Tropischer Parasit Würmer im Blut als Reisesouvenir

Juckreiz, Fieber, Entzündung der inneren Organe: 200 Millionen Menschen sind vom Schistosoma-Parasiten befallen - unter ihnen auch Touristen und Geschäftsleute aus dem Westen. Forscher wollen dem gefährlichen Wurm jetzt die Tarnung entreißen.

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Die Angreifer sind winzig, zahnlos und blitzschnell. Sie lauern im warmen Wasser, jederzeit zur Attacke bereit. Sobald sich in ihrer Nähe etwas Größeres bewegt, werden sie aktiv. Angetrieben von ihren peitschenartigen Schwänzen schwimmen die Wurmlarven zielstrebig auf ihre Opfer zu: planschende Kinder, waschende Frauen, arbeitende Fischer, Reisbauern oder ahnungslose Touristen.

Die Larven wittern den Duft der Menschen und lassen sich zusätzlich von Wasserturbulenzen leiten. Am Ziel bohren sie sich sofort durch die Haut und gelangen in die Blutbahn. Es ist der Anfang einer chronischen, oft auszehrenden Krankheit, von der weltweit rund 200 Millionen Menschen betroffen sind: Schistosomiase.

Die früher unter dem Namen Bilharziose bekannte Seuche ist eine typische Geißel der Entwicklungsländer. Ihre Erreger, parasitische Würmer der Gattung Schistosoma, können nur in tropischen oder subtropischen Binnengewässern gedeihen. In den wohlhabenden Industriestaaten schenkte man der Krankheit bislang kaum Beachtung. Doch das könnte sich ändern: "Wir bekommen heutzutage regelmäßig Fälle von Schistosomiase zu Gesicht", sagte Sebastian Dieckmann vom Berliner Institut für Tropenmedizin zu SPIEGEL ONLINE.

Betroffen sind vor allem abenteuerlustige Touristen und Migranten. Derzeit behandelt Dieckmann einen 15-jährigen Westafrikaner, dessen Leber und Milz von den Parasiten schwer geschädigt wurden. Unbehandelt kann die Krankheit tödlich verlaufen. Wie viele Fälle es in Deutschland gibt, können die Experten nur vermuten. Die Tropenkrankheit ist hier nicht meldepflichtig, doch das heißt nicht, dass sie kein Problem wäre.

So warnt etwa die deutsche Botschaft in Ghanas Hauptstadt Accra Urlauber und Geschäftsreisende auf ihrer Website auf das "Souvenir aus dem Wasser", das "zu schweren Krankheitserscheinungen" führen könne. Ghana liegt in Westafrika und damit im natürlichen Verbreitungsgebiet des Parasiten. Doch Ferntourismus und internationaler Flugverkehr verwischen die Grenzen. Schon vor fünf Jahren warnte ein Forschungsbericht an das Bundesumweltministerium vor "Neozoen als Erreger von Krankheiten", vor eingeschleppten Tierarten also. Die Erreger der Bilharziose-Formen würden "regelmäßig von Touristen eingebracht", schrieben die Zoologen der Universität Rostock damals.

Erste Resistenzen gegen Standard-Medikament

Das Medikament Praziquantel gilt seit Beginn der achtziger Jahre als wirksames Mittel gegen den Schistosoma-Befall. Seine Einnahme wird Fernreisenden auch zur Vorbeugung empfohlen. Doch während sich deutsche Tropenmediziner häufiger Schistosoma gegenüber sehen, stellen neue Forschungsergebnisse die Wirksamkeit von Praziquantel in Frage: Gegen junge Würmer in den ersten Wochen nach der Infektion helfe es nicht. Die französische Ärztin Lucia Grandiè-Pérez und ihre Kollegen vom Pariser Hôpital Pitié-Salpêtrière berichteten im "American Journal of Tropical Medicine and Hygiene" (Ausg. 74 (5), S. 814-818) sogar von einer Verschlechterung des Zustands zweier Patienten nach Verabreichung des Medikaments. Erste Hinweise auf die Entwicklung von Resistenzen bei geschlechtsreifen Würmern liegen ebenfalls vor.

Helfen könnte hier das Mittel Artemether aus dem Einjährigen Beifußkraut (Artemisia annua), das auch in Deutschland wächst. Es ist der neue Hoffnungsträger im Kampf gegen Schistosomiase. Ursprünglich gegen Malaria eingesetzt, testet Xiao Shuhua von der chinesischen Akademie für Präventivmedizin in Shanghai das Medikament seit mehreren Jahren mit Erfolg bei Reisbauern und Fluthelfern, die akut von Schistosoma japonicum befallen waren. ("Acta Tropica", Ausg. 82 (2002), S. 175-181). In der Bundesrepublik ist Artemether aber bis heute nicht für diese Anwendung zugelassen.

Für die Zukunft aber hoffen Forscher, auch den Einsatz von Artemether überflüssig zu machen. In der Fachzeitschrift "Nature Medicine" (Ausg. 12, S. 835-840) berichtete ein Team aus australischen, brasilianischen und US-amerikanischen Forschern von einem Durchbruch bei der Suche nach einem möglichen Impfstoff gegen die Würmer: Die Wissenschaftler beschreiben die Wirkung von Tetraspaninen, Proteinen aus der Haut der Würmer. Sie dienen mutmaßlicher der Täuschung des menschlichen Immunsystems - quasi zur Tarnung der Parasiten. Mit Tetraspaninen geimpfte Mäuse waren im Labor immerhin teilresistent gegen die Würmer.

Vor 150 Jahren von deutschem Arzt entdeckt

Die Schistosomiase ist schon seit mehr als 150 Jahren bekannt. 1851 beobachtete der deutsche Arzt Theodor Bilharz in den Blutgefäßen eines ägyptischen Patienten Schistosoma-Würmer. Ihr Lebenszyklus ist sehr komplex. Für ihre Entwicklung brauchen die Tiere nicht nur einen Endwirt - den Menschen - sondern auch Süßwasserschnecken, die als Zwischenwirte dienen. Im Menschen ernähren sie sich von roten Blutkörperchen.

Insgesamt sind sieben verschiedene Schistosoma-Arten als Krankheitserreger bekannt. Darm und Leber, Nieren und Blase sind der bevorzugte Aufenthaltsort der Parasiten. Ihre Eier ätzen sich regelrecht durch Blasen- und Darmwände hindurch. Anschließend werden sie mit Urin oder Stuhl ausgeschieden, landen oft in den Gewässern und schlüpfen dann. Allerdings verlässt nur die Hälfte der Eier tatsächlich den menschlichen Körper. Die restlichen setzen sich irgendwo in den inneren Organen fest, verursachen chronische Entzündungen - und beschädigen sie zum Teil erheblich.

In Ägypten sind die Würmer für rund 20 Prozent aller Krebsfälle verantwortlich. Die entzündlichen Reaktionen lösen dort vor allem Harnblasen-Karzinome aus. In Ostafrika beobachten Mediziner regelmäßig Schädigungen des Rückenmarks und sogar des Gehirns. Die häufigsten Symptome eines chronischen Befalls sind Blut im Stuhl oder Urin sowie körperliche Schwächung. "Bei Ferntouristen finden wir normalerweise nur eine niedrige Wurmbelastung", sagt der Berliner Forscher Dieckmann. Die kurze Aufenthaltsdauer reiche meist nicht für eine starke Infektion.

Jucken, Fieber, Würmer im Leib

Die direkten Folgen eines Befalls durch die Wurmlarven bekommen unvorsichtige Touristen allerdings sehr wohl zu spüren. Auf sofort eintretenden Juckreiz folgen roter Hautausschlag und später oft das Katayama-Fieber, dessen Symptome stark an Malaria erinnern. Es ist wahrscheinlich eine Folge der heftigen Reaktion des Immunsystems auf die Larven-Invasion. In manchen Fällen verläuft die Infektion jedoch schleichend, ohne dass der Betroffene sie bemerkt. Dies kann zu Komplikationen führen.

Harsha Sheory und Jan Pyman aus Melbourne in Australien beschrieben im Jahr 2004 in der Fachzeitschrift "Journal of Travel Medicine" (Bd. 11, S. 251-252) den Fall einer jungen Frau, die Jahre nach einer Afrika-Reise unter einer gefährlichen Eileiter-Schwangerschaft litt. Die Ursache: Schistosoma-Eier hatten Geschwüre gebildet und so den Weg der befruchteten Eizelle in die Gebärmutter blockiert.

Zur Diagnose von Schistosomiase haben Ärzte zwei Möglichkeiten. Der Nachweis von Eiern im Stuhl oder Urin mittels des Mikroskops ist die klassische Methode. Sie gelingt jedoch nicht immer, deswegen bevorzugen die meisten Ärzte mittlerweile einen serologischen Test. Der gilt als weitgehend sicher, sagte Alfons van Gompel vom Institut für Tropenmedizin in Antwerpen zu SPIEGEL ONLINE. "Drei Wochen nach der Infektion lassen sich Schistosoma-Antikörper in mehr als 95% der Fälle im Blut nachweisen."

Eine frühzeitige Diagnose ist wichtig, damit wenigstens Touristen aus nördlichen Breiten ihre Chancen wahren, ihr ungeliebtes Reisesouvenir wieder loszuwerden. "Geringgradige Infektionen", schreibt die deutsche Botschaft in Accra, hinterließen bei einer Behandlung im Frühstadium "in der Regel keinerlei bleibende Schäden."



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