Traumforschung "Nachts offenbart sich unsere tierische Seite"

Träume geben uns Einblicke in unsere elementare emotionale Persönlichkeit, glaubt der Neurowissenschaftler Mark Solms. Im SPIEGEL-WISSEN-Gespräch erklärt er die tiefere Bedeutung unserer Träume - und erzählt, was er aus seinen eigenen Träumen gelernt hat.

Schlafende Frau: "Während des Traums sind all unsere emotionalen Schaltkreise aktiv"
DDP / DAK / Schlaeger

Schlafende Frau: "Während des Traums sind all unsere emotionalen Schaltkreise aktiv"


SPIEGEL: Herr Professor Solms, Sie sind erst heute morgen aus Kapstadt gelandet, dafür sehen Sie ziemlich frisch aus.

Solms: Na ja, immerhin gibt es keine Zeitverschiebung. Und zum Glück schlafe ich gut im Flieger.

SPIEGEL: Haben Sie etwas Besonderes geträumt?

Solms: Da muss ich passen, ich erinnere mich an nichts.

SPIEGEL: Führen Sie kein Traumtagebuch?

Solms: Nein. Aber ich sagen Ihnen, was die beste Voraussetzung ist, um zu träumen: schlechter Schlaf. Wenn ich denke: Oh Gott, ich darf den Zug nicht verpassen, hoffentlich höre ich den Wecker; ich habe zu schwer gegessen, oder es herrscht Lärm - all diese Störungen provozieren anscheinend Träume.

SPIEGEL: Und wie schafft man es, sich an das Geträumte zu erinnern?

Solms: Der entscheidende Faktor ist das Aufwachen: Wenn man mit dem Wecker aus dem Bett springt, Licht anmacht, in die Dusche rennt, da hat man spätestens beim Frühstück alles vergessen. Man muss mit geschlossenen Augen liegen bleiben, daran denken, was man geträumt hat, sich den Inhalt selbst erzählen und vielleicht sogar einen Titel für die Geschichte finden.

SPIEGEL: Warum ist es so schwer, die Bilder der Nacht zu bewahren?

Solms: Wenn wir träumen, ist unser Gehirn in einem anderen, ursprünglicheren Zustand als tagsüber. Daher werden Träume anders codiert als unser Wach-Erleben. Es ist eine relativ primitive Art zu denken, in Bildern, voller Emotionen und Instinkte und weniger in Sprache und Vernunft. Unsere Logik ist dabei so inaktiv, wie es nur geht.

SPIEGEL: Sollen wir unsere Träume vielleicht sogar vergessen?

Solms: Würden wir uns an zahllose Dinge erinnern, die nie wirklich stattgefunden haben, könnte das unseren Realitätssinn untergraben und damit schädlich sein. Es gibt also gute biologische und evolutionäre Gründe, warum wir unsere Träume selten im Gedächtnis behalten. Weil Träume nichts Reales kommunizieren, muss man sich auch nicht an sie erinnern.

SPIEGEL: Wozu sind sie dann da?

Solms: Das ist die zentrale Frage, auf die wir immer noch keine Antwort haben. Eine Funktion des Traums tritt aber immer deutlicher hervor: Er ist da, um den Schlaf zu schützen.

SPIEGEL: Wie schon Freud sagte: Der Traum ist der Hüter des Schlafs?

Solms: Ja. Es ist beeindruckend: Während des Traums sind all unsere emotionalen Schaltkreise aktiv. Vor allem ein System ist auf den Computertomographien hell erleuchtet wie ein Weihnachtsbaum: das Dopamin-System. Es schüttet den Botenstoff aus, der uns motiviert, in die Welt zu gehen und zu suchen, was unsere Bedürfnisse befriedigt - Essen, Trinken, Sex, Anerkennung. Aber wie können wir schlafen, wenn dieses System so hellwach ist? Ich glaube, der Traum regelt genau das: Er erlaubt dir, virtuell alles zu tun, was du willst, anstatt aufzuwachen und es wirklich zu tun.

SPIEGEL: Nach einer anderen These hilft der Traum, das Gedächtnis zu festigen.

Solms: Ich vermute eher, dass dies die Funktion des REM-Schlafs ist und nicht die des Träumens. Vor allem, weil Patienten, die nicht mehr träumen, keine Probleme haben, sich Dinge zu merken. Wir beginnen aber gerade erst zu verstehen, wie die verschiedenen Schlafstadien mit Lernen und Gedächtniskonsolidierung zusammenhängen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
sam clemens, 19.11.2009
1. Zum Glück ...
... mal wieder was Interessantes im SPIEGEL. Zur Traumsymbolik: Dass es keine allgemeingültige Symbolik gibt, erkennt jeder, der mal ein Traumtagebuch geführt hat. Ebenso offensichtlich wird der Grund vieler Träume in Auseinandersetzungen mit dem Alltagsgeschehen, vor allem mit den Alltagsängsten. Ein paar wenige Träume sind dann so stark, dass mehr dahinter stecken muss. Alles in allem ein sehr interessantes Gebiet - und das Interview wurde dem gerecht.
suum.cuique 19.11.2009
2. jaja, die Wissenschaft
Zitat: Träume geben uns Einblicke in unsere elementare emotionale Persönlichkeit, glaubt der Neurowissenschaftler Mark Solms. Der zweite Teil des Satzes sagt schon alles. "Glaubt". Glauben heißt nicht wissen.
hajoschneider 19.11.2009
3. Quo vadis, SPON
Zitat von sysopTräume geben uns Einblicke in unsere elementare emotionale Persönlichkeit, glaubt der Neurowissenschaftler Mark Solms. Im SPIEGEL-ONLINE-Gespräch erklärt er die tiefere Bedeutung unserer Träume - und erzählt, was er aus seinen eigenen Träumen gelernt hat. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,660784,00.html
Mein Gott, welch tiefgreifende Erkenntnis.
empro 19.11.2009
4. Sinn?
Zitat von suum.cuiqueZitat: Träume geben uns Einblicke in unsere elementare emotionale Persönlichkeit, glaubt der Neurowissenschaftler Mark Solms. Der zweite Teil des Satzes sagt schon alles. "Glaubt". Glauben heißt nicht wissen.
Interessantes Interview! Glückwunsch zu dieser analytischen Meisterleistung. Was wollen Sie damit sagen?
Blair01, 19.11.2009
5. Interessant
Zitat von suum.cuiqueZitat: Träume geben uns Einblicke in unsere elementare emotionale Persönlichkeit, glaubt der Neurowissenschaftler Mark Solms. Der zweite Teil des Satzes sagt schon alles. "Glaubt". Glauben heißt nicht wissen.
Deshalb ist das auch WIssenschaft und kein Esoterischer Blödsinn! Wenn ein Wissenschaftler von "Glauben" spricht meint er das er eine Hypothese hat die er (noch?) nicht ausreichend belegen kann. Intersantes Interview, es erscheint mir logisch das Träume sich um das eigene Alltagsleben drehen und von innen kommen. Gerade deshalb halte ich Bücher zur Traumdeutung für kompletten Unsinn.
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