Trinksitten Britische Mädchen sind Kampftrinker der Zukunft

Hier wurde der Pub erfunden - und das Kampftrinken kultiviert: Während das Trinkverhalten der Briten im Durchschnitt gesünder wird, schockiert gerade die heranwachsende Generation britische Suchtexperten. Besonders junge Mädchen neigen neuerdings zum Saufen.


"Die Alkopop-Generation säuft sich selbst zu Tode, wie neueste Zahlen zeigen", warnte die seriöse Londoner Tageszeitung "Independent" Ende Februar. Im Land von Pubs, Pints, Lager und Stout geht die Sorge um, die heranwachsende Generation könne sich durch immer drastischere Alkoholexzesse schädigen. Dabei scheinen die für ihre ungesunden Trinkgewohnheiten bekannten Briten allmählich zu einem nüchterneren Verhalten zu finden – allerdings mit beunruhigenden Ausnahmen.

Damit ist der Trend in der Heimat der Kneipenkultur für die aktuelle Debatte in Deutschland besonders interessant. Eine "relativ kleine Gruppe von Jugendlichen" betreibe das "Kampftrinken und Komasaufen" als eine Art Sport, beklagte die Berliner Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei), nachdem ein 16-jähriger Berliner Gymnasiast nach 52 Gläsern Tequila ins Koma gefallen war. Der junge Mann ringt mit dem Tod und könnte im Überlebensfall bleibende Schäden durch das Saufgelage davontragen. Lokalpolitiker und Drogenexperten zeigen sich schockiert von dem scheinbaren Extremfall.

Doch jüngste Zahlen des britischen Office for National Statistics (ONS) in Newport, zeigen, dass besonders bei den Jüngsten der Exzess noch lange nicht ausgereizt ist: Trinker im zarten Alter von 11 bis 15 Jahren tranken im Jahr 2004 doppelt so viel Alkohol in der Woche wie noch 1990.

Konsum bei Jungs stabil, bei Mädchen steigend

"Seitdem hat sich der Konsum bei Jungs stabilisiert und nimmt bei Mädchen weiterhin zu", sagen die ONS-Experten. Sowohl 23 Prozent der Mädchen als auch Jungen aus dieser besonders jungen Altersgruppe hätten bei Befragungen angegeben, in der Vorwoche Alkohol getrunken zu haben. Vor dem Jahr 2004 sei dieser Anteil bei Jungen stets höher gewesen als bei Mädchen, doch diese holen offenbar kräftig auf.

"Wir leben im Zeitalter der 24-Stunden-Läden und der Sauf-Ausflüge", sagte Andrew McNeill vom Institute of Alcohol Studies nach Veröffentlichung der Zahlen dem "Independent". "Die Konsequenz ist, dass immer jüngere Menschen mit alkoholbedingten Beschwerden in den Krankenhäusern auftauchen." Im Herbst hatte eine Studie deutsche Krankenkassen ebenfalls gewarnt: Auch hierzulande trinken Jugendliche immer mehr Alkohol. Und im Februar warnte die Deutsche Haupstelle für Suchtfragen: Alkoholvergiftungen bei Kindern nehmen zu. Muss sich Deutschland zeitversetzt auf eine ähnliche Entwicklung gefasst machen, wie sie in England, Nordirland, Schottland und Wales beobachtet wird?

Jedenfalls fürchten die Briten, dass der Trend zum Trinken bei extrem jungen Mädchen sich fortsetzen könnte, wenn diese älter werden. Denn noch haben in der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen die Männer das deutlich ungesündere Trinkverhalten. Bei Befragungen habe fast die Hälfte aller jungen Männer eingeräumt, wenigstens ein Mal in der Vorwoche "heavy drinking" praktiziert zu haben. Bei den gleichaltrigen Frauen waren es nur knapp 40 Prozent.

Gipfel der Sauf-Exzesse überschritten?

Ende November hatte die Zeitung "Guardian" gemeldet: "Der Trend beim schweren Trinken scheint seinen Gipfel überschritten zu haben." Sowohl bei jungen Männern als auch bei jungen Frauen seien die Alkohol-Exzesse im Jahr 2005 gegenüber 2004 leicht zurückgegangen.

Mit Spannung wird jenseits des Ärmelkanals die Auswertung für das Jahr 2006 erwartet. Denn erst seit Ende 2005 gilt dort nicht mehr die traditionelle Sperrstunde. Deren Kritiker hatten argumentiert, dass die Glocke kurz vor elf Uhr Abends ("Last orders, please!") die Briten geradezu zum eiligen und übermäßigen Trinken gebracht habe. Seit Kneipen länger geöffnet bleiben dürfen, könnte sich das Trinkverhalten normalisiert haben. Ende 2006 lies sich ein solcher Trend noch nicht aus ONS-Erhebungen ablesen.

Lediglich das Problembewusstsein schien zu wachsen: Mehr Befragte wussten über vernünftige Tages-Obergrenzen Bescheid. Etwa jeder siebte Mann und knapp jede zehnte Frau sagte, dass er oder sie ihr Trinkverhalten mit dem eigenen Hausarzt diskutiert habe. Gerade die allerjüngsten Trinker scheinen nicht um die Gesundheitsgefahren zu wissen – oder nicht darum wissen zu wollen.

Aktionen gegen besonders gefährliches Kampftrinken

Auch die Opferzahlen geben in Großbritannien noch keinen Grund zur Entwarnung – und lassen für Deutschland Schlimmes erwarten. In den dreizehn Jahren von 1991 bis 2004 hat sich die Zahl der Todesfälle infolge von Alkoholkonsum verdoppelt. Verkehrsunfälle, bei denen Alkohol im Spiel war, sind hier noch nicht einmal mitgezählt. Von den jährlich rund 3500 Verkehrstoten auf britischen Straßen sterbe rund jeder Sechste bei einem Unfall, bei dem Alkohol eine Rolle spiele, so das ONS.

Am schlimmsten ist die Situation in Schottland, wo die Todesrate durch Alkohol doppelt so hoch liegt, wie im britischen Durchschnitt. "45 Schotten sterben jede Woche durchs Trinken", sagte Jack Law von der Organisation Alcohol Focus Scotland. Die schottischen Behörden haben für das Jahr 2007 einen Aktionsplan gegen das Kampftrinken (binge drinking) vorgestellt, vor dem auch deutsche Politiker und Suchtexperten nach dem Fall des Berliner Gymnasiasten besonders warnen. Wissenschaftler sehen darin die gefährlichste Form des Alkoholkonsums.

Im Frühjahr vergangenen Jahres hatten Schweizer Forscher um Gerhard Gmel von der Universtität Lausanne nach einer Studie gewarnt: Kampftrinker setzen sich dem größten Verletzungsrisiko im Zusammenhang mit Alkohol aus. In der Fachzeitschrift "Alcohol: Clinical and Experimental Research" (2006, Ausg. 30/3) schrieben sie: Bei Trinkern beiderlei Geschlechts erleiden jene besonders häufig Verletzungen, die normalerweise moderat trinken – aber manchmal über die Stränge schlagen.

stx



Forum - Alkoholverbot für Jugendliche?
insgesamt 1595 Beiträge
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Seite 1
inci 10.03.2007
1.
---Zitat von sysop--- Saufen bis der Arzt kommt - der Trend nimmt unter Jugendlichen in ganz Deutschland zu. Hilft nur ein Alkoholverbot? ---Zitatende--- das ist eher ein ganz "alter" trend, auch ich und meine freunde haben in teeniezeiten dem alkohol gelegentlich recht heftig zugesprochen, und das nicht nur während des karnevals. die in den letzten tagen und wochen hochgekochte dringlichkeit ist lediglich phase I in der strategie von herrn kyprianou, europas bürger dank gesundheitskontrolle unsterblich zu machen. und wie man sieht, haben wir schon die diskussion zu dem thema.
Roller, 10.03.2007
2.
---Zitat von sysop--- Saufen bis der Arzt kommt - der Trend nimmt unter Jugendlichen in ganz Deutschland zu. Hilft nur ein Alkoholverbot? ---Zitatende--- Wie man aus der Vergangenheit weiss, sind Verbote nicht sehr effektiv. Warum stellt man nicht erstmal die Alkohol Werbung ein und verhindert gesetzlich, dass Jugendliche ab 16 sich legal mit Bier besaufen koennen? Es kann doch auch nicht sein, dass nachmittags das Kinderprogramm mit Alkoholwerbung zugepflastert wird. An Hand der Gesetze kann man doch schon sehen, wer in Deutschland das Sagen hat: Autoindustrie,Pharmaindustrie und Jägermeister + Co. Gruss Roller
GeneralPatton, 10.03.2007
3.
Sowas gabs doch schonmal in den 30ern. Da hatte es auch nicht geholfen, ja sogar einige ziemlich üble Nebeneffekte. Verbote helfen da gar nichts. Ich trink ja selber auch hin und wieder gerne einen über den Durst, aber dann gehts mir am nächsten Tag beschissen und ich halt mich für die nächste Zeit davon fern. Scheint fast so als sei manchen Menschen in dieser Hinsicht der gesunde Menschenverstand abhanden gekommen.
vaikl 10.03.2007
4.
Es gibt 2 Alternativen zum Alkoholverbot: 1.) Man überlässt diese vollhorstigen Komasäufer sich selbst, leistet weder Erste Hilfe noch Therapie und bittet die Eltern/Angehörigen wg. der Sekundärschäden zur Kasse oder 2.) Man bürdet *alle* primären und sekundären Kosten, die der Gesellschaft aufgrund von ärtzlicher Notfallversorgung, Blockierung von Notfallaufnahmeplätzen, Krankenhausbetten und Therapieplätzen, Unfallschäden, Versorgung von Verkehrsopfern, polizeilichen Ermittlungen und Gerichtskosten entstehen, den Komasäufern *allein* auf, weil man in solchen Fällen nicht mehr auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren darf.
JoergB, 10.03.2007
5.
Ja genau, sofort alles verbieten was einem irgendwie Kopfzerbrechen bereitet. Das ist am einfachsten...
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