Trump-Interview Der Kaiser ist nackt, und es ist ihm egal

Wieder einmal eine anstrengende Woche für Donald Trump. FBI-Chef gefeuert, Russlands Außenminister getroffen, die Medien beschimpft. Dem "Economist" gab Trump allerdings ein langes Interview - es ist eine Offenbarung.

Wortwolke des Trump-Interviews
Christian Stöcker

Wortwolke des Trump-Interviews

Eine Kolumne von


It sounds like you're imagining a pretty big renegotiation of Nafta. What would a fair Nafta look like? Big isn't a good enough word. Massive.

Huge? It's got to be. It's got to be.

Das ist die einzig offen satirische Stelle in dem Interview, das der "Economist" am 4. Mai - also vor der Entlassung des FBI-Chefs - mit Donald Trump geführt hat. Nicht, dass Trump das bemerkt hätte.

Es ist auch die einzige Stelle, an der kurz, aber unübersehbar aufblitzt, was das Magazin vom US-Präsidenten hält. Donald Trump zu fragen, ob etwas "huge" (riesig) werde, ist die kürzeste denkbare Methode, sich über dessen sprachliche Manierismen lustig zu machen, spätestens seit den zahllosen Satirevideos, in denen Länder und Regionen Trump bitten, doch ihr Land bitte schön als Nummer zwei hinter Amerika zu akzeptieren.

Ein Leben wie ein ständiger Albtraum

Sonst ist nirgendwo in dem langen Transkript zu erkennen, ob und wie oft sich der Journalist im Laufe des Gesprächs das Lachen verbeißen musste oder ungläubig den Kopf schüttelte. Einmal mehr zeigt sich, wenn man den ganzen Text liest: Sooft man Donald Trump mittlerweile reden gehört hat, man kann sich nicht daran gewöhnen, wie der Mann spricht, was er sagt. Schlimmer noch: Was er nicht sagt.

Eigentlich müsste sich das Leben des US-Präsidenten anfühlen wie ein ständiger Albtraum. Einer von der Sorte, bei der man auf einer Bühne steht und plötzlich merkt, dass man gar nicht weiß, welches Stück gespielt wird. Oder dass man keine Hose anhat.

Wieder und wieder gerät Trump in Situationen, in denen seine umfassende Unkenntnis elementarer Fakten und Zusammenhänge so deutlich zutage tritt, dass die meisten anderen Menschen vor Scham im Boden versinken würden. Trump aber scheint all das nicht einmal zu bemerken. Der Kaiser ist nackt, aber es ist ihm egal.

"Vor ein paar Tagen ausgedacht und gut gefunden"

So wie neulich, als er erklärte, der einstige Präsident Andrew Jackson sei sehr wütend über den amerikanischen Bürgerkrieg gewesen, obwohl Jackson 16 Jahre vor Ausbruch des Krieges gestorben war.

Ein Beispiel aus dem Interview: Trump benutzt darin die Formulierung "priming the pump" im Zusammenhang mit einer vorübergehenden Erhöhung des Haushaltsdefizits. Diese Metapher - man gießt Wasser in eine Pumpe, um sie zum Laufen zu bringen - wird in wirtschaftlichem Zusammenhang bereits seit den Dreißigerjahren verwendet. Sogar Schulkinder kennen diese Formulierung aus dem Geschichtsunterricht. Trump aber erklärt dem "Economist"-Reporter, er habe sich diese Wendung "vor ein paar Tagen ausgedacht und sie gut gefunden".

Jedes Mal, wenn es um konkrete wirtschaftspolitische Vorhaben geht, schweift er ab, stammelt Versatzstücke aus seinen Wahlkampfversprechen zusammen - oder übergibt die Frage seinem Finanzminister Steven Mnuchin. Der Business-Tycoon Trump weiß augenscheinlich sehr wenig über seine eigenen wirtschaftspolitischen Pläne.

An diversen Stellen im Gespräch fragt der Interviewer drei oder vier Mal nach - nur um irgendwann aufzugeben und zu akzeptieren, dass er von diesem Präsidenten keine Antwort bekommen wird, die irgendeinen Sinn ergibt.

"Selbst, wenn man es einfach macht, bleibt es kompliziert"

Auf die Frage etwa, ob sich Zinszahlungen auch in Zukunft auf die Unternehmensteuer auswirken würden, erklären Mnuchin und Trump gemeinsam siebenmal hintereinander, sie dächten darüber nach. Trump selbst hat offenbar nicht die leiseste Ahnung, worum es überhaupt geht. Am Ende des Sitcom-fähigen Dialogs sagt er, wichtig sei vor allem Einfachheit. Denn, "selbst wenn man es bei Steuern einfach macht, bleibt es kompliziert".

Das Einzige, das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus dem Gespräch, das Donald Trump nicht zu kompliziert ist, scheinen persönliche Beziehungen zu sein. Auf die Frage, was Trumponomics, also seine persönliche Idee von Wirtschaftspolitik, denn nun genau sei, antwortet Trump unter anderem, er habe eine "sehr gute Beziehung" zu Kanadas Premierminister Justin Trudeau.

Anschließend erklärt er, der Präsident Mexikos und der kanadische Premier hätten ihn beide angerufen. Im Abstand von zehn Minuten! Beide wollten über das Nafta-Abkommen sprechen, das Trump zuerst aufkündigen wollte, jetzt aber doch nicht. Obwohl "alles an Nafta schlecht ist", wie er in dem Gespräch sagt. Einmal mehr bleibt man vollkommen ratlos zurück.

Auf die Frage, ob es zu seiner Verhandlungstaktik gehöre, dramatische Dinge anzukündigen, um sich dann später mit kleinen Veränderungen zufriedenzugeben, antwortet Trump mit einer ausführlichen Lobrede auf Chinas Premierminister Xi Jinping, der ein "großartiger Bursche" sei, mit dem er "drei Stunden lang" gesprochen habe, garniert mit dem für den Interviewer vermutlich eher nicht verblüffenden Hinweis, China blicke, anders als die USA, auf eine jahrtausendelange Geschichte zurück.

Zu den häufigsten Wörtern in Trumps Redebeiträgen in dem Gespräch gehören "like", "want" und "people". Was seine Gesprächspartner mögen und wollen, scheint dem Präsidenten sehr wichtig zu sein. Egal, mit wem er es gerade zu tun hat.

Ein weiteres Wort kommt noch weit häufiger vor: "know". Was aber nichts damit zu tun hat, dass der Präsident irgendetwas wüsste. Er sagt einfach nur sehr oft - 53 Mal, um genau zu sein - "you know".

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insgesamt 197 Beiträge
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Seite 1
sojetztja 14.05.2017
1.
"es (das Interview) ist eine Offenbarung." Wohl eher ein Offenbarungseid :-))
Actionscript 14.05.2017
2. In den USA kann zwar jeder Präsident werden,....
...es sollte aber nicht jeder Präsident werden. Ich hoffe, man hat jetzt endlich gelernt, dass Schauspieler und Unternehmer sich nicht als politische Führer eignen, obwohl Trump eine eigene Kategorie ist. In Kalifornien weiss man das schon seit Langem.
robin-masters 14.05.2017
3. Ein Mann des Volkes
genau das wollte der einfache Amerikaner haben. Intellektuelles Geschwafel und Detailverliebtheit um irgendwo o,x % steigern zu können wenn man Gesetz XY anpasst - war noch nie was für die Massen - deswegen überlegt die Linke ja ganz offen ob man Demokratie "anpasst" und nur intellektuelle Menschen wählen lässt, da passt dieser Artikel doch ins Bild. Man sollte wissen das die Frontfigur einer Bewegung/Partei hauptsächlich fürs Grobe da ist - in Deutschland ist das nicht so, da hier nur Parteien gewählt werden und keine Personen - sonst wäre Merkel nicht Kanzlerin. Der Spiegel sollte sich darauf konzentrieren die Personen im Windschatten zu analysieren und nicht immer auf Trump einzuprügeln - er ist nur die Marionette - das war in den USA schon immer so.
mimas101 14.05.2017
4. Meine Diagnose...
4 Jahre Stillstand in so ziemlich allen Bereichen des öffentlichen Lebens bei Selbstverwaltung der in de USA erstaunlich mächtigen und selbständigen Bundesbehörden. Trump ist deshalb so gefährlich weil er weder weiß was Politik ist, Details wie z.B. internationale Fragen anderen überläßt noch weiß wie die Schlangengrube Washington funktioniert und Trump ferner eine Angstkultur unter seinen engsten Mitarbeitern erzeugt. Ausputzen wird Trump Washington mit Sicherheit nicht können, steuerfinanzierte Wachstumsspritzen sind auch nicht so gut wenn es nicht gleichzeitig an einen sozialverträglichem Umbau geht pp. .
proratio 14.05.2017
5. Omg
Ich wünschte, die letzten Trump-Fans würden dieses Interview lesen. Es ist ja noch viel schlimmer, als gedacht. Es ist, als wäre ein 10jähriger Präsident der größten Volkswirtschaft der Welt. Und er merkt noch nicht mal, wie er sich selbst bloßstellt. Beängstigend.
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