Tschernobyl-GAU In der Atomkraft gilt Murphys Gesetz

Die Katastrophe von Tschernobyl dient Gegnern wie Befürwortern der Atomkraft zur Untermauerung ihrer Positionen. Dabei hat das Unglück vielerlei Ursachen: ein riskantes Reaktorkonzept, Selbstüberschätzung und Zeitdruck. Tschernobyl zeigte auch, dass selbst für Atommeiler Murphys Gesetz gilt.

Von


Wenn etwas schief gehen kann, dann wird es schief gehen. Diese verkürzte Fassung von Murphys Gesetz trifft nicht nur für ein Butterbrot zu, das dummerweise stets mit der Butterseite auf dem teuren Teppich landet. Das Gesetz beschreibt auf makabere Weise auch, was vor 20 Jahren im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl geschah. Dort flog ein Reaktor in die Luft, weil die Bediener mit ein paar Hebelstellungen ein Unglück auslösen konnten, ohne es zu wollen.

Nicht erst seit dem Unfall haben sich Gegner der Atomkraft weltweit formiert und verlangen den Ausstieg aus der nach ihrer Meinung äußerst gefährlichen Technik. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht - das wissen auch die Betreiber der deutschen Atomkraftwerke. Für sie liefert Tschernobyl jedoch ebenfalls gute Argumente, um ihre eigene Technik als besonders sicher dastehen zu lassen.

Gern wird auf die im Unglücksreaktor genutzte Technik verwiesen, die in keinem einzigen westlichen Atomkraftwerk eingesetzt wird. In der Tat hat der russische Druckröhren-Reaktor mit Siedewasserkühlung und Graphitmoderator prinzipielle Schwächen.

In Kraftwerken westlicher Bauart dient das Kühlwasser gleichzeitig als Moderator. Das Wasser bremst also die schnellen Neutronen ab, die bei der Kernspaltung entstehen. Ohne dieses Abbremsen, auch Moderation genannt, wären die Neutronen zu schnell, um andere Urankerne zu spalten, wobei wiederum Neutronen emittiert werden - eine Kettenreaktion käme nicht in Gang.

Wenn sich ein solcher Wasser-moderierter Reaktor überhitzt und in der Folge Wassermangel eintritt, dann fehlt es auch am Moderator Wasser. Der Reaktor regelt sich dann gewissermaßen selbst ab, denn es werden nicht mehr genügend schnelle Neutronen gebremst. Die Kettenreaktion erstirbt.

War die russische Technik Schuld?

Beim Tschernobyl-Reaktor vom Typ RBMK ist das anders: Im Falle einer Überhitzung behält der Moderator, ein 1700 Tonnen schwerer Block aus Graphit, seine Bremsfunktion - Graphit ist hitzebeständig. Die Kettenreaktion in den Brennstäben, die im Graphitblock stecken (siehe Flashgrafik oben), läuft also normal weiter. Dies begünstigte zweifellos die Katastrophe.

Als alleinige Ursache der Katastrophe kann die Bauart des Reaktors jedoch nicht gelten. Häufig ist in Berichten über den Unfall auch vom Versagen des Bedienpersonals die Rede. Sicherheitsvorrichtungen seien bewusst abgeschaltet, Vorschriften zum Betrieb es Reaktors missachtet worden.

Der Begriff Versagen ist jedoch unangebracht, wie auch der Bamberger Psychologie-Professor Dietrich Dörner in seinem Buch "Die Logik des Misslingens" schreibt. Die Bedienmannschaft habe in der Überzeugung gehandelt, die Lage im Griff zu haben, die Konsequenzen der Handlungen aber völlig falsch eingeschätzt.

Was war geschehen? Am 25. April 1986 sollte getestet werden, ob bei einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbine noch übergangsweise zur Stromerzeugung genutzt werden kann, bis die Notstromaggregate hochgefahren sind. Das Hochfahren dauert eine knappe Minute.

Um den Versuch im Falle eines Scheiterns sofort wiederholen zu können, ließen die Bediener den Reaktor in Betrieb – einer von vielen Verstößen gegen die Betriebsvorschriften in den Stunden vor der Katastrophe. Desweiteren wurde auch das Notkühlsystem deaktiviert.

Der ursprünglich für den 25. April geplante Test musste in die Nacht verschoben werden, weil tagsüber im ukrainischen Netz der Strom knapp wurde und der Reaktor zunächst am Netz blieb. Gegen 23 Uhr sollte der Reaktor dann auf etwa 25 Prozent seiner Leistung heruntergefahren werden. Aus bisher ungeklärten Gründen sackte die Leistung aber auf unter ein Prozent. Womöglich hatte der Operator die Anlage per Hand übersteuert. Eigentlich hätte der Versuch sofort abgebrochen werden müssen - ein Betrieb mit weniger als 20 Prozent war nicht erlaubt.

Regelverstöße standen an der Tagesordnung

Doch der Test lief weiter. Durch das Ausfahren fast aller Regelstäbe aus dem Graphitblock, was nicht zulässig war, gelang es, die Leistung auf sieben Prozent zu heben. Stabil arbeitete der Reaktor in diesem Bereich freilich nicht. Obendrein deaktivierten die Bediener ein Signal zur automatischen Notabschaltung des Reaktors - diese hätte einen sofortigen zweiten, eventuell erforderlichen Testlauf unmöglich gemacht.

Als gegen 1.20 Uhr am 26. April schließlich der Test begann, rächten sich die vielen Abweichungen von der Betriebsvorschrift. Plötzlich stieg die Leistung im Reaktor an - das automatische Regelsystem konnte dies nicht mehr ausgleichen. Der Schichtleiter ließ daraufhin den Reaktor abschalten - 36 Sekunden nach Beginn des Tests.

Die Abschaltung ließ die Sache vollends aus dem Ruder laufen: Als die Regelungsstäbe in den Graphitblock einfuhren, fachten sie die Kettenreaktion kurzzeitig weiter an, anstatt sie zu stoppen. Es kam zu zwei Explosionen. Ursache waren Graphitspitzen an den Regelungsstäben. Mit dem Einfahren kam zusätzlicher Moderator in die Nähe der Brennstäbe, mehr schnelle Neutronen wurden abgebremst und spalteten mehr Urankerne - die Kettenreaktion geriet außer Kontrolle.  

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Hunderttausende Menschen wurden verstrahlt. Das unmittelbare Umfeld von Tschernobyl wurde so stark kontaminiert, dass es bis heute Sperrzone ist. Wolken mit radioaktiven Spaltprodukten trieben bis nach Mitteleuropa und sorgten für große Verunsicherung der Menschen.

Der Psychologe Dörner hält das, was vor 20 Jahren im Leitstand des Reaktors geschah, für kaum verwunderlich. Beispielsweise die Nichtbeachtung von Sicherheitsvorschriften. Dies komme nicht nur in Tschernobyl vor, sondern auch in westlichen Atomkraftwerken und in der Chemischen Industrie. Arbeitspsychologen und Unfallforscher hätten ihm berichtet, dass die Umgehung von Sicherheitsvorschriften "gang und gäbe" sei.

Wir haben es ja immer so gemacht

Solche Regelverletzungen, die ja in der Regel die Arbeit erleichtern, bürgerten sich nach dem ersten Verstoß immer mehr ein. Sie würden zur Methode, schreibt Dörner im Buch "Die Logik des Misslingens", zur Gewohnheit. Schließlich habe man es ja immer so gemacht.

Auch die Selbstsicherheit der Bedienmannschaft, sie galt als ein gut eingespieltes Team angesehener Experten, deren Reaktor mehr Stunden pro Jahr am Netz war als andere, hat das Unglück begünstigt. Der Reaktor sei nicht "analytisch", sondern "intuitiv" betrieben worden.

Die Mannschaft habe zu wissen geglaubt, womit man zu rechnen habe. "Alles, was geschah, haben die Operateure bewusst gemacht und offenbar aus der vollen Überzeugung heraus, richtig zu handeln," konstatiert der Psychologe.

Hinzu kamen Zeitdruck und womöglich ein weiteres gruppendynamisches Phänomen: das sogenannte "Groupthink". In einer Gruppe von Fachleuten gebe es die Tendenz, sich selbst zu bestätigen, alles richtig und gut zu machen, schreibt Dörner. Kritik in der Gruppe werde "implizit durch Konformitätsdruck" unterbunden.

Interaktive Grafik
SPIEGEL ONLINE
Atomkraftwerke in Deutschland
Das Unglück hat Ende der achtziger Jahre die Debatte über einen Ausstieg aus der Atomkraft entfacht – aber nur wenige Länder haben sich tatsächlich von der Kernenergie verabschiedet. Dutzende Reaktoren vom Typ RBMK sind auch 20 Jahre nach Tschernobyl in ehemaligen Ostblockstaaten am Netz. Finnland will sogar ein neues Kraftwerk bauen, auch in den USA ist die Atomkraft auf dem Vormarsch – beflügelt von steigenden Öl- und Gaspreisen.

Schwere Unglücke hat es auch in den angeblich besonders sicheren Kraftwerken westlicher Bauart gegeben - etwa in den USA und in Japan. So erhitzte sich 1979 ein Reaktor im Atomkraftwerk Three Mile Island bei Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania - radioaktive Substanzen gelangten ins Freie. Es bestand sogar die Gefahr, dass der gesamte Reaktorkern durchschmilzt. In diesem Fall hätte ein Vielfaches der Radioaktivität freigesetzt werden können wie bei der Explosion einer Atombombe.

Zwanzig Jahre später, im Jahr 1999, kam es im japanischen Meiler Tokaimura zu einem folgenreichen Zwischenfall, als Arbeiter zu viel Kernbrennstoff in einen Tank füllten. Eine unkontrollierte Kettenreaktion mit hoher Strahlung begann - zwei Menschen starben, Hunderte wurden verstrahlt.

Weltweit sind mehr als 400 Kernreaktoren in Betrieb. Allen Beteuerungen der Atomlobby zum Trotz: Zwischenfälle wird es immer wieder geben – siehe Murphys Gesetz.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.