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Traumatische Erlebnisse: Die Kinder des Krieges erinnern sich

Von Hanno Charisius

14 Millionen Senioren in Deutschland haben ihre ersten Lebensjahre in Elend und Angst verbracht. Nach Jahrzehnten kämpfen heute viele von ihnen mit den lang verdrängten Erlebnissen.

Es war im Januar 1991, als die Kinder des Krieges zum ersten Mal zu Gereon Heuft kamen. Der Golfkrieg hatte gerade begonnen, und die Nachrichten zeigten explodierende Bomben in Kuwait und im Irak, tote Soldaten, brennende Panzer. Die Menschen aber, die damals zu Heuft in die Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Essen kamen, erzählten von Bombennächten im Zweiten Weltkrieg, von getöteten Vätern und verstümmelten Körpern. Manche verstanden nicht, warum die Soldaten in ihren Träumen Wehrmachtsuniformen trugen.

Zwölf Jahre später, im März 2003, ließen die USA Truppen an den Grenzen zum Irak aufmarschieren. Diesmal begann auch Gertrud Ennulat, geboren 1941, vom Krieg zu träumen. In den Nächten wurde sie wieder zum Kriegskind, hilflos der Brutalität der Soldaten ausgeliefert.

Heuft kennt viele Fälle wie die der pensionierten Lehrerin. Traumareaktivierung nennt es der Psychosomatiker, wenn sich Menschen plötzlich wieder an früheres Leid erinnern. Jahrzehntelang haben sie funktioniert, Firmen aufgebaut, Familien gegründet, sagen von sich, dass sie eine glückliche Kindheit hatten, waren niemals therapiebedürftig. Doch plötzlich werden sie eingeholt von ihrer Vergangenheit.

14 Millionen Menschen, die zwischen 1930 und 1945 geboren wurden, leben in Deutschland. Jeder Dritte von ihnen leidet noch immer unter den Belastungen, die er während des Krieges und in den ersten Jahren danach ertragen musste. Angst, Schlaflosigkeit, Panikattacken und Hoffnungslosigkeit sind die Spätfolgen. Nach Schätzungen kämpft jeder 20. der über 63-jährigen Deutschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Fällt die stützende Routine des Arbeitslebens weg, wird die freie Zeit mit Gedanken über das eigene Leben gefüllt. "Wie angebohrt" kommen dann die Erinnerungen zurück, sagt Heuft, der heute als Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster die Behandlung traumatisierter Menschen erforscht.

"Es ist in der Funktionsweise des Gehirns angelegt und eine Folge des Alterns, dass die Erinnerungen zurückkehren", sagt der Neurowissenschaftler Hans-Joachim Markowitsch von der Universität Bielefeld. Wichtige Aufgaben des Gehirns sind nicht nur, Informationen zu sammeln und zu speichern - sondern auch, sie zu filtern. Ständig bewertet das Gehirn die Sinneseindrücke, die auf den Menschen niederprasseln, ob sie notwendig und wichtig genug sind, um gespeichert zu werden. Alles Überflüssige oder Informationen, die das Überleben erschweren statt zu erleichtern, werden ins Unterbewusstsein abgeschoben und damit unterdrückt. "Es ist durchaus gesund, Dinge zu vergessen", sagt Markowitsch. Sonst werde das Gehirn überlastet - wie das des Russen Solomon Schereschewski Anfang des 20. Jahrhunderts. Schereschewski konnte nichts vergessen, sein Gehirn trennte Wichtiges nicht von Belanglosem. Schließlich zog er als Gedächtniskünstler über Jahrmärkte, bevor er dem Wahnsinn verfiel.

"In einem normal funktionierenden Gehirn werden die meisten Informationen allerdings nicht ganz gelöscht, sondern sind nur nicht mehr erreichbar," erklärt Markowitsch. "Vergessen bedeutet eigentlich Überlagerung oder Unterdrückung." Was bleibt, sind die Gefühle, die Menschen mit einem bestimmten Erlebnis verknüpfen. Das hektische Gedränge im Kaufhaus, der Geruch von Schweiß dicht zusammenstehender Menschen - diese Eindrücke genügen bei vielen ehemaligen Kriegskindern, um den Schutzwall des Vergessens zusammenbrechen zu lassen. Neuroforscher sprechen von "assoziativen Brücken", über die Erinnerungen den Weg zurück ins Bewusstsein nehmen. Bilder von Krieg und Zerstörung haben sich wie eine Spur durchs Gedächtnis gebahnt, auf der die bislang erfolgreich verdrängten Erinnerungen wieder hervorkriechen.

Im Alter, wenn täglich Tausende Nervenzellen im Gehirn sterben, beginnen auch die gesunden Hemmprozesse nicht mehr richtig zu funktionieren, erklärt Markowitsch. Das Gehirn verliert sozusagen seine neuronale Sicherung, es kann die bislang verdrängten Erlebnisse nicht länger unter Kontrolle halten. Und plötzlich sind sie wieder da, nachts im Traum oder beim Fernsehgucken, die Panikgefühle und das Herzrasen, wie früher, im Bunker. Dass die schrecklichen Erinnerungen irgendwann zurückkehren, hat jedoch auch sein Gutes. Zwangsläufig setzen sich ältere Menschen wie Gertrud Ennulat intensiv mit ihrer Vergangenheit auseinander - und nutzen das oft dazu, "sich mit Kindern, Verwandten und dem eigenen Leben auszusöhnen", sagt die Psychiaterin Helga Spranger, selbst Jahrgang 1934 und Gründerin des Vereins "kriegskind.de".

"Aus der Lebensspannen-Psychologie wissen wir, dass die letzte Entwicklungsaufgabe darin besteht, das gelebte und ungelebte Leben zu einem Ganzen zu integrieren, mit dem man leben und dann auch sterben kann", bestätigt die Psychologin Ursula Staudinger von der Jacobs-Universität in Bremen.

Die Kindheit ist dem Lernen gewidmet, die nächste Phase der Fortpflanzung. Nur für das Alter hat die Evolution keine Aufgabe vorgesehen - außer den Jüngeren Platz zu machen. Viele spüren dann das "Last-Chance-Syndrom": Die letzte Gelegenheit naht, sich etwas von der Seele zu reden oder zu schreiben. Die Historikerin Barbara Stambolis von der Universität Paderborn hat in ihren Interviews mit Zeitzeugen ein "wachsendes Erzählbedürfnis" festgestellt. Jahrzehntelang hatten die Betroffenen geschwiegen, jetzt endlich falle es ihnen leichter, die Erinnerungen zuzulassen und über sie zu sprechen, weil die Enkelgeneration ohne moralische Vorbehalte Fragen stelle. "Wir erleben gegenwärtig einen Erinnerungsboom, in dem die Generation der Kriegskinder als Altersgruppe mit eigenen Erfahrungen wahrgenommen wird", sagt die Historikerin.

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Kriegskinder: Verdrängte Erlebnisse

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