Rhesusaffen nötig. Schatten und Mitalipov verwiesen auch auf erwartete Widerstände gegen die Veränderungen in der Bevölkerung. Nötig sei deshalb "eine realistische Politik", um gentechnisch veränderte Babys beim Menschen auszuschließen.

chs/AFP/ddp/dpa

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