Strahlung zu hoch Fertigstellung des Tschernobyl-Sarkophags verzögert sich

Ende des Jahres sollte die neue Schutzhülle für die Atomruine Tschernobyl fertig sein. Doch nach SPIEGEL-Informationen gibt es Verzögerungen. Grund ist eine zu hohe Strahlenbelastung der alten Bausubstanz.

"New Safe Confinement" in Tschernobyl (im April 2016)
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"New Safe Confinement" in Tschernobyl (im April 2016)

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Beim ersten Mal musste alles sehr schnell gehen. Innerhalb weniger Monate nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl im April 1986 klotzten sowjetische Bauarbeiter eine Schutzhülle um den havarierten Reaktor hin - aus 7000 Tonnen Stahl und 410.000 Kubikmetern Beton. Sie sollte dafür sorgen, dass nicht weiter radioaktives Material unkontrolliert in die Atmosphäre gelangte. Im November 1986 war der Bau fertig. Allerdings wurde schnell klar, dass er nur eine maximale Lebenszeit von geschätzt 30 Jahren haben würde.

Als der sogenannte Sarkophag tatsächlich undicht wurde, als Stahlträger anfingen zu rosten, musste ein Ersatz her. An dieser Schutzhülle, dem "New Safe Confinement" wird nach jahrelangen Vorarbeiten seit 2010 gebaut. Sie soll 100 Jahre halten und wurde neben der alten Konstruktion errichtet und im November 2016 darüber geschoben. Der Rest der Arbeiten sollte Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Doch nun verzögert sich die Fertigstellung des Projekts wohl bis Ende Mai 2018.

DER SPIEGEL

Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Sylvia Kotting-Uhl hervor, die dem SPIEGEL vorliegt. Grund für die Verzögerung ist demnach, dass die Installation von Membranen länger als geplant dauert, mit denen die neue Schutzhülle mit den vorhandenen Gebäudestrukturen verbunden werden soll.

Das Strahlungsniveau sei "im Bereich des östlichen Endes der Schutzhülle sehr hoch", heißt es in der Antwort der Bundesregierung. Zur Verankerung der Membranen seien aber genau dort "umfangreiche Kernbohrungen in bestehenden Strukturen erforderlich". Arbeiter könnten "zeitlich nur eingeschränkt" im Einsatz sein. (Lesen Sie hier, warum die Atomruine von Tschernobyl noch sehr, sehr lange strahlt.)

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Auch die Installation zusätzlicher Komponenten im Belüftungssystem habe zu Verzögerungen geführt. Hierfür hätten teils bereits installierte Transformatoren wieder ausgetauscht werden müssen. Eine optimal funktionierende Belüftung sei aber "von zentraler Bedeutung für die Lebenserwartung der neuen Schutzhülle", so die Regierung.

"Es verheißt nichts Gutes, dass sich die Arbeiten am Sarkophag so stark verzögern", kritisiert Parlamentarierin Kotting-Uhl. Und das sei ja noch nicht alles: "Der neue Sarkophag löst ja das eigentliche Problem noch nicht. Sicherheit gibt es erst, wenn die hochradioaktiven Altlasten eines Tages beseitigt sind."

Die Bundesregierung stellt in der Antwort dagegen fest, "Anpassungen des Zeitplans" seien "vor dem Hintergrund der Einzigartigkeit dieses Projekts und der Situation vor Ort nicht immer zu vermeiden".

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