Transplantation Chirurg plant Gebärmutter-Verpflanzung

Ein US-Mediziner bereitet die Transplantation eines Uterus für Frauen vor, die ihre Gebärmutter durch einen Tumor verloren haben. Kritiker sprechen von einem Menschenversuch - denn noch fehlen erfolgreiche Experimente an Affen.

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Oft klingen Ideen von Medizinern wie Hirngespinste: Das war 1967 so, als Christiaan Barnard erstmals einem Menschen ein fremdes Herz einpflanzte. Das schien 2005 für viele so, als Isabelle Dinoire in Frankreich Teile des Gesichts einer Fremden transplantiert bekam. Und heute reagiert die Forschergemeinschaft skeptisch, wenn Chirurgen davon sprechen, eine Gebärmutter verpflanzen zu wollen.

Transplantation: Eine Gebärmutter zu verpflanzen ist noch weit entfernt von einer "vorstellbaren Realität"
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Transplantation: Eine Gebärmutter zu verpflanzen ist noch weit entfernt von einer "vorstellbaren Realität"

Guiseppe Del Priore lässt sich davon nicht abschrecken. Er würde gern zu jenen umstrittenen Visionären zählen, die den Menschen helfen. In seinem Fall wären es junge Frauen, die keine Kinder bekommen können, weil ihnen nach einem Tumor der Uterus entfernt werden musste. "Wir ermuntern die Frauen zur Adoption oder raten ihnen, ein Kind in Pflege zu nehmen. Trotzdem bleiben viele übrig, die eine andere Lösung brauchen", sagte der Leiter der klinischen Forschung am New York Downtown Hospital im November 2006 der Zeitung "New York Daily News". Damals erteilte ihm der Prüfungsausschuss seiner Klinik die Erlaubnis für die Gebärmutter-Transplantation.

Ein Affe starb nach der Transplantation

Doch diesem Vorhaben fehlt die entscheidende Voraussetzung, meinen Del Priores Kritiker: Der erfolgreiche Tierversuch. Und das unterscheidet den Mediziner deutlich von Koryphäen wie Christiaan Barnard. Im Herbst 2006 hatte Del Priore gemeinsam mit Kollegen vom Primatenzentrum der University of Pittsburgh einem Rhesusaffen-Weibchen eine neue Gebärmutter eingepflanzt. 20 Stunden lang ging alles gut: Die Blutversorgung klappte, das Immunsystem akzeptierte das fremde Organ. Dann starb das Tier. Gegenüber dem Schweizer "Tagesanzeiger" räumte Del Priore damals ein, die Medikamente seien zu hoch dosiert gewesen. "Dieses Experiment war aber als Kurzversuch geplant", verteidigte sich der Arzt.

Von dem Fehlschlag lässt sich Del Priore dennoch nicht beirren und berichtet jetzt sogar über die ersten Voruntersuchungen am Menschen. In der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Obstetrics and Gynecology" stellt er die Ergebnisse der Gebärmutter-Entnahme bei neun hirntoten Frauen vor. Bei acht von ihnen sei die Entnahme der Organe problemlos verlaufen. Im Anschluss daran entnahm ein Forscherteam alle 15 bis 30 Minuten Gewebeproben und konnte dabei keine Anzeichen für beginnendes Absterben erkennen. Del Priore schließt in der Fachzeitschrift daraus: "Die menschliche Gebärmutter kann wie andere Organe von lokalen Spendernetzwerken übernommen werden."

Mit einer tatsächlichen Transplantation war allerdings allein eine andere Forschergruppe im Tierversuch erfolgreich: 2003 gelang es einem Team um den Schweden Mats Brännström von der Sahlgrenska Universität in Göteborg, einer Maus einen fremden Uterus zu implantieren. Das Tier wurde sogar schwanger und trug gesunde Nachkommen aus. Jetzt will Brännström sein Verfahren an Schafen und Pavianen erproben. "Erst wenn solche Versuche an einer Serie von Primaten durchgeführt worden sind, sind sie sicher genug, um es auch am Menschen zu probieren", sagte er dem "Tagesanzeiger".

Auch Gynäkologen und Transplantationsexperten sind heute skeptisch, ob ein transplantiertes Organ, wenn es überhaupt vom Körper akzeptiert wird, der extremen Belastung einer Schwangerschaft und Geburt gewachsen ist. "Das Ganze ist weit entfernt von der ethischen Umsetzbarkeit und einer vorstellbaren Realität", kommentiert Christoph Broelsch, Direktor der Klinik für Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum Essen das Vorhaben. Zwar hält er es generell für möglich, eine Gebärmutter zu transplantieren. "Gefäßversorgung und Hemmung des Immunsystems funktionieren ähnlich wie bei einer Niere, einer Leber oder einem Herzen", sagt Broelsch zu SPIEGEL ONLINE. "Doch wie geht es dann weiter?"

Eine "Kolibri-Transplantation"

Die erste und bislang einzige Gebärmuttterverpflanzung bei einem Menschen schreckt ob ihres Ausgangs eher ab: Transplantationsmediziner vom King Fahad Hospital and Research Center im saudi-arabischen Jeddah hatten schon im Jahr 2000 einer 26-Jährigen die Gebärmutter einer 46-jährigen Spenderin implantiert. Der jungen Frau war sechs Jahre zuvor der Uterus nach einer unstillbaren Blutung entnommen worden. Nach der Transplantation nahm ihr Körper das fremde Organ zunächst gut an und entwickelte nach einer Hormontherapie sogar monatliche Blutungen. Nach 99 Tagen war plötzlich alles vorbei: Eine Thrombose verstopfte die Gefäße, das transplantierte Organ starb ab und musste sofort entfernt werden.

Transplantationschirurg Broelsch fragt neben seiner ethischen Skepsis aufgrund der fehlenden Tierversuche zudem danach, wie groß der Bedarf für eine solche Operation überhaupt sei. Er meint: "Das wäre sicherlich ein Kolibri-Transplantat."

In Frage kämen nach Schätzung von Klaus Diedrich, Direktor der Frauenklinik an der Universität Lübeck, hingegen immerhin mehr als 1000 Frauen pro Jahr allein in Deutschland: Das ist die Zahl jener Frauen im gebärfähigen Alter mit Kinderwunsch, denen die Gebärmutter aufgrund eines bösartigen Tumors oder einer gutartigen Geschwulst entfernt werden musste. "Bedarf gäbe es also im kleinen Rahmen schon", sagt Diedrich, "und Medikamente, die das Immunsystem hemmen, widersprechen auch nicht einer Schwangerschaft."

Auch ist es seiner Meinung nach möglich, ein fremdes Organ in den Hormonkreislauf einzubinden. Doch nur, wenn die Eierstöcke der Frau noch funktionsfähig sind und die Transplantation eine erfolgreiche Anbindung an die Eileiter der eingepflanzten Gebärmutter schafft, könnte es zu einer Befruchtung kommen. Diedrich: "Das sind ziemlich viele Voraussetzungen für eine Schwangerschaft, die erstmal erfüllt werden müssen. Es wäre sicherlich eine komplikationsreiche Schwangerschaft."

Auch Rolf Kreienberg, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universitätsklinik Ulm, ist misstrauisch. "Mit solchen Experimenten darf man Frauen keine falschen Hoffnungen machen", sagte er zu SPIEGEL ONLINE. "Selbst wenn sich eine befruchtete Eizelle einnistet, müsste das verpflanzte Organ ja den extremen Belastungen einer Schwangerschaft und einer Geburt standhalten. Ob das funktioniert, müsste man ganz dringend erst im Tierversuch beweisen, um junge Frauen nicht unnötig zu gefährden."

Giuseppe Del Priore ist durch die kritischen Kommentare seiner Kollegen mittlerweile vorsichtig geworden, wenn es darum geht, seine Forschung der Öffentlichkeit zu präsentieren. Noch im November 2006 hatte er dem britischen Wissenschaftsmagazin "New Scientist" vollmundig erklärt: "Wenn morgen jemand zu mir käme und nach einem Uterus-Transplantat fragen würde, wäre ich optimistisch, erfolgreich zu sein." Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE hingegen antwortete die Pressesprecherin des Downtown New York Hospitals: "Aufgrund der komplexen und möglicherweise kontroversen Natur dieser Forschung sind wir besonders vorsichtig, der Öffentlichkeit jeden einzelnen Schritt mitzuteilen. Dr. Del Priore gibt deshalb jetzt keine Interviews."



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