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Transrapid: Desaster für "sicherstes Verkehrssystem der Welt"

Von und Stefan Schmitt

Das Unglück auf der Teststrecke im Emsland ist ein herber Rückschlag für den Transrapid. Die Herstellerfirmen hatten die Magnetschwebebahn als sicherstes Verkehrssystem der Welt angepriesen - bei dem Zusammenstöße ausgeschlossen sind.

Der Transrapidhersteller hatte Dutzende Verkaufsargumente für seine Magnetschwebebahn: die "erste grundlegende Innovation in der Bahntechnik" seit dem Bau der ersten Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth, ein berührungsfreies elektromagnetisches Antriebssystem, verschleißfreie Elektronik statt Mechanik. Der Transrapid - eine der größten Erfindungen, die deutsche Ingenieure je hervorgebracht haben - so lautete die Botschaft.

Besonderen Wert legte das Konsortium von Siemens und Thyssen-Krupp auf die hohe Sicherheit der Bahn: "Trotz der hohen Geschwindigkeit sind die Passagiere im Transrapid sicherer als in jedem anderen Verkehrssystem", heißt es auf der Firmen-Webseite. Weil das Fahrzeug den Fahrweg umgreife, könne es nicht aus der Spur geraten. Da der Antrieb im Fahrweg liege, sei "ein Zusammenstoß mit anderen Transrapid-Fahrzeugen ausgeschlossen". Durch die Streckenführung könne nichts seinen Weg kreuzen. Perfekte Sicherheit, also.

Die Aussagen zur Sicherheitstechnik der Magnetbahn stimmen sogar weiterhin - auch nach dem heutigen tragischen Unglück. Aber trotzdem kam es zu einer folgenschweren Kollision. Mit Tempo 200 raste ein Transrapid in einen Gerätewagen, der sich auf der Teststrecke befand.

"Keine Bedenken" gegen den Betrieb

Es war Hightech gegen Lowtech: Die Betreiber der Teststrecke beteuern ebenso wie Kenner der Transrapid-Technik, dass offenbar nicht die Technik, sondern der Mensch versagt habe. Dass sich am Morgen auf der Trasse im Emsland ein gewöhnlicher Werkstattwagen befand, ist ein tragischer Fehler. Gleichzeitig zeigt sie eine Lücke, die in der feinen Überwachungstechnik des Zugs klafft.

"Es ist mir absolut unerklärlich, wie ein Wartungsfahrzeug und ein Transrapid gleichzeitig auf der Strecke sein können", sagte Herbert Jansen, Geschäftsführer der Kölner TÜV InterTraffic GmbH, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der TÜV-Ableger überwacht seit 1980 gemeinsam mit dem TÜV Nord die Sicherheit der Versuchanlage - bislang ohne große Beanstandungen.

So kamen zwei seiner Mitarbeiter in zwei Gutachten Anfang 2005 zu dem Schluss, dass die vorgenommenen Umbauten an der Strecke "nicht die Sicherheit des Versuchs- und Demonstrationsbetriebs" gefährden. Auch gegen die Durchführung des Automatikbetriebs bestünden keine Bedenken. Nach einer Umrüstung ist der Transrapid auch fahrerlos auf der Strecke unterwegs.

TÜV-Experte Jansen kann sich den Unfallhergang bislang nicht erklären: "In der Bahntechnik ist es grundsätzlich so, dass ein Streckenabschnitt gesperrt sein muss, wenn sich darin ein Fahrzeug befindet." In der Tat werden Streckenabschnitte bei der DB AG erst dann für einen Zug zur Einfahrt freigegeben, wenn sich kein anderes Fahrzeug mehr darin befindet.

Nach derzeitigem Erkenntnisstand habe der Unfall keinen technischen Hintergrund, sagte Rudolf Schwarz, Geschäftsführer der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft (IABG), die die Teststrecke betreibt. "Wir sind tief betroffen über diesen Vorfall und werden schnellstmöglich die genauen Hintergründe klären."

Helmut Holzapfel, Verkehrswissenschaftler aus Kassel, wo der Transrapid auch hergestellt wir, sagte, der Transrapid sei grundsätzlich ein sicheres Verkehrsmittel. "Das Problem ist aber die hohe Geschwindigkeit. Wenn der Zug mit Tempo 500 auf ein Hindernis prallt, ist das wie eine Kanonenkugel", sagte Holzapfel. Bei diesen Geschwindigkeiten sei es auch kaum möglich, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Am Vormittag hatte eine Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern genügt, um Menschenleben zu fordern und großen Schaden anzurichten.

Sicher reisen wie im Flugzeug - Gefahr durch Hindernisse

Holzapfel gehörte in den neunziger Jahren einer Expertengruppe an, die sich mit möglichen Gefahren für die damals geplante Transrapid-Strecke zwischen Hamburg nach Berlin befasste. Grundsätzlich werde unter Wissenschaftlern darüber diskutiert, wie anfällig das Transrapid-Konzept für Anschläge sei. "Der Zug ist mit hoher Geschwindigkeit auf einer hochgestellten Fahrbahn unterwegs. Wer es schafft, dort ein Hindernis aufzubauen, kann eine Tragödie verursachen", sagte Holzapfel. Das sei allerdings eine Gefahr, die für fast alle Verkehrssysteme gelte.

Der Grund für die heutige Katastrophe ist dagegen viel trivialer: Ein gewöhnlicher Wartungswagen, der selbst kein Magnetschwebezug war, versperrte die Strecke. Das sei eine Gefahr, die niemals ausgeschlossen werden könne, sagte Holzapfel. "Allerdings muss man sich auch deutlich machen, dass dieser Unfall der erste in dem jahrzehntelangem Testbetrieb ist", sagte der Wissenschaftler.

Zumindest Zusammenstöße zweier Transrapidzüge sind durch die Antriebstechnik ausgeschlossen. "Das Magnetfeld bewegt sich immer nur in eine Richtung", sagte ein Siemens-Unternehmenssprecher SPIEGEL ONLINE. "Zwei Bahnen können auf einer Spur also schon technisch gesehen nie aufeinander zufahren, und es ist auch nicht möglich, dass eine fahrende Bahn auf eine stehende trifft." Anders sei dies, wenn ein herkömmliches Fahrzeug auf dem Fahrweg stehe. "Ein solcher Wagen ist von dem Magnetfeld völlig unbeeinflusst."

Aus einer Einschätzung des TÜV Rheinland vom Herbst vergangenen Jahres - also nachdem der Transrapid die Genehmigung für den führerlosen Betrieb erhalten hatte - geht hervor: Im Vergleich der sogenannten Risikogrenzwerte schneidet der Transrapid tatsächlich besser ab, als der gewöhnliche Eisenbahnverkehr.

Der abstrakte mathematische Wert mit dem gegenständlichen Namen "Todesrate" bezeichnet das Risiko eines tödlichen Unfalls pro Passagier und Reisestunde. Die Magnetschwebetechnik stuften die Autoren hier mit demselben niedrigen Wert (10-9) ein, wie ihn die Joint Aviation Authorities für den "loss of aircraft"-Fall in der zivilen Luftfahrt als Obergrenze fordern - für die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes.

mit dpa, AP

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Transrapid-Unglück: Tod auf der Teststrecke
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Transrapid: Die Technik der Magnetschwebebahn


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