Tuberkulose Killerbakterien in Südafrika aufgetaucht

Kein Medikament konnte ihnen helfen: In Südafrika sind 52 Menschen in wenigen Tagen an Tuberkulose gestorben, weil der Erreger gegen alle bekannten Arzneien resistent war. Experten fürchten, dass sich der gefährliche Bakterienstamm weiter ausbreitet.

Von Franziska Badenschier


Der Killer-Stamm der Tuberkuloseerreger "ist nahezu nicht behandelbar", sagte Paul Nunn von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Bei 53 Menschen sei der neue Stamm gefunden worden, 52 von ihnen seien innerhalb von 25 Tagen gestorben. "Das ist ein echter Massenausbruch", sagt Tony Moll, der den tödlichen Tbc-Stamm bei Tests am King George V Hosital in Durban (Provinz KwaZulu-Natal) entdeckt hat. Unter den Tausenden von untersuchten Patienten seien die 53 Fälle zwar nur wenige, aber wegen seiner hohen Todesrate ist der neue Stamm laut Moll "beunruhigend und alarmierend".

Südafrikanische Tuberkulose-Patientin: Neuer Erregerstamm ist gegen alle Medikamente resistent
AFP

Südafrikanische Tuberkulose-Patientin: Neuer Erregerstamm ist gegen alle Medikamente resistent

Ken Castro von der US-Seuchenkontrollbehörde CDC mahnte zu schnellem Handeln. Das Auftreten der neuen Tuberkulose-Variante "stellt überall auf der Welt eine Bedrohung dar", sagte er zum Auftakt eines zweitägigen Krisentreffens in Johannesburg, an dem mehr als 100 internationale Gesundheitsexperten teilnehmen.

Zurzeit sterben täglich etwa 5000 Menschen an Tuberkulose (Tbc), fast zwei Millionen sind es in einem Jahr weltweit, so die neuesten Zahlen der WHO. Sollten sich Fälle wie die in Südafrika häufen, könnte es noch schlimmer kommen.

Tuberkulose ist eine weltweit verbreitete Krankheit; der Tbc-Erreger Mycobacterium tuberculosis wird vor allem beim Niesen und Husten weitergegeben. Anfällig für die früher als Schwindsucht bezeichnete Erkrankung sind vor allem geschwächte Menschen: Arme, Unterernährte, HIV-Infizierte.

Allein in Kamerun leidet jeder zweite HIV-Infizierte auch an Tuberkulose. Ihr Immunsystem ist so geschwächt, dass es die stäbchenförmigen Tbc-Bakterien nicht vernichten kann - die Betroffenen werden schwach und müde, nehmen ab und husten, manchmal sogar mit Blut. Normalerweise wird eine Tuberkuloseinfektion mit einer Kombination aus zunächst vier Medikamenten behandelt, nach zwei Monaten dann nur noch mit zweien. Sollte einer der Wirkstoffe nichts ausrichten, greifen Mediziner auf andere Antibiotika zurück.

"Der Superbazillus ist gegen alle Medikamente resistent"

"Die Menschen in Tugela Ferry aber wurden von einem Superbazillus infiziert, der bereits gegen das gesamte Medikamentenspektrum resistent war - so dass die Patienten praktisch nicht behandelt werden konnten", sagt Moll.

Die Patienten könnten sich in einem Krankenhaus angesteckt haben, wo sie alle vor Ausbruch der Tuberkulose waren. Laut Moll befinden sich unter den 53 Infizierten auch zwei Krankenhausmitarbeiter. Allerdings waren einige der Infizierten Minenarbeiter, die weit herumkamen. "Wenn man in anderen Provinzen suchen würde, fände man dort zweifellos ebenfalls den neuen Stamm", sagt Moll.

Die WHO warnte sofort vor dem neuem Tbc-Stamm: Er sei als "extremresistent" einzustufen. Zwei Prozent aller Tbc-Resistenzen gehörten zu dieser im Prinzip nicht behandelbaren Kategorie, habe die neueste Studie der WHO und der US-amerikanischen Centers for Diesease Control ergeben.

Bei jedem Fünften wirken die zwei wichtigsten Arzneien nicht

Für die Erhebung waren 18.000 Proben von Tbc-Patienten zwischen November 2004 und November 2005 untersucht worden. 20 Prozent der dabei beobachteten Erreger seien multiresistent gewesen. Das bedeutet laut WHO-Definition: Dem Erreger können zumindest die beiden wirksamsten der insgesamt sechs Tbc-Medikamente, Isoniazid und Rifampicin, nichts anhaben. Um die Infektion dennoch behandeln zu können, bekommen die Tbc-Kranken eine weitere Therapie mit bis zu fünf Medikamenten gleichzeitig - sie ist giftiger, dauert bis zu 21 Monate und kann mehr als 100 Mal so viel kosten wie eine Standardbehandlung.

Sorgen bereitet den Tbc-Experten zudem, dass einige dieser multiresistenten Erreger wohl sogar extremresistent gewesen seien. Vier Prozent der Multiresistenz-Fälle in den USA hätten auf gar keine Medikamente reagiert. Nach Angaben des WHO-Experten Nunn waren in Korea 15 Prozent der Multiresistenzen zugleich auch Extremresistenzen; in Lettland und anderen baltischen Regionen sowie in der früheren Sowjetunion waren es gar 19 Prozent.

Mix aus Tuberkulose und HIV könnte Katastrophe werden

"Das Problem mit der extremresistenten Tuberkulose ist kein spezifisch afrikanisches", meint Anselm Schneider, in Kamerun tätiger Seuchenexperte der Weltbank. Allerdings nähmen in Afrika die Mehrfach- und Totalresistenzen schneller zu als anderswo. "Hier können viele Betroffene die Therapie nicht konsequent durchhalten, denn sie müssen über große Entfernungen anreisen, ihre Familien und Äcker verlassen", sagt Schneider. Viele setzten die Medikamente ab, sobald es ihnen besser gehe, und manche Ärzte ordneten eine falsche Behandlung an, ergänzt die WHO.

Sollten sich die Fälle mit Killer-Tbc-Bazillen häufen und weiter ausbreiten, droht laut Schneider eine Katastrophe: "Im Mix mit HIV ist eine extremresistente Tuberkulose sehr brisant und droht, die Sterblichkeit und Prognose der HIV-Infizierten dramatisch zu verschlechtern. Das würde die derzeitigen Bemühungen um eine flächendeckende antiretrovirale Therapie von Aidskranken eventuell komplett zunichte machen."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.