Traum vom ewigen Leben: Wie wir den Tod austricksen können

Nur eines ist im Leben wirklich sicher: nämlich, dass wir sterben. Warum aber überlisten wir den Tod nicht einfach?, fragt der Physiker Marcelo Gleiser. Ginge es nach ihm, wird der technologische Fortschritt dies in Zukunft ermöglichen - zum Beispiel durch das Klonen.

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Senioren: Die durchschnittliche Lebensspanne könnte auf 125 Jahre steigen

Es gibt für uns keine grundsätzlichere Frage als die nach unserer Sterblichkeit. Wir sterben, und das wissen wir. Es ist eine furchterregende, unerbittliche Wahrheit, eine der wenigen absoluten Wahrheiten, auf die wir uns verlassen können. Andere nennenswerte absolute Wahrheiten sind eher mathematischer Natur, wie etwa 2+2=4. Nichts entsetzte den französischen Philosophen und Mathematiker Blaise Pascal mehr als "die Stille der unendlichen Weiten", das Nichts, das das Ende der Zeit umgibt, und unsere Unkenntnis dessen.

Denn der Tod ist das Ende der Zeit, das Ende des Erlebens. Selbst wenn man religiös ist und an ein Leben nach dem Tod glaubt, sehen die Dinge dann auf jeden Fall anders aus: Entweder existiert man in einem zeitlosen Paradies (bzw. in einer Hölle), oder als wiedergeborene Seele. Wenn man nicht religiös ist, stellt der Tod das Ende des Bewusstseins dar. Und mit dem Bewusstsein heißt es auch das Aus für den Genuss schmackhafter Gerichte, die Lektüre eines guten Buches, die Betrachtung eines hübschen Sonnenuntergangs, die Freude am Sex, die Liebe zu einem anderen Menschen. So oder so: Es ist ziemlich trostlos.

Wir existieren nur so lange, wie sich Menschen an uns erinnern. Ich denke an meine Urgroßeltern in der Ukraine im 19. Jahrhundert. Wer waren sie? Es gibt von ihnen keine Schriftstücke, keine Fotos, nichts. Übriggeblieben sind nur ihre Gene, verdünnt, in der heutigen Generation.

Wir müssen essen, um zu leben - aber essen tötet uns langsam

Was ist zu tun? Wir verbreiten unsere Gene, schreiben Bücher und Aufsätze, beweisen Theoreme, erfinden Familienrezepte, schaffen Gedichte und Symphonien, malen und bildhauern - alles um irgendeine Art von Dauerhaftigkeit zu erzeugen, irgendetwas, was der Vergessenheit trotzen kann. Kann die moderne Wissenschaft es besser machen? Können wir uns eine Zukunft vorstellen, in der wir die Sterblichkeit kontrollieren? Ich weiß, es ist viel zu optimistisch von mir, über diese Möglichkeit nachzudenken, aber die Versuchung darüber zu spekulieren ist viel zu groß, als dass ich es unterlassen könnte. Vielleicht werde ich 101 Jahre alt, wie Irving Berlin, und habe immer noch die Hälfte meines Lebens vor mir.

Mir fallen zwei Möglichkeiten ein, wie sich die Sterblichkeit zähmen ließe. Einmal auf der Ebene der Zellen. Die andere über die Integration medizinischer, genetischer und kognitiver Wissenschaften mit Cybertechnologien. Bestimmt gibt es noch andere. Aber zunächst möchte ich klarstellen, dass - zumindest laut dem derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand - die Sterblichkeit niemals vollkommen ausradiert werden kann. Von Spekulationen einmal abgesehen, verbietet die moderne Physik Zeitreisen in der Vergangenheit. Wir können leider nicht einfach in eine Zeitmaschine hüpfen und unsere Jugend immer und immer wieder durchleben (was ehrlich gesagt auch ziemlich schrecklich klingt).

Kausalität ist eine unversöhnliche Herrin. Außerdem kann man dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht entkommen, es sei denn man ist ein Vampir (und es hat Zeiten gegeben, da ich mir wünschte, einer zu sein) und somit nicht an die Gesetze der Physik gebunden. Selbst ein offenes System wie der menschliche Körper, der in der Lage ist, mit der Umwelt zu interagieren und Nährstoffe und Energie daraus aufzunehmen, wird allmählich verfallen. Im Laufe der Zeit verbrennen wir zu viel Sauerstoff. Wir leben und wir rosten.

Darin liegt der grausame Kompromiss des Lebens: Wir müssen essen, um am Leben zu bleiben. Aber indem wir essen, töten wir uns langsam.

Auf der Ebene der Zellen verhalten sich die Mitochondrien wie kleine Maschinen, die Nahrung in Energie verwandeln. Zellen, die hungern, leben länger. Anscheinend tragen Proteine aus der Familie der Sirtuine zu diesem Vorgang bei, indem sie den Vorgang der normalen Apoptose, dem Selbstzerstörungsprogramm der Zellen, stören.

Die durchschnittliche Lebensspanne könnte auf 125 Jahre steigen

Könnte die richtige Dosis Sirtuin oder eines anderen Mittels gefunden werden, um den Alterungsprozess beim Menschen deutlich zu verlangsamen? Vielleicht in einigen Jahrzehnten... Immer noch auf der Zellebene kann die Wirkung von Genen auch die übliche Zellatmung beeinträchtigen. Eine verminderte Exprimierung des Gens mclk1 kann nachweislich die Alterung bei Mäusen verlangsamen. Ähnliches wurde auch beim Wurm C. Elegans nachgewiesen. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass derselbe molekulare Mechanismus im gesamten Tierreich für die Alterung zuständig ist.

Wir könnten spekulieren, dass zum Beispiel bis zum Jahr 2040 eine Kombination dieser beiden Mechanismen Wissenschaftlern ermöglicht haben wird, die Geheimnisse der Zellalterung zu entschlüsseln. Es ist zwar nicht das Lebenselixier, von dem die Alchemisten träumten, aber die durchschnittliche Lebensspanne könnte möglicherweise auf 125 Jahre oder sogar mehr erhöht werden - ein deutlicher Sprung gegenüber dem derzeitigen amerikanischen Durchschnitt von etwa 75 Jahren. Natürlich würde das für die Sozialversicherung eine ungeheure Belastung darstellen. Aber bis dahin läge das Rentenalter bei etwa hundert Jahren.

Eine zweite Möglichkeit ist gewagter und es wird vermutlich viel schwerer sein, sie in den kommenden 50 Jahren meines Lebens zu verwirklichen. Man verbinde das Klonen von Menschen mit einem Verfahren, alle unsere Erinnerungen in einer riesigen Datenbank zu speichern. Dann übertrage man die entsprechenden Erinnerungen in einem bestimmten Alter auf den Klon. Voilà! Wird dieser Klon Sie sein? Keiner weiß es genau. Sicher ist, dass der Klon ohne Erinnerungen dazu nicht ausreichen wird. Wir sind unsere Erinnerungen.

Wir könnten in eine neue Kopie unseres Selbst ziehen

Um mit derselben Identität weiter zu leben, müssen wir uns immer weiter erinnern. Es sei denn, Sie gefallen sich selbst nicht und möchten die Vergangenheit vergessen. Wir könnten also - sofern ein so gewaltiger technischer Sprung überhaupt möglich wäre - in eine neue Kopie unseres Selbst umziehen, wenn die aktuelle Hülle einmal alt und verrostet wäre. Einige Kollegen schließen darauf Wetten ab, dass solche Technologien noch in diesem Jahrhundert zur Verfügung stehen werden.

Ich bin zwar von Natur aus ein Optimist, aber ich habe ernsthafte Zweifel daran. Ich werde es wahrscheinlich nie wissen und meine Kollegen ebenso wenig. Ohne Frage ist die Kontrolle über den Tod jedoch der ultimative Menschheitstraum, die eine Entwicklung, "die alles andere verändern kann". Die grundlegenden sozialen und ethischen Umwälzungen, die diese mit sich bringen würde, spare ich mir für einen weiteren Aufsatz. In der Zwischenzeit folge ich dem Rat aus Mary Shelleys "Frankenstein". Vielleicht gibt es manche Dinge, auf die wir wahrhaft unvorbereitet sind.

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Forum - Dürfen Forscher im Labor künstliches Leben schaffen?
insgesamt 596 Beiträge
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1.
günter1934 30.12.2009
Zitat von sysopDie Möglichkeiten der Forschung, von Entdeckern zu Schöpfern zu werden, haben sich in den letzten Jahren enorm entwickelt. Auch das Erzeugen von Leben unter Laborbedingungen erscheint möglich. Trotz aller ethischen Vorbehalte - dürfen Wissenschaftler im Labor künstliches Leben erschaffen?
In einem Land dürfen Sie es, werden vielleicht sogar dazu angehalten, in anderern Ländern nicht. Aber wenn es technisch möglich ist, wird es garantiert gemacht. Dauert aber noch.
2.
Kryoniker 30.12.2009
Gegenfrage: Ist Leben, wenn es einmal da ist, überhaupt noch "künstlich"? Ich weiß nicht, inwieweit wir hier über Science fiction reden und ob ich das überhaupt noch einmal miterleben werde, daß da etwas im Labor Zusammengebasteltes "zu zappeln beginnt", aber Wissenschaftler dürfen dergleichen tun, ja. Es würde mit Sicherheit lange ethische Debatten geben; die katholische Kirche, die dem ungeborenen Leben mehr Schutz zukommen läßt als dem geborenen, bekäme noch einmal die Gelegenheit, sich als wichtig und unentbehrlich darzustellen, aber am Ende wird sowieso getan, was möglich ist. Die Vorstellung vom "künstlichen Leben" beflügelt seit jeher die Phantasie der Menschen, und das nicht erst seit "Frankenstein".
3. Ja
Daniel28 30.12.2009
Sie müssen sogar. Nur wenn Leben unter Laborbedingungen geschaffen werden kann, können gute Hypothesen entwickelt werden, wie Leben unter natürlichen Bedingungen entstanden sein könnte. Natürlich kann das kein Beweis sein, aber doch ein Hinweis. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie Leben auf der Erde entstanden ist, sondern auch, wie wahrscheinlich Leben in anderen Teilen des Universums ist.
4.
Daniel28 30.12.2009
Zitat von KryonikerGegenfrage: Ist Leben, wenn es einmal da ist, überhaupt noch "künstlich"?
Wenn es nicht durch "natürliche Auslese" sondern durch "künstliche Auslese" entstanden ist, dann darf das Attribut "künstlich" wohl gebraucht werden. Das hängt davon ab, wie eng man "künstliches Leben" begreifen will. Wenn wir nur natürliche Komponenten neu zusammensetzen also DNA künstlich synthetisieren und in eine geeignete Bakterienhülle mit entsprechenden Zellapparaten einbauen, dürfte das nicht mehr allzu fantastische Zukunftsmusik sein. Wenn man jetzt aber völlig neue biochemische Regelkreise entwickeln wollte, mit z.B. PNA statt DNA, komplett anderen Aminosäuren (oder auch etwas ganz anderes) etc., dann sprechen wir noch von sehr weiter Zukunft. Und wenn es dann noch um "höhere Organismen" also komplexe Mehrzeller geht, dann wird es noch viel schwieriger
5.
Hermes75 30.12.2009
Zitat von KryonikerGegenfrage: Ist Leben, wenn es einmal da ist, überhaupt noch "künstlich"? Ich weiß nicht, inwieweit wir hier über Science fiction reden und ob ich das überhaupt noch einmal miterleben werde, daß da etwas im Labor Zusammengebasteltes "zu zappeln beginnt", aber Wissenschaftler dürfen dergleichen tun, ja. Es würde mit Sicherheit lange ethische Debatten geben; die katholische Kirche, die dem ungeborenen Leben mehr Schutz zukommen läßt als dem geborenen, bekäme noch einmal die Gelegenheit, sich als wichtig und unentbehrlich darzustellen, aber am Ende wird sowieso getan, was möglich ist. Die Vorstellung vom "künstlichen Leben" beflügelt seit jeher die Phantasie der Menschen, und das nicht erst seit "Frankenstein".
In der Tat müsste man heir erstmal klären was unter "künstliches Leben erschaffen" denn wirklich gemeint ist? Zellkulturen anlegen oder am genom von Lebewesen herumzupfuschen ist ja nun nichts mehr neues, aber das hat nichts mit "Leben erschaffen" zu tun. Dass es in absehbarer Zeit gelingt auch nur eine Zelle künstlich zusammenzusetzen und "zum Leben zu erwecken". Wenn die Wissenschaft es aber irgendwann mal kann, warum nicht? Bleibt nur die Frage warum man das tun sollte, wofür das gut ist und welche Risiken davon ausgehen. Die Erfahrung zeigt schließlich, dass es äußerst schwierig sein kann gewisse Organismen wieder loszuwerden, wenn sie einmal da sind.
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Der Autor
Claudia Kamergorodski
Marcelo Gleiser ist Professor für Physik am Dartmouth College im US-Bundesstaat New Hampshire. Er erforscht die Vorgänge im sehr frühen Universum und versucht, die Physik der Elementarteilchen mit der Kosmologie zu vereinen. Gleiser ist Autor des Buches "Das tanzende Universum. Schöpfungsmythen und Urknall".
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