Tschernobyl-Opfer Gezerre um die Strahlentoten

Starben wenige Dutzend oder zehntausende Menschen nach der Tschernobyl-Katastrophe? Die Folgen des Atomunfalls lassen sich kaum verlässlich summieren: Greenpeace geht von deutlich höhere Opferzahlen als die Vereinten Nationen aus - und wirft deren Atom-Organisation IAEA Verharmlosung vor.

Von Stefan Schmitt


Jedes Jahr vor dem 26. April prallen bei der Frage nach der Zahl der Tschernobyl-Opfer nicht bloß die Methoden unterschiedlicher Wissenschaftler aufeinander, sondern auch die unvereinbaren Positionen im Streit um die Nutzung der Kernkraft: Gegen das Alles-halb-so-schlimm der Kernkraftlobby steht das Noch-viel-schlimmer-als-erwartet der Kernkraftgegner.

Lenin-Kraftwerk in Tschernobyl: Wie viele Menschen starben und sterben seit 1986?
EPA/DPA

Lenin-Kraftwerk in Tschernobyl: Wie viele Menschen starben und sterben seit 1986?

Lächerlich geringe Zahlen im drei- oder gar zweistelligen Bereich hüben, Hunderttausende oder Millionen Tote drüben, das hat Tradition. Doch zum 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe reicht ein reiner Zahlenstreit nicht.

Nun nannte die Umweltschutzorganisation Greenpeace in Berlin eine Schätzung von insgesamt 93.000 Toten infolge des Tschernobyl-Unglücks - und forderte außerdem einen Umbau der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA zu einer Uno-Organisation für Atomausstieg.

Bei der Vorstellung einer Studie zu den gesundheitlichen Folgen des Reaktorunglücks - nicht das grundsätzlich erste Werk dieser Art - hagelte es Vorwürfe von Greenpeace: bewusste Verharmlosung, grobe Vereinfachung. Weil in der IAEA-Satzung die Förderung der Atomenergie als Ziel festgeschrieben sei, spiele der Wiener Uno-Ableger das Leid der Leute in und um Tschernobyl herunter.

Tatsächlich hat eine im September vergangenen Jahres von der IAEA herausgegebe Studie des internationalen Tschernobyl-Forums für wütende Proteste von Atomkraftgegnern gesorgt. Greenpeace ist da nicht der erste öffentliche Kritiker - hat sich aber offenbar den falschen Adressaten ausgesucht.

Zahlen sind ohne Erläuterung nutzlos

"Wir haben da nur als Dachorganisation gedient", sagte Peter Rickwood von der IAEA zu SPIEGEL ONLINE, "im Tschernobyl-Forum waren viele Organisationen vertreten, unter anderem die Regierungen Russlands, Weissrusslands und der Ukraine. Datenmaterial zur Gesundheitssituation kamen von der WHO." Gregory Härtl, Sprecher der WHO in Genf, wirft Greenpeace kaum verklausuliert ideologische Motive vor. "Ich würde diese Studie mit größter Vorsicht genießen. Man muss sich immer in Erinnerung rufen, warum Menschen Schätzungen in die Welt setzen", sagte Härtl zu SPIEGEL ONLINE.

Dabei hatte es nach der Präsentation der Forschungsergebnisse bei der Tschernobyl-Forum-Konferenz im vergangenen Herbst sogar Kritik von beteiligter Seite gegeben, weil in einer gemeinsamen Erklärung von IAEA, WHO und der Uno-Entwicklungshilfeorganisation UNDP die Zahl 4000 als Gesamtzahl präsentiert worden war.

Die Krebsforscherin Elisabeth Cardis, eine der Hauptautorinnen der WHO zu den gesundheitlichen Folgen von Tschernobyl stellte gegenüber SPIEGEL ONLINE klar: Sie habe immer wieder betont, das für einen weiteren Umkreis um das Kraftwerk herum eine Opferzahl von 9000 Toten geschätzt würde. WHO-Sprecher Härtl sagte, für ganz Europa eine Opferzahl in der Größenordnung von 20.000 Toten anzunehmen sei "nicht inkonsistent".

"Doch je weiter man sich von dem Reaktor fortbewegt, desto ungenauer und fehleranfälliger werden Schätzungen", sagte Härtl. Die WHO-Forscher hatten vorhandene Studien zur Sterblichkeit nach dem Reaktorunfall verglichen und ausgewertet. Nur wissenschaftlich belastbare, ausschließlich in Fachjournalen veröffentlichte, methodisch einwandfreie Arbeiten hätten dabei Beachtung gefunden, betonte Härtl.

Die Greenpeace-Autoren, die ebenfalls viele Arbeiten zu einer Metastudie verarbeitet haben, prangerten im Report des Forums eine Verengung auf einige Krankheitsbilder, Bevölkerungsgruppen und Gebiete an. Der Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer wies darauf hin, dass zu den strahlungsbedingten Krebsfällen die Zunahme anderer strahlenbedingter, möglicherweise tödlicher Leiden wie Atemwegs- und Blutgefäßerkrankungen, Immunschwächen oder Infektionen hinzukämen.

Wie eng müssen Ursache und Wirkung zusammenhängen? Wovon existieren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, nach Vertuschung, Schlendrian und interessengeleiteter Kommunikation noch verlässliche Aufzeichnungen? 20 Jahre nach dem Unglück forschen Wissenschaftler immer noch nach einer verbindlichen Zahl, die doch immer von der Forschungsfrage und ihrer Methode abhängt: Starben 56, 34.499 oder 50.000 Menschen im und um das Pompeji des Atomzeitalters?

  • Von bisher 56 Toten spricht die IAEA, bezogen auf die Opfer unter den Rettungshelfern und neun an Schilddrüsenkrebs verstorbene Kinder aus dem Umfeld des Reaktors.
  • 34.499 verstorbene Rettungshelfer verzeichnet die Ukrainische Kommission für Strahlenschutz.
  • Eine Schätzung der WHO summierte die Einsatzkräfte, die infolge von Strahlenschäden starben oder Selbstmord begingen im Jahr 2000 auf 50.000.
  • Von 50.000 bis 100.000 Toten alleine unter den Aufräumarbeitern geht das Komitee der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz aus.
  • In einem streng vertraulichen Bericht hatte das Zentralkomitee der KPdSU Mitte Juli 1986 Zwischenbilanz gezogen: 26 Tote.

Greenpeace-Sprecherin Albert betont: Obwohl sich die Organisation selbst keine Opferzahl zueigen machen wolle, halte man eine Hochrechnung der Russischen Akademie für Wissenschaften für eine realistische Größenordnung. 270.000 zusätzliche Krebsfälle, von denen rund 90.000 tödlich verlaufen, hatten die russischen Mediziner auf den Reaktorunfall zurückgeführt, weltweit - zukünftige Todesfälle eingeschlossen.

Eine methodologisch streng verknappte Sichtweise in den offiziellen Reporten auf der einen Seite, eine umfassend alle Folgen einkalkulierende Perspektive auf der anderen Seite: Ohne genaue Erklärung der Randbedingungen sind Zahlen zu Tschernobyl-Opfern nahezu nutzlos - außer als wirtschaftliche oder politische Argumentationshilfe.

Ist es gar möglich, dass dies der Kern des Streits ist? "Nein, wir streiten über divergierende Zahlen", sagt Albert.

Endbilanz der Folgen unmöglich

IAEO, WHO und UNDP hatten pauschal von "definitiven Antworten" und dem "wahren Ausmaß" des Reaktorunfalls gesprochen - und ihre Zählweise damit gleichsam sprachlich als Endbilanz zementiert.

Wie diese selektive Darstellung der Realität sich zum vermeintlichen Faktum verselbstständigt, zeigt exemplarisch eine Erklärung der Internationalen Länderkommission Kerntechnik (ILK) der Länder Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Lapidar und atomlobbynah wird hier festgestellt, die Zahl von 4000 Todesfällen aus dem Forum-Report entspreche "etwa einem Drittel der durch Rauchen verursachten Todesfälle."

Die Strahlenschutzkommission des Bundesumweltministers hatte im Frühjahr in einer Stellungnahme zum Katastrophenjahrestag erklärt, was auch für die Zukunft Geltung haben könnte: Tschernobyl sei auch eine Informations- und Kommunikationskatastrophe gewesen, "das Ereignis wurde zu spät, unwahr, verharmlosend und inadäquat kommuniziert."

mit AFP/dpa/Reuters

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