SPIEGEL: Haben Sie ihm davon erzählt?
Solms: Klar! Das ist ja das Wunderbare an der Analyse: dass es der einzige Ort ist, an dem man einem Menschen alles sagen kann, was man von ihm denkt.
SPIEGEL: Und mit neutraler Analytikermiene fragte er Sie dann, was "Pädophiler" für Sie bedeutet?
Solms: Genau. Tatsächlich verwies der Traum auf sexuelle Konflikte, die ich als Junge hatte. Ich will das hier nicht ausbreiten, es ist zu privat, aber im Grunde ging es um meinen Vater, der ja meine männliche Vorbildfigur war. Die Pädophilie im Traum verwies auf meine damaligen Zweifel, ob denn wohl mit seiner Sexualität, der meiner Eltern, alles in Ordnung war. Wenn mein Vater vielleicht impotent war, würde ich dann jemals ein richtiger Mann werden? Diese Art von Ängsten eben, die sich um die schmutzige sexuelle Welt drehen und um die eigene Scham und Unsicherheit.
SPIEGEL: Ist der Unfall Ihres Bruders in Ihren Träumen aufgetaucht?
Solms: Sehr, sehr oft. Ich war ja dabei, als er vom Dach fiel. Lange erinnerte ich mich immer nur daran, wie leid mir mein Bruder tat, als ich ein Kind war. Was ich aber überhaupt nicht realisiert hatte, war meine Wut auf ihn, weil er so viel Aufmerksamkeit bekam. Wie sehr ich ihm alles Schlechte wünschte. Darauf hat mich ein Traum gebracht: Darin war jemand vom Dach gefallen, und ich trat mit Füßen auf ihn ein ...
SPIEGEL: ... dieser Jemand stand für Ihren Bruder.
Solms: Meine Eltern erlaubten mir nicht, besser zu sein als er, wohl wegen ihrer Schuldgefühle. Sie hielten mich klein. Es schmerzte sie, seinetwegen, wenn ich irgendetwas Neues gelernt hatte.
SPIEGEL: Ein ziemlich starker Antrieb, richtig gut und erfolgreich zu werden?
Solms: Gewiss, so dass es alle mitkriegen: Seht mal, was ich geschafft habe! Gleichzeitig fand ich mit meinem Forschungsgebiet eine ideale Entschuldigung dafür, doch besser sein zu dürfen als mein Bruder. Meinen Eltern, die immer sagten: Sieh nur, wie weh du ihm tust, konnte ich antworten: Aber schaut mal, ich lerne etwas, womit ich Leuten mit neurologischen Krankheiten helfen kann, Leuten wie meinem Bruder.
SPIEGEL: Herr Professor Solms, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Interview führten Beate Lakotta und Annette Großbongardt
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