Satellitenbild der Woche Deckel drauf

Eine riesige Schutzhülle soll verhindern, dass radioaktive Strahlung aus der Atomruine in Tschernobyl tritt. Noch ist sie nicht in Betrieb, doch aus dem All ist die silberne Kuppel schon gut zu erkennen.

Kernkraftwerk Tschernobyl, 2018
Alexander Gerst / Twitter

Kernkraftwerk Tschernobyl, 2018


Im November 2016 war es endlich so weit: Arbeiter schoben eine gigantische neue Hülle über den Katastrophenreaktor von Tschernobyl. Die 1986 in einer Hauruckaktion über den Meiler geschütteten 7000 Tonnen Stahl und 410.000 Kubikmeter Beton waren nur ein undichtes Provisorium.

Dass die neue Schutzhülle steht, ist auch aus dem All zu erkennen. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst hat das Bauwerk im November von der Internationalen Raumstation ISS aus fotografiert. Zum Vergleich zeigt er ein Bild aus dem Jahr 2014, als die neue Schutzhülle den alten Sarkophag noch nicht verdeckte. In Betrieb ist die neue Anlage bislang allerdings nicht. Mehrfach gab es Verzögerungen.

Zunächst sollten die Arbeiten Ende 2017 abgeschlossen sein. Dann wurde der Termin auf Ende Mai 2018 verschoben, nun soll der Bau Ende 2018 eingeweiht werden. Grund für die Verzögerungen ist die hohe Strahlung unter der Schutzhülle. Arbeiter können sich dort nur kurz aufhalten, sodass es auf der Baustelle vergleichsweise langsam vorangeht.

Schutz vor Wasser

Damit die Schutzhülle ihren Dienst tun kann, müssen Belüftungssysteme und elektrische Leitungen installiert werden. Die Belüftung soll die Luftfeuchtigkeit unter der Abdeckung bei maximal 40 Prozent halten, die elektrischen Systeme sollen die radioaktive Strahlung und die Temperatur am Katastrophenreaktor überwachen.

DER SPIEGEL

Sobald die neue Schutzhülle in Betrieb ist, ist zudem vorgesehen, den undichten, rostigen Sarkophag sowie den havarierten Reaktorblock zurückzubauen. Dafür müssen Kräne installiert werden. Eine Technologie, um tonnenweise strahlendes Uran zu bergen, gibt es allerdings noch nicht.

Die ukrainische Atomaufsichtsbehörde sieht trotz der Verzögerungen schon jetzt einen Nutzen der neuen Tschernobyl-Hülle. Diese verhindere beispielsweise, dass Regen in Risse im alten Sarkophag eindringe, wodurch radioaktives Wasser entstehen könne. Nichtregierungsorganisationen warnen dagegen davor, dass instabile Teile des alten Sarkophags kollabieren könnten, bevor die neue Hülle für solch einen Fall Schutz bietet.

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Satellitenbild der Woche: Schnappschüsse aus dem All

Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl war am 26. April 1986 havariert, als Fachleute einen Stromausfall in der Anlage simulierten. Ein unkontrollierbarer Leistungsanstieg führte zur Explosion des Reaktors und damit zum Super-Gau. Das Nuklid Cäsium-137 gelangte damals bis nach Bayern und Baden-Württemberg, wo es bis heute nachweisbar ist.

Die Menschheit wird noch mehrere Jahrhunderte mit der radioaktiven Strahlung zu tun haben (warum das so ist, lesen Sie hier). Auch die neue Hülle über dem Reaktor bietet nur für etwa hundert Jahre Sicherheit.

jme



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MannAusmNorden 03.12.2018
1. Schon beeindruckend!
Diese Ingenieursleistung ist beeindruckend! Immerhin handelt es sich um eine 250m freitagende Halle, also ähnliche Dimensionen wie die Cargolifter-Halle. Nur dazu dann die speziellen Umgebungsbedingungen. Ich finde es gut, dass immerhin versucht wird die Kraftwerksruine zurückzubauen. Hoffentlich wird es dann auch irgendwann möglich sein die ganze Anlage zu dekontaminieren. Aber ich denke, das wird noch weitere 30 bis 60 Jahre dauern.
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