Transplantationen Experte fordert freien Organhandel

Eine völlige Legalisierung des Organhandels verlangt der Bayreuther Gesundheitsökonom Peter Oberender. Damit will der Professor den Mangel an Spenderorganen bekämpfen und gleichzeitig die Situation der Spender aus ärmeren Ländern verbessern.


Lebertransplantation: "Nachfrage regelt den Organpreis"
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Lebertransplantation: "Nachfrage regelt den Organpreis"

Peter Oberender weiß, dass heutzutage ein schwunghafter Handel mit menschlichen Organen betrieben wird - trotz bestehender Verbote in Deutschland. Vor allem ärmere Menschen aus der dritten Welt legen sich unters Messer, um eine größere Summe zu kassieren, die kranke, aber reiche Bürger gern bezahlen. Trotz dieses "Gesundheitsimperialismus" fordert Oberender eine völlige Freigabe des Organhandels.

"Jeder Mensch soll aus freien Erwägungen entscheiden, ob die Vorteile eines Organkaufs oder -verkaufs für ihn in einem opportunen Verhältnis zu den möglichen Nachteilen stehen", sagte der Bayreuther Volkwirtschaftsprofessor im Interview mit "Focus Money".

Ethische Bedenken gegen sein Modell weist Oberender zurück: Mit Organen werde ohnehin gehandelt, nur gegenwärtig zu menschenunwürdigen Bedingungen. In Indien ist eine Niere nach seinen Angaben für 1500 Euro zu haben. Allerdings stürben 60 Prozent der Spender nach der Organentnahme wegen der schlechten oder ganz fehlenden Nachsorge.

"Natürlich wird es sich nicht vermeiden lassen, dass Organe oft aus ärmeren Ländern stammen, wo Menschen durch ihre Lebensumstände eher bereit sind, zur Lösung ihrer existenziellen Probleme ein Organ zu verkaufen, als in reichen Industrieländern", sagte der Wissenschaftler. Dies sei kein ethisches Optimum, aber "eine deutliche Verbesserung im Vergleich zum Status quo".

Oberenders Position ist umstritten. In einem SPIEGEL-ONLINE-Essay sprachen sich der Bio-Ethiker Christian Illies und der Medizinprofessor Franz Weber entschieden gegen freien Organhandel aus und plädierten stattdessen für ein so genanntes "Wechselseitigkeitsmodell": Wer sich zu Lebzeiten als Organspender meldet, bekommt einen Bonus, der ihn auf der Warteliste für Transplantationen nach oben klettern lässt, sollte er eines Tages selbst eine Organspende brauchen.

Der Bayreuther Ökonom Oberender glaubt jedoch, dass durch einen geregelten Organmarkt eine Win-Win-Situation entsteht: Organe würden nur noch zu einem fairen Preis und mit der entsprechenden medizinischen Absicherung für den Spender verkauft. Dies würde nicht nur den Spendern helfen, sondern auch den Tod von allein 3000 Menschen pro Jahr in Deutschland verhindern, die stürben, weil kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung stünde. Derzeit warten in Deutschland rund 12.000 Patienten dringend auf ein neues Organ.

Der Volkswirtschaftler verlangte außerdem volle Transparenz in Bezug auf Preis und Qualität der Organe. Wer sein Organ verkaufen wolle, müsse, ähnlich wie heute ein Blutspender, bestimmte Eignungstests durchlaufen. Die Kosten dafür müssten auf den Preis für das Organ aufgeschlagen werden.

Der Organhandel soll nach Oberenders Vorstellungen im Internet stattfinden und den Charakter einer Auktion erhalten. "Wenn etwa ein Organ angeboten wird, das für mehrere Empfänger in Frage kommt, muss natürlich auch der Staat oder die betreffende Krankenkasse mitbieten, um sozial schwächere Patienten an der Versorgung teilhaben zu lassen", so Oberender.

Am freien Handel mit Organen wie Nieren würde sich der Gesundheitsökonom allerdings höchstens als Käufer beteiligen. "Meine Nieren sind gegenwärtig unverkäuflich. Das Risiko ist mir zu hoch."



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